Luigi Rossignuolo ist obdachlos Die Nachtigall von Stuttgart

Mehrere Gefängnisaufenthalte haben über die Jahre Luigis Haut mit Tattoos gefüllt. Jedes davon erzählt eine Geschichte. Foto: Samuel Müller

Das Emotionalste aus dem StZ-Plus-Archiv: Seit 2019 lebt Luigi Rossignuolo in Stuttgart auf der Straße. Wie verbringt er die Tage? Und wo schläft er? Wir haben den Obdachlosen 24 Stunden begleitet.

Stuttgart - Luigi bietet mir ein Stück Decke an. „Wird scheißkalt, glaub mir.“ Ich lehne dankend ab. Habe mich gut vorbereitet: Isomatte, Schlafsack, dicker Pullover, Jacke, Thermowäsche, Handschuhe, Mütze. Wird schon reichen. Plus zwei Grad zeigt das Thermometer an, der kalte Luftzug macht mir zu schaffen. Ich ziehe meinen Jackenkragen etwas höher. Das gleißend helle Licht der Unterführung über mir lässt mich nicht schlafen. „Lass dich einfach fallen“, nuschelt Luigi. „Ich mach jetzt die Augen zu, bin echt ziemlich durch.“ Neben meinem Kopf liegen Zigarettenkippen, und der Uringeruch, der sich im Boden festgesetzt hat, brennt in meiner Nase. Felu, der zwischen uns liegt, übernimmt die Nachtwache. Die Alarmsirene für den Fall der Fälle.

 

Seit April lebt Luigi Rossignuolo mit seinem Hund Felu auf der Straße, macht Platte – so nennt man das Schlafen auf Beton. „Rossignuolo bedeutet im Sizilianischen Nachtigall“, sagt er. Luigi ist schwerer Alkoholiker. Der Tag beginnt mit einem Schluck aus der Flasche und endet damit. Rund zwei Liter harten Alkohol trinkt er. Jeden Tag. Über drei Promille braucht er, um überhaupt zu funktionieren. Pegeltrinker nennt man Leute, die nicht ohne können. Wann er das letzte Mal nüchtern war, weiß er nicht.

An einem Dienstagvormittag treffe ich mich mit dem 42-Jährigen im Café 72, einer ambulanten Tagesstätte in Stuttgart-Bad Cannstatt. 24 Stunden will ich ihn begleiten, um zu verstehen, wie das Leben auf der Straße abläuft. Um einen Einblick zu bekommen. Wir vereinbaren absolute Ehrlichkeit. „Kein Bock, mich zu verstellen. Ich will ich sein.“ Klingt gut.

Provozieren, um zu existieren

„Sorry, habt ihr hundert Euro? Bekommt auch zwei dafür zurück!“ Luigi geht lachend auf eine Gruppe junger Männer zu, die alle eine Bierdose in der Hand halten. Hier am „Rondell“, so nennen sie den Treffpunkt vor dem Cannstatter S-Bahnhof, kommt die Szene zusammen. Luigi kramt eine grüne Flasche aus seinem Rucksack und setzt an. Meisterschütz – der billige Kräuterschnaps in der grünen Flasche verschlägt einem fast den Atem: „Ich bin, wie ich bin, okay?“ Das wird er mir noch öfter sagen an diesem Tag.

Mit der S-Bahn fahren wir in die Stadt. Mehr als zehnmal ist er schon beim Schwarzfahren erwischt worden. Auch im Knast war er deshalb schon, um Bußgelder abzusitzen, die er nicht bezahlen kann. „Guten Tag, die Fahrscheine bitte!“, ruft Luigi durch den Waggon und zwinkert mir mit seinen braunen Augen verstohlen zu. Die Fahrgäste schauen bedrückt weg, weichen seinem Blick aus. Luigi weiß genau, was er für einen Eindruck hinterlässt, wie er aussieht, dass er ein Penner ist. Die Provokationen gegen Passanten helfen ihm, sich lebendig zu fühlen. Irgendwas, um zu spüren, dass er überhaupt noch existiert. Nur Kinder, Mütter und ältere Menschen, die behandelt er mit Respekt.

