Luftig wohnen in der Region Stuttgart Erst Gewächshaus, jetzt lichtheller Wohntraum für eine Familie

Der Architekt Harald Jahnke hat Gewächshaus in Tamm bei Ludwigsburg in einen großzügigen Wohntraum verwandelt. Foto: Dietmar Strauß/Jahnke Architektur

Eine Familie baut mit einem Architekten das Gewächshaus der Großeltern nahe Ludwigsburg in ein behagliches und ökologisch gutes Wohnhaus mit Holzpool um. Backsteine aus Polen und Leder aus Reutlingen spielen dabei auch eine Rolle.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Pomeranzen, Citrus- und Orangenbäume. Palmen. Und die herrlich duftenden Ananasbäume. Sie alle verlängern den südlichen Sommer auch in Mitteleuropa, doch damit sie jedes Jahr aufs Neue erduften, müssen die Pflanzen im Winter unter Glas geschützt werden. Die ersten solcher Orangerien wurden in den europäischen Fürstenhöfen seit dem 16. Jahrhundert gepflegt, auch in Ludwigsburg am Hofe unterhielt man so ein Glasgebäude, um seine südländischen Pflanzen herzuzeigen und Botaniker zu erfreuen.

 

Reizvoll sind diese Gebäude auch kulturell – in Kinofilmen wird in Gewächshäusern in schwül warmer Luft hinter großblättrigen Pflanzen gern heimlich geküsst oder geraucht. Längst sind die durchsichtigen Repräsentationspavillons industriellen Glasfabriken gewichen, wo Blümchen, Kräuter für Balkon und Garten in Massen gedeihen.

Wohnhaus mit Glas und Ziegeln aus Polen

Nicht weit von der Ludwigsburger Orangerie entfernt, am Rande von Tamm, zwischen Bauernhof und Wohnhäusern, betrieb eine Familie eine Gärtnerei mit einigen Gewächshäusern. Heute wohnt die Enkel- und Urenkelgeneration dort: Jessica Widmaier mit Gatte Thomas Lamparter und Sohn Richard.

Von der Straße am Rande eines Wohngebietes führt ein gekiester Weg am Holzhaus der Eltern von Jessica Widmaier vorbei direkt auf den Vorhof zu dem Gewächshaus, das erhalten und umgebaut wurde. Gläsernes Dach und Seitenwände stehen noch und bieten einen überdachten Eingangsbereich, das Haus schließt dahinter an.

Das hat den Vorteil, dass die Familie ohne Zaun auskommt, offen wohnt und doch einen geschützten Rückzugsraum besitzt. Denn man muss schon die Nase an die Scheibe drücken, um einen freien Blick auf den neuen Wohntraum mit grasgrüner Küche zu erhaschen und auf die imposante Palme, die optisch den Wohn- vom Küchenbereich trennt.

„Wir fanden schon immer alte Gebäude toll, und wir wollten das Erbe der Großeltern bewahren, Teile des Bestands retten“, sagt Jessica Widmaier auf die Frage, warum sie ins Glashaus gezogen sind. Und wenn sie schon einmal bauen in ihrem Leben, so der ehrgeizige Plan, dann richtig, auch im ethischen Sinne.

Für das Projekt begeisterte das Paar den Architekten Harald Jahnke von Jahnke Architektur aus Ludwigsburg, der nach allen ökologischen Regeln der Baukunst planen konnte: „Die alten Gewächshäuser haben eine reizvolle Ästhetik, es war für mich großartig, dass die Bauherren den Wert des Bestands gesehen haben.“

Jahnke ließ sich von den Gegebenheiten der Natur inspirieren, er integrierte das Wohnhaus in die Geometrie der vorhandenen Gewächshäuser. Wo aber immer möglich, blieben Glaswände in den alten Gewächshäusern stehen, auch die alten Bodenplatten der Gärtnerei etwa durften bleiben – wurden erst ausgebaut, dann nach Verlegung der Fußbodenheizung wieder eingebaut.

