Für Ortsunkundige ist es nur ein schlichtes Garagentor, das nicht viel Spektakuläres verspricht. Wer sich jedoch im Esslinger Stadtteil Mettingen auskennt, der weiß, dass sich hinter diesem unscheinbaren Eingang ein weitverzweigtes Stollensystem auftut. In unregelmäßigen Abständen erhellen Glühbirnen die Gänge, großgewachsene Zeitgenossen müssen immer wieder den Kopf einziehen, im Schleusenbereich mit den gebogenen Stahltüren wird es eng. Winzige Stalaktiten, die aus dem Beton des Stollenbauwerks herausgewaschen werden, erinnern stellenweise an eine Tropfsteinhöhle.
Im Zweiten Weltkrieg war der Luftschutzstollen gebaut worden, um der Belegschaft der nahen Maschinenfabrik Esslingen, aber auch den Mettingerinnen und Mettingern, die nicht im Kriegseinsatz waren, Schutz vor drohenden Luftangriffen zu bieten. Heute ist der Stollen verwaist. Doch er hat bleibenden Eindruck hinterlassen bei all jenen, die im Krieg dort manche bange Stunden verbringen mussten – und bei denen, die irgendwann einmal Gelegenheit hatten, dieses außergewöhnliche Bauwerk zu besichtigen. „Lost Places“ nennt man heutzutage solche verlassenen Orte, die auf viele Zeitgenossen eine besondere Faszination ausüben.
Ein Labyrinth aus Gängen
Das 2000 Meter lange Gang-System, das in den Jahren 1939 und 1940 für rund zwei Millionen Reichsmark gebaut worden war, besteht aus etwas mehr als zwei Meter breiten Gängen. Größere Räume konnten aus Stabilitätsgründen im Sandstein unter dem Mettinger Friedhof nicht gebaut werden. Anders als klassische Bunkeranlagen verfügt der Mettinger Stollen nicht über Zu- und Abluft-Leitungen. Für frische Luft war dennoch gesorgt: Einer der sechs Ausgänge führte über 185 Stufen in die Weinberge hinauf und wirkte wie ein Kamin.
Bleibende Geheimnisse
„Bestimmte Ausstattungsmerkmale der Stollenanlage wie verhältnismäßig umfangreiche Toilettenanlagen, Wasch- und Lagerräume sowie Sanitätsbereiche sind geeignet, eine über den Zivilschutz hinausgehende Nutzung zu unterstellen“, haben die Experten des Vereins Forschungsgruppe Untertage notiert, die sich intensiv mit der Bunkeranlage beschäftigt haben. „Einige noch heute erhaltene Beschriftungen an den Wänden tragen ebenfalls dazu bei, andere Nutzungsarten zu vermuten. Und auch der gitterähnliche Grundriss der Anlage ähnelt stark den Stollenbauten, die ab 1944 zur Untertageverlagerung von Produktionsstätten errichtet wurden. Belege für eine Nutzung als Produktionsstandort konnten jedoch nicht gefunden werden.“
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Achtklässler der früheren Grund- und Hauptschule Mettingen hatten das Stollensystem 1997 mit ihrem Klassenlehrer Gernot Hauff erkundet und damals von der Zeitzeugin Hedwig Poppel viel Wissenswertes über die Anlage erfahren: „Im Bunker selbst gab es keine Betten, auf dem Betonboden standen Holzbänke ... Man brachte sich warme Kleidung mit. Ärzte gab es nicht, aber zwei bis drei Krankenschwestern. An den Stahltüren standen Wachtposten. Essen und Trinken mussten wir selbst mitnehmen – und jeder hatte einen kleinen Koffer mit den wichtigsten Dingen dabei, die man nicht verlieren wollte. Jedes Mal, wenn Fliegeralarm war, sind wir in den Bunker gegangen. Wir verließen unsere Häuser und blieben so lange, bis es wieder ruhig war. Aber man konnte es im Bunker nicht den ganzen Tag aushalten. Man bekam einen richtigen Koller. Deshalb sind wir manchmal nachts heim gegangen. In manchen Häusern gab es tiefe Keller, meist waren das die Keller der Weingärtner.“
Reizvolle Kulisse
Bis vor wenigen Jahren hat der Mettinger Fritz Gneithing Führungen durch den Luftschutzstollen angeboten. Und wer Gelegenheit hatte, diesen geheimnisvollen Ort in seiner Begleitung zu erkunden, wird die besondere Atmosphäre des unterirdischen Labyrinths nicht mehr vergessen. Gneithing kennt jeden Winkel in der Stollenanlage, und er versteht es vorzüglich, die Geheimnisse dieses verlassenen Ortes zu vermitteln – etwa in einer unvergesslichen Lesung mit dem Schauspieler Gerhard Polacek in der Reihe „Erlesene Orte“ von Stadtbücherei und Eßlinger Zeitung. Doch mittlerweile bleibt das Tor zur Unterwelt für die Öffentlichkeit verschlossen, was nicht nur Gneithing, sondern auch viele Esslingerinnen und Esslinger bedauern. Denn im Mettinger Luftschutzstollen kann Geschichte lebendig werden. Und man beginnt zu ahnen, was Menschen im Krieg ertragen mussten – und an vielen Orten der Welt immer noch ertragen müssen.
Der Bunkerbau im Zeitraffer
Entstehung
Die Bunkeranlage unter dem Friedhof an der Mettinger Lerchenbergstraße gilt als Esslingens größter Luftschutzstollen. Gebaut wurde er in den Jahren 1939 und 1940 von der Maschinenfabrik Esslingen (ME), die sich das Projekt zwei Millionen Reichsmark kosten ließ. Neben der Belegschaft des Unternehmens sollten dort auch die Mettinger Bevölkerung Zuflucht finden. Auf einer Fläche von etwa 2200 Quadratmetern mit gitterähnlichem Grundriss gab es bis zu 2000 Sitzplätze – historischen Dokumenten zufolge sollte die Anlage sogar bis zu 5000 Schutzsuchende aufnehmen.
Wiederentdeckung
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Alliierten die meisten Luftschutzstollen „entfestigen“. Doch unter dem Eindruck des Kalten Krieges wurden Schutzräume aus der Zeit vor 1945 reaktiviert. Auch der Mettinger Bunker wurde stellenweise neu befestigt, die Arbeiten blieben jedoch unvollendet.