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Den Anschluss an die „Normalos“ hat er schon lange verloren. Deshalb verbringt er die Zeit mit Gleichgesinnten. An einer S-Bahn-Station in der Stuttgarter Innenstadt treffen sie sich. Schon seit Jahrzehnten Anlaufstelle für Penner, Junkies, Alkoholiker und Dealer. Als wir ankommen, werden Luigis Bekannte von fünf Polizeibeamten gefilzt. Von oben bis unten untersucht. Die Polizisten sind auf der Suche nach Tabletten. Heroin sei schon lange raus aus Stuttgart. Heute werden vermehrt Opiate und Antidepressiva gedealt. Die Leute sind alle clean. Nur ein hagerer Mann mit bleichem, knochigem Gesicht hat etwas Marihuana dabei. „Ist medizinisch, der ist schwer krank, hat auch ’ne Bescheinigung“, meint Luigi. Die Streife rückt ab. Eine Flasche billigen Wodkas macht die Runde.

Der Knast rettet ihm das Leben

Er war schon immer Einzelgänger, mit 16 Jahren verfällt er den Drogen. Nach Alkohol und Cannabis folgen schnell psychoaktive Drogen, LSD, Kokain. Irgendwann bietet ihm jemand „Shore“ an, minderwertiges Heroin. Er ist 19. Nach vier Tagen setzen die ersten Entzugserscheinungen ein. Er braucht mehr. Von da an ist er abhängig. „Heroin kommt von Gott. Heros. Die Gottesdroge. Gibt dir das, was dir kaputtgegangen ist.“ Eine Narbe an seiner Armbeuge zeugt von der Vergangenheit an der Nadel. Blutvergiftung.

Diverse Aufenthalte im Gefängnis zwingen ihn zum Entzug, unterbrechen die Sucht. Seinen dritten Entzug macht er freiwillig. Beim vierten klappt es dann. Ist der Entzug wie ein Weg durch die Hölle? Luigi schmunzelt. Die Hölle reicht bei Weitem nicht aus, um den Entzug zu beschreiben. Der Knast hat ihm das Leben gerettet. Das war 2009. Seitdem trinkt er.

„Jetzt kommt der erniedrigende Teil.“ Luigi sucht in einem Mülleimer nach einem gebrauchten Kaffeebecher und stellt ihn vor sich auf den Boden. Es ist schon dunkel, ein kalter Spätherbstabend in einer Stuttgarter U-Bahn-Station. Viele Berufstätige haben Feierabend und sind auf dem Heimweg. Luigi hat keinen Cent in der Tasche, muss also schnorren – so nennen sie die Bettelei in der Szene. Zehn Euro braucht er jeden Tag, vor allem für Alkohol und Hundefutter. Sein Hartz-IV-Geld reicht ihm nur einen halben Monat. Das Leben ist teuer auf der Straße.

„Hoffentlich kommt die Polizei nicht.“ Eigentlich ist unter der Woche Aufenthaltsverbot in der Station. Und aggressives Betteln verboten. Wenn es schlecht läuft, gibt es einen Platzverweis.

Die Polizisten kennen ihn

Eine Frau, Anfang zwanzig, schmeißt ein paar Cent in Luigis Becher. Ob es nicht langsam kalt werde? Ob wir etwas bräuchten? Sie schaut mitleidig auf uns runter und flüstert: „Tut mir leid.“ Luigi ist gerührt. Es passiert nicht oft, dass jemand stehen bleibt und sich tatsächlich für ihn interessiert. Die meisten ignorieren ihn.