Blick auf das umgebaute Gewächshaus und die Umgebung. Foto: Dietmar Strauß/Jahnke Architekten

Die Bauherren legten beim Umbau mit Hand an: „Mit der Flex“, sagt Bauherr Thomas Lamparter, „haben wird die Seiten und das Dach zum Teil abgeschnitten.“ Denn etwas besser behütet als von einer Glas wollte die Familie dann doch sein. Daher hat der Architekt drei Scheiben als Wände eingezogen – Dämmziegel mit Luftkammern, großporige Ziegel mit Holzdämmung.

Für die Außenwände kam das Material von einem abgebrochenen Haus aus Polen. „Wir haben bei einem Anbieter aus Norddeutschland eine LKW-Ladung Backsteine bestellt, wussten allerdings nicht, wie gut die Ziegel erhalten sind“, sagt der Architekt. Das Wagnis hat sich gelohnt – die Ziegel sind einwandfrei, Ästhetik und Patina gab’s obendrein gratis. Jahnke: „Es handelt sich um deutsches Ziegelmaß – Reichsformat – , das ist etwas flacher und länger als die heutigen Ziegel oft sind.“

Olivenleder mit Häuten vom Albbüffel

Abgesehen von dem Transport aus Polen wurde vornehmlich mit Handwerkern aus der Region und regionalem Material gearbeitet. Der Split vor dem Haus stammt aus einem Steinbruch in Vaihingen an der Enz, das Holz der Einbaumöbel und Wände aus dem Schwarzwald und der Schotter im Haus, der statt den Sockelleisten verwendet wurde, ist aus Markgröningen. Um auch im Haus an die Vorgeschichte des Gebäudes zu erinnern, finden sich nämlich keine Sockelleisten am Boden, sondern kleine Steinchen.

Der Kaminbauer kommt aus Ludwigsburg, die seitliche Sitzplatte aus unbehandeltem Holz wurde mit Olivenleder bezogen – ein Sattlermeister hat dafür Häute vom Albbüffel aus Reutlingen bekommen. Auch die Lederwahl hat mit der Familienbiografie zu tun – der Bauherr hat eine Firma, die Leder mit einem Gerbstoff aus Olivenblättern produziert, die Bauherrin, Diplom-Designerin, entwirft Kinderschuhe aus diesem ökologisch unbedenklichen Leder.

„Vieles haben wir zum ersten Mal ausprobiert, auch für die Handwerker gab es viele erste Male. Und egal ob Flaschner oder Zimmerleute“, sagt Harald Jahnke, „alle hatten Lust darauf“. Wenn so vieles ausprobiert wird, ist gute Vorarbeit und Zeit nötig, die Planung dauerte bis zum Baubeginn 2020 zwei Jahre. Abriss, Um- und Neubau nahmen noch einmal so vie Zeit in Anspruch. „Es steckt viel Handwerkskunst in dem Haus“, fügt Thomas Lamparter hinzu.

Und da beim Ausprobieren und möglichst ökologischen Bauen die Kosten zuweilen höher sind als beim Standardbau überlegten die Bauherren bei Komfortfragen, wie viel Luxus sein muss: „Wir haben uns immer gefragt – was brauchen wir wirklich?“, sagt Thomas Lamparter. Sie brauchen keine zwei Waschbecken oder zwei Bäder zum Beispiel. Keine Kompromisse gab es bei der Energiefrage – beheizt wird das Haus mit einem Erdwärmekollektor, selbstredend findet auf dem Dach eine PV-Anlage Platz – „wir bezahlen kaum Strom“, sagt die Bauherrin.

Um nur so viel Technik wie nötig einsetzen zu müssen, wurde lange getüftelt, etwa an einen hinreichenden Dachüberstand – damit im Winter die tief stehende Sonne hereinscheint und wärmt und im Sommer vor Sonne geboten wird. „Wir hatten ein Planmodell, mit dem wir den Sonnenstand modellieren konnten“, sagt der Architekt. Falls es doch zu warm würde, könnten Raffstores abhelfen.

