Erst mal durchatmen – oder besser doch nicht? „Da aktuell keine Messwerte vorliegen, ist eine belastbare Bewertung der Luftqualität in Esslingen nicht möglich“, teilt Wolfgang Ratzer mit, der Leiter des zuständigen Esslinger Stadtplanungsamts. Der Grund für den Abbau der 2016 eingerichteten Messstelle in der Grabbrunnenstraße ist eigentlich ein erfreulicher, nämlich die Unterschreitung der Grenzwerte bei den Schadstoffen Feinstaub (PM 10, also bis zu einem Partikeldurchmesser von zehn Mikrogramm) und Stickstoffdioxid (NO2). Beim Feinstaub erreichte man 2019, im letzten Jahr der Messung, einen Jahresmittelwert von 23 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, der EU-Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. An 16 Tagen wurden 50 Mikrogramm überschritten, zulässig sind Überschreitungen an 35 Tagen. Das rote Band der geltenden Grenzwerte wurde in Esslingen nie gerissen. Anders beim Stickstoffdioxid, wo man 2017 und 2018 über dem Limit von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter lag. Seit 2019 bewegen sich die Daten im grünen Bereich, bei der letzten Messung 2020 ergaben sich 34 Mikrogramm Jahresmittelwert.
Konsequenz: Die Landesanstalt für Umweltschutz (LUBW), die in ganz Baden-Württemberg die offiziellen Messstellen betreibt, hat gemäß ihren Regeln für sogenannte Spotmessungen (zeitweilige Messungen) die Esslinger Station abgebaut. Generell weist die LUBW auf eine sich stetig verbessernde Luftqualität hin. Überschreitungen der Feinstaubgrenzwerte würden im Land „selbst an hochbelasteten Standorten nicht mehr festgestellt“, teilt Pressesprecherin Tatjana Erkert mit. Und Stickstoffdioxid, das im Wesentlichen vom Autoverkehr emittiert wird, liege heute „nur noch in sehr engen, viel befahrenen Straßenschluchten“ über dem zulässigen Höchstwert. Als Ursache gibt die LUBW die „Erneuerung der Fahrzeugflotten“ sowie das Software-Update zur Reduzierung der Emissionen in Dieselautos an.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Dicke Luft wegen Messgerät
Wobei Grenzwerte keine Grenze der Diskussion und wohl auch nicht immer objektiver Indikator der schädlichen Menge sind. Jörg Sanzenbacher, Vorsitzender des Vereins Esslingen-Feinstaub-Lärm, weist auf die wesentlich strengeren Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hin, die zum Beispiel bei Stickstoffdioxid einen Grenzwert von nur zehn Mikrogramm anrät. Aus Sanzenbachers Sicht „berücksichtigt die WHO nur medizinische Gründe, während der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm politisch ist.“ Gesundheitsgefährdung versus Kompromiss: Das habe der EU eine Hängepartie seit 2008 beschert, als der Wert bereits auf 20 Mikrogramm abgesenkt werden sollte. Laut Katja Walther, der Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz und Nachhaltigkeit der Stadt Esslingen, könnte demnächst wahr werden, was so lange schon unerledigt währt: Die Europäische Union plane, bis zum dritten Quartal 2022 die bisherigen Standards den WHO-Empfehlungen anzunähern. Nur: „Mit dem Inkrafttreten der EU-Richtlinie ist nicht vor 2024/25 zu rechen.“ Und dann muss sie noch in nationales Recht übernommen werden.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Gesundheitsrisiko: „Feinstaub ist nicht harmlos“
Es geht aber nicht nur darum, wie man misst, sondern auch was. Sanzenbacher kritisiert, dass in Esslingen nur der „grobkörnigere“ PM-10-Feinstaub erfasst wurde, nicht aber der gefährlichere PM-2,5-Feinstaub, dessen winzige Partikel, kaum so groß wie Bakterien, zum Beispiel in Lungenbläschen dringen können. Bereits die Esslinger PM-10-Messungen haben jedoch einen bedenklichen Wert ermittelt, nämlich die dritthöchste in Baden-Württemberg gemessene Konzentration von Benzo(a)pyren, einer krebserzeugenden Substanz. Während laut Ratzer der Hauptteil der Emissionen in Esslingen vom Autoverkehr ausgestoßen wird, sind SUV, Diesel und Co. beim Benzo(a)pyren ausnahmsweise mal nicht der Bösewicht. „Hauptgrund für den hohen Wert“, so der Leiter des Stadtplanungsamts, „ist die Holzfeuerung.“ Was Sanzenbachers Forderung nach einem Verbot von Holz- und Pelletheizungen oder zumindest nach wirksamer Filtertechnik Recht geben dürfte. Den Konflikt mit Klimaschutz und aktuellen politischen Belangen räumt er ein: Gasheizungen als Alternative emittieren CO2, und das Gas stammt immer noch großteils aus Russland.
Abkehr vom Verbrennungsmotor
Einigkeit herrscht in puncto Verkehr als Esslinger Hauptluftverschmutzer: Der Umweltaktivist fordert flächendeckend Tempo 30 und eine konsequent autoarme Innenstadt. Stabsstellenleiterin Walther verweist auf die „Wende“ in der städtischen Verkehrspolitik hin zu E-Mobilität, öffentlichen Verkehrsmitteln und einer „attraktiven Infrastruktur für Fahrradfahrer und Fußgänger“.
Wiederaufnahme der Messungen ist unwahrscheinlich
Die Chance auf erneute Schadstoffmessungen durch die LUBW besteht indes eher auf dem Papier als in der Praxis, schätzt Sanzenbacher. Die LUBW führt zwar auf Antrag von Kommunen oder auch Privatpersonen NO2-Sondermessungen durch, aber nur, wenn „an den genannten Standorten Überschreitungen von Grenzwerten zu erwarten sind“, sagt Pressesprecherin Erkert. Solange die bisherigen Grenzwerte gelten, gilt das in Esslingen als unwahrscheinlich.
Schadstoffe in der Luft
Feinstaub
Beim PM10-Feinstaub wurde der Esslinger Höchstwert 2016 und 2017 erreicht: 26 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft als Jahresmittelwert und jeweils 26 Tagen Überschreitung des Tageswerts von 50 Mikrogramm. Die „Feinstaub-Zentrale“, das Stuttgarter Neckartor, kam 2016 auf 38 Mikrogramm und 58 Überschreitungstage. Laut WHO steht namentlich eine erhöhte Belastung des in Esslingen nicht eigens gemessenen feineren PM2,5-Feinstaubs in Zusammenhang unter anderem mit schweren Herz-Kreislauferkrankungen.
Benzo(a)pyren
Das im Feinstaub enthaltende krebserregende Benzo(a)pyren ist ein polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoff. Er entsteht bei der unvollständigen Verbrennung organischer Stoffe, ist in hoher Konzentration im Zigarettenrauch enthalten. Die in Esslingen gemessenen Werte sind jeweils die dritthöchsten im Land (2016: 0,9 Nanogramm pro Kubikmeter Luft, 2019 noch 0,3 Nanogramm). Der EU-Grenzwert beträgt ein Nanogramm.
Stickstoffdioxid
Eine Reizung von Schleimhäuten und Atemwegen ist die Folge erhöhter Stickstoffdioxid-Belastung. Mit der Zunahme von Herz-Kreislauferkrankungen besteht ein statistisch belegter Zusammenhang. Außerdem werden Pflanzen durch Stickstoffoxide geschädigt.