Auf Fotos sehen Mahlzeiten meistens appetitlicher aus als in der Realität. Der Ludwigsburger Lukas Günther setzt der opulenten Kochbuchästhetik eine simple Tellerschau entgegen – und lichtet Speisen völlig ungeschminkt ab.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Ludwigsburg - Der Rostbraten, den Lukas Günther in seiner Heimatstadt Ludwigsburg verspeiste, schwamm in einer braunen Soße. In der kambodschanischen Hafenstadt Sihanoukville wurde ihm ein Fisch serviert, der so aussah, als hätte bereits eine streunende Katze daran genagt. Und der Rand der wagenradgroßen Pizza, die ihn in Venedig sättigte, war verkohlt.

Speisen sehen selten so appetitlich aus, wie sie in Kochbüchern, Feinschmeckerzeitschriften oder auf Lebensmittelverpackungen präsentiert werden. Professionelle Fotografen präparieren vor dem Shooting jede Gartenbohne, damit das Gemüse grüner und knackiger wirkt, als es Mutter Natur jemals hinbekommen würde. Sie rücken jedes Gericht ins rechte Licht, drapieren es in einem stilvollen Ambiente und suchen nach dem schmeichelhaftesten Aufnahmewinkel. So entsteht jene inszenierte Serviervorschlagästhetik, die unsere Sehgewohnheit prägt. Die Bilder suggerieren eine perfekte Nahrungswelt.

Ungekünsteltes Kunstwerk

Lukas Günther ist kein Werbefuzzi, sondern ein Nebenerwerbskünstler, und als solcher missachtet er bewusst alle Regeln der Food-Fotografie. „Eat it!“ heißt das Projekt, mit dem er sich während seiner Studienzeit an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg und dem anschließenden Realschulreferendariat beschäftigt hat. In jedem der 19 Länder, die Günther während dieser Zeit bereiste, hat er fotografiert, was ihm aufgetischt wurde. Und zwar, wie er sagt, „ganz direkt“: einfach mit der Kompaktkamera von frontal oben draufgehalten. Das Blitzlicht seiner Lumix spiegelt sich auf dem Rindersteak, dem gemischten Salat oder in der Nudelsuppe. Jeder halbwegs ambitionierte Hobbyfotograf würde solche technischen Mängel per Bildbearbeitung beseitigen. Nicht so Lukas Günther, der ein ungekünsteltes Kunstwerk wollte, das dank Sponsoren und dem Verlag der Pädagogischen Hochschule nun auch als Buch vorliegt.

Es ist ein buntes Sammelsurium aus rund 70 Mahlzeiten – vom Frühstück für ein paar Cent aus einer asiatischen Straßenküche bis zum 60-Euro-Hauptgang beim Starkoch Vicent Klink auf der Stuttgarter Wielandshöhe. Lukas Günther orientierte sich bei seinem Werk an der „Düsseldorfer Photografenschule“ von Bernd und Hilla Becher: Das Künstlerpaar hatte einst massenweise Hochöfen und Wassertürme aus immer derselben Zentralperspektive abgelichtet. Diesen nüchtern-analytischen Stil übertrug der Realschullehrer Günther auf seine kulinarischen Motive. Er verbinde mit seinem Bilderreigen keine plakative Botschaft, sagt er, sondern wolle Raum für eigene Gedanken geben.

Bilder ohne plakative Botschaft

So reflektiert Annika Plank, ehemalige Mitarbeiterin des Kunstmuseums Stuttgart, das Buch akademisch