Luftangriff am 15. April 1945 Bomben über Backnang

Eine Gedenktafel listet die Namen der Opfer des Luftangriffs auf Foto: Gottfried Stoppel
Eine Gedenktafel listet die Namen der Opfer des Luftangriffs auf Foto: Gottfried Stoppel

Gegenüber des Bahnhofs erinnert jetzt ein Mahnmal an die Opfer des verheerenden Luftangriffs der Amerikaner, der 25 Menschenleben forderte. Ein Zeitzeuge erinnert sich noch genau an den Tag vor 70 Jahren.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)
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Backnang -

Es ist der 15. April 1945. Werner Wildermuth und einige seiner Kameraden treffen sich auf einer Wiese an der Backnanger Walk­steige – dort, wo sie sich meistens treffen, etwa um Fußball zu spielen. An diesem Nachmittag jedoch haben die Buben anderes im Sinn. Die Jugendlichen – Wildermuth ist 14 und vor wenigen Tagen erst konfirmiert worden – haben einen Aufruf erhalten, sich zum Volkssturm zu melden, um den „Heimatboden“ des Deutschen Reiches zu verteidigen. „Wir wussten nicht, was wir machen sollten“, erinnert sich Wildermuth, der erst ein dreiviertel Jahr zuvor mit seiner Mutter zu Verwandten nach Backnang geflüchtet war, nachdem das Elternhaus bei dem Hauptangriff auf Stuttgart am 25. Juli 1944 völlig ausgebombt worden war. „Doch diese Entscheidung haben uns dann die Amerikaner abgenommen.“

Die Kinder rennen um ihr Leben

Urplötzlich wird das Gespräch der Kinder von dem bedrohlichen Lärm herannahender Flugzeuge übertönt, kurz darauf sind die ersten Einschläge zu hören. Die Gruppe wird buchstäblich auseinandergesprengt, die Kinder rennen in alle Richtungen davon, um sich in Sicherheit zu bringen. Werner Wildermuth schafft es unter eine Sitzbank, bevor eine Splitterbombe ganz in seiner Nähe in den Boden kracht. Sein rechter Arm, das spürt er deutlich, hat gehörig etwas abbekommen. „Als ich aufgestanden bin, hab ich gemerkt, dass ich am Bluten war.“

Irgendwer verständigt das Rote Kreuz, doch Verbandsmaterial gibt es keines, es ist mit einem benachbarten Lazarett in die Luft geflogen. Wildermuth wird behelfsmäßig in eine Decke eingewickelt und später in einen Krankenwagen gepackt. Der rast halsbrecherisch mit Vollgas in Richtung Krankenhaus, denn mittlerweile werfen erneut Flugzeuge ihre todbringende Fracht über Backnang ab.

Die Luftangriffe vom 15. April 1945 waren die heftigsten, die von den Amerikanern auf Backnang geflogen wurden. Sie forderten 25 Todesopfer, darunter sechs Kinder im Alter zwischen elf und 13 Jahren. Zwölf Kampfflugzeuge vom Typ Republic P-47 Thunderbolt, die um 16.25 Uhr im französischen Lunéville gestartet waren, warfen 194 Splitter- und Brandbomben ab. Dass gegen 20.15 Uhr eine zweite Welle die Stadt erschütterte, war eher einem tragischen Zufall geschuldet. Die 86. Fighter Group, die gegen 19.10 Uhr ebenfalls in Lothringen gestartet war, sollte eigentlich die Eisenbahnlinie zwischen Crailsheim und Dombühl zerstören. Weil das Wetter das Vorhaben verhinderte, wurde die Squadron nach Backnang umgeleitet, wo sie 24 Sprengbomben niederprasseln ließen. Unter den 34 beschädigten Gebäuden war auch das in der Landwirtschaftsschule am Etzwiesenberg eingerichtete Hilfslazarett, das völlig zerstört wurde. Allein dort kamen 14 Menschen zu Tode.

Werner Wildermuth hat überlebt, er wurde gegen zwei Uhr in der Nacht operiert und dann von einer Diakonieschwester versorgt. „Ich habe Glück gehabt“, sagt der heute 84-jährige vierfache Vater, „andere hatten das nicht“.

Nopper: Mahnmal kommt spät, aber nicht zu spät

In der Nähe eben jenes Areals, auf dem früher das Hilfslazarett stand und heute die Volkshochschule untergebracht ist, hat die Stadt gegenüber dem Bahnhof jetzt ein Mahnmal errichtet und auf den Tag und die Stunde genau vor 70 Jahren eingeweiht. „Die Stele kommt spät, aber sie kommt nicht zu spät“, sagte der Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper, „denn für Erinnern, Gedenken und Mahnen ist es nie zu spät“.

Werner Wildermuth und seine Frau Heidi finden es gut, dass es nun einen Ort des Innehaltens gibt, an dem den Menschen die Unsinnigkeit des Krieges vor Augen geführt wird. Sie selbst brauchen das Mahnmal als Erinnerungsstütze freilich nicht. Die Ereignisse haben sich auf Lebzeiten in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Wenn ich von aktuellen Krisenregionen in der Welt höre, bekomme ich eine Gänsehaut“, sagt Heidi Wildermuth, „und sehe jedes Mal vor mir, wie Stuttgart in Trümmern liegt.“




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