Fellbach von oben Das Dreieck in der Fellbacher Verkehrsschneise

Von Dirk Herrmann 

Der Stuttgarter Platz entwickelt sich über die Jahrzehnte zur „Drehscheibe des Durchgangsverkehrs“. Mit der Fertigstellung des Stadttunnels 1997 wurde ein Großteil der Blechlawine in den Untergrund verlegt.

Luftbilder aus den Jahren 1955 und 2017. Foto: Stadtmessungsamt Stuttgart 11 Bilder
Luftbilder aus den Jahren 1955 und 2017. Foto: Stadtmessungsamt Stuttgart

Fellbach - Eine Nord-Süd-Achse, eine West-Ost-Verbindung – und mittendrin der Fellbacher Nukleus. Vier Straßen treffen an diesem zentralen Ort aufeinander: die Stuttgarter Straße aus dem Westen, die Schorndorfer Straße aus dem Osten, die Bahnhofstraße von Norden her kommend und die Cannstatter Straße aus dem Süden. Und wesentliches stadtplanerisches Element des Areals ist jenes Dreieck, das man auf unseren Luftbildern bestens erkennen kann – und zwar 1955 ebenso wie auf dem aktuellen.

Hier tobte wohl schon in früheren Jahrzehnten oder Jahrhunderten das Leben und trafen fahrende Händler aufeinander, wenn sie etwa diese aus der Landeshauptstadt über Bad Cannstatt und den Anstieg der Nürnberger Straße hinauf gen Fellbach kutschierten oder noch weiter in Richtung Osten zum Remstal gelangen wollten.

Bebaut war diese Ost-West-Verknüpfung allerdings bei weitem nicht in jenem Maße, wie sie es heute ist. Dies beweist der Blick auf unser oberes Luftbild aus dem Jahr 1955, wo große Lücken insbesondere in Richtung Osten erkennbar sind. Ganz rechts immerhin ist schon damals die Firma Andreas Maier erkennbar – kein Wunder, hat die Firma doch seit ihrer Gründung als Schlossfabrik im Jahr 1890 ihren Sitz an der Waiblinger Straße.

Ebenso erkennbar aus der Vogelperspektive von 1955 ist die Freifläche nördlich davon – keine Spur von der Friedrich-List-Straße (der Verlängerung der Waiblinger Straße). Die Bühlstraße war auch noch längst nicht absehbar. Und die Vision von Deutschlands dritthöchstem Wohnwolkenkratzer, dem Gewa-Tower, hätte vor Jahrzehnten allenfalls schallendes Gelächter ausgelöst.

Doch zurück zum Fellbacher Nukleus, zum Dreieck an der Bahnhofstraße: Ältere Mitbürger erinnern sich noch, wie ein Verkehrspolizist inmitten dieses Zwickels von einem Podest aus die mobilen Ströme lenkte. Allerdings wirkt die Situation auf unserer Fotografie unten rechts seltsam, ja fast arrangiert: Die Ampel vorne zeigt Grün, der Schattenwurf der Sonne lässt auf eine Fotoaufnahme zur Nachmittagszeit schließen – und doch ist allenfalls ganz links ein verdecktes Fahrzeug zu erkennen.

Ebenso lässig war die Atmosphäre auch sonst gern am Stuttgarter Platz, wie eine weitere Aufnahme von 1950 suggeriert. So entspannt ging es in den folgenden Jahrzehnten nicht mehr zu. Nicht nur Anwohner erinnern sich noch mit Grausen an die immer gewaltiger werdende Blechlawine, die sich täglich mit mehr als 60 000 Fahrzeugen auf den zwei Spuren je Richtung durch die zweigeteilte Stadt Fellbach quälte. Wenn es auch keine (Berliner) Mauer war, die die Bürger komplett separierte, so war es durchaus ein trennender Faktor, der die Lebensqualität beeinträchtigte.

Für die Entlastung sorgte schließlich insbesondere der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel. Ihm gelang es, das Land vom absolut notwendigen Stadttunnel zu überzeugen und erhebliche Unterstützungsgelder locker zu machen. So kam es, dass die 808 Meter lange Röhre – am westlichen Ausläufer zweigeteilt – im November 1997 freigegeben werden konnte. Das „Jahrhundertbauwerk Stadttunnel“ (Kiel) kostete insgesamt 80 Millionen Mark (gut 40 Millionen Euro), davon blieben an Fellbach 30 Millionen Mark hängen.

Durch den Tunnel fahren täglich rund 21 000 Fahrzeuge

Auf der vorherigen „Drehscheibe des Durchgangsverkehrs“, am neugestalteten Stuttgarter Platz mit seinem „südländischen Flair“ und seinen Wasserspielen, feierten die Bürger gebührend die Verbesserungen. „Das Herz ist wiederbelebt“ verkündete Kiel voller Euphorie: „Wir können wieder schnaufen.“ Die Abluft aus dem Tunnel wird über die beiden 40 Meter hohen, nachts grün leuchtenden Entlüftungskamine über dem Ostportal abgeführt. Die schiefen Türme von Fellbach, im Vergleich zum nahe gelegenen Gewa-Tower (108 Meter) fast bescheiden dimensioniert, tragen im Volksmund in Erinnerung an Kiels Einsatz die Spitznamen „Friedrich“ und „Wilhelm“. Durch den Tunnel fahren täglich rund 21 000 Fahrzeuge. Oberirdisch sind es täglich etwa 11 500 Fahrzeuge.

Der Tunnel und der neue Stuttgarter Platz haben das Lebensgefühl in Fellbach deutlich aufgewertet. Und bei Welt- oder Europameisterschaften strömen Hunderte deutscher oder italienischer Fußballfans zu den Jubelfeiern hier her.