Hohe Räume und ein romantischer Garten

Für Wohnqualität sorgt auch das, was bei Gründerzeitaltbauten geschätzt wird – die großzügige Raumhöhe. Dank der Kubatur der Gewächshäuser sind die Räume und der lange Gang, der vom Sohnemann und seinen Freunden zum Spielen und Wettrennen genutzt wird, mit bis zu 4,80 Meter Höhe deutlich über dem Neubaustandard.

Neben dem offenen Wohn- Küchen-Essbereich sind die Rückzugsräume untergebracht, das Arbeitszimmer des Ehepaares zur Straßenseite, Bad, Schlaf- und Kinderzimmer, eine Tür führt direkt nach hinten in den romantischen Garten. „Wir haben so ziemlich alles“, sagt Jessica Widmaier, „Apfelbäume, ein Kirschbaum, Pfirsichbäume, im Hof eine Albizia, eine Paulownia, eine Trauerweide und einen Nussbaum. Wir haben drei Feigenbäume, Heidelbeeren, Himbeeren und Weinreben, Holunderbüsche und Haselnuss-Büsche. Zwei Banenenstauden gehören auch ins Sortiment, und es wachsen verschiedene Gräserarten und auch Lavendelbüsche haben wir.“

Im Garten ist das gärtnerische -Erbe der Großeltern ebenfalls allgegenwärtig, etwa die Apparaturen, die einst zur Lüftungssteuerung der Gewächshäuser dienten. Weiter hinten in Richtung der angrenzenden landwirtschaftlichen Felder sind auch noch Gewächshäuser zu finden – in neuer Funktion. Sie behüten nicht mehr Gemüse und zarte Zierpflänzchen, die Familie hat sich für den Einbau eines Schwimmbades entschieden. Ein Holzpool mit Teichfolie und Biofilter.

Fragende Blicke beantwortet Thomas Lamparter mit einem Lächeln – „denken Sie an die Pfahlbauten am Bodensee oder in Amsterdam“. Die vor Jahrhunderten vom Schwarzwald in die Niederlande transportieren Baumstämme halten die Stadt bis heute. Die Technik fürs zu öffnende Dach des Pool-Gewächshauses ist dann aber doch 21. Jahrhundert – und lässt sich vom Wohnzimmer aus steuern. An Ostern wird traditionell angebadet und im Sommer ist stets viel Besuch im Garten.

Ob beim Pool oder im Haus, stets achteten Architekt und Bauherren auf möglichst recycelbares und ökologisches Material. Unterm Boden findet sich Glasschotter als Dämmung, das Dach wurde mit Seegras gedämmt. Die Säcke in denen das Seegras geliefert wurde, konnten die Bauherren sogar wieder zurückschicken – Abfall beim Bau vermeiden, das gehört für sie ebenfalls zum nachhaltigen Bauen.

Sortenrein trennbares Material

„Wir wollten keine Mogelpackung und falls unser Sohn das Haus rückbauen will, muss er nichts auf den Sondermüll bringen“, sagt Jessica Widmaier. Im Haus sind die Einbauten und Möbel vom Schreiner maßgefertigt. „Wände und Konstruktionsholz, also Pfetten, Sparren und Träger und so weiter, sind ist aus dem Kinzigtal im Schwarzwald und unverleimt“, sagt Harald Jahnke. Alles wurde verschraubt, damit es sortenrein trennbar wäre – wobei einen Rückbau niemand wollen kann. Denn diesem charmanten Wohnglashaus – in dem nun vielleicht keine Pomeranzen, dafür sehr viele andere Pflanzen wachsen –, und das die alten Glaspavillons auf architektonisch meisterlich neu interpretiert, ist ein ewig langes Leben zu wünschen.

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