Felu springt auf. „Bitte lassen Sie mich in Ruhe, ich tu doch niemandem was. Wir sitzen hier nur!“ Vier Polizeibeamte stehen vor uns. „Den Hund an die Leine!“, ruft eine blonde Beamtin, die einen ausgewachsenen Schäferhund führt.

Jeden Tag kontrolliert der Polizeibeamte Roy Evans mit seinen Kollegen verschiedene Hotspots, an denen gebettelt oder Platte gemacht wird. Luigi ist ihm kein Unbekannter. „Hast immer noch keinen Personalausweis, oder?“ Eigentlich müsste er eine Ordnungswidrigkeit melden. Aber Luigi hat kein Geld. Das weiß Evans. Deshalb lässt er ihn mit einer mündlichen Verwarnung ziehen. An manchen Tagen sind es viele, die Evans wegschicken muss. Rund 80 Obdachlose gibt es momentan in Stuttgart. Im Winter, wenn das Thermometer unter null Grad anzeigt, sind die Polizisten kulanter. Dann haben Sie Listen dabei mit den Nummern für Notunterkünfte. Aber viele gehen dort nicht hin. Auch Luigi nicht. Er kann nicht, denn er hat ein Versprechen gemacht.

Im April dieses Jahres fällt Luigis Ex-Freundin in ein Koma, Lungenversagen. Er verspricht, auf ihren Mischlingshund Felu aufzupassen. Und er hält seine Versprechen: „Ich bin ein Penner. Aber ein Penner mit Stolz.“ Deshalb kann er nicht in die Notunterkunft. Tiere sind dort nicht erlaubt. Auch einen Wohnsitz bekommt er nicht. Mit seiner kriminellen Vergangenheit, als Alkoholiker und zusätzlich mit Hund hat er auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt keine Chance. „Schau mir doch mal in die Augen! Wer will mich schon?“ Vor wenigen Tagen war er beim Arzt, er hat Probleme mit der Bauchspeicheldrüse. Wenn Luigi weiter so trinke, werde er nicht mehr lange leben, warnte der Arzt. Luigi wird nichts ändern. Er kann nicht ohne Alkohol.

Ein paar Stunden Schlaf

„Erst wenn du spürst, was es bedeutet, wenn die Kälte in den Knochen sitzt, dann weißt du, was Platte machen ist.“ Gegen Mitternacht suchen wir unser Nachtlager. Vorbei an Bars und Clubs, in denen noch ausgelassene Stimmung herrscht, landen wir in einer Unterführung. Gestern hat noch ein anderer Wohnsitzloser hier geschlafen. Ein verdreckter Schlafsack und eine Handvoll Pappkartons liegen achtlos auf dem Boden verteilt. Luigi breitet seine Isomatte darauf aus. Hoffentlich kommt der andere nicht mehr. Luigi musste sich schon öfter um den Platz streiten. Über uns ist das Rauschen der vorbeifahrenden Autos zu hören. Ein relativ sicherer Ort, um Platte zu machen. Luigi nimmt noch mal einen kräftigen Schluck vom Kräuterschnaps. „Find ich ja echt geil, dass du das mitmachst“, sagt er zu mir.

Bevor Luigi die Augen schließt, dreht er sich noch einmal um: „Verstehst du jetzt Alkoholismus? Ich saufe, um den ganzen Scheiß hier zu ertragen und um abends, und sei es nur für ein paar Stunden, ins Koma zu fallen.“ Morgen muss er wieder schnorren gehen, doppelt so viel, weil heute nicht viel rumkam. Auch wo er schlafen wird, weiß er noch nicht.

Sein Körper schaukelt unruhig im Schlafsack hin und her. Ein paar Stunden Schlaf, um den wirren Gedanken zu entfliehen. Langsam vermischen sich die Straßengeräusche mit seinem monotonen Schnarchen. Die Kälte des Bodens beginnt in den Schlafsack zu kriechen. Ich zurre den Verschluss zu und versuche, das helle Licht über mir zu ignorieren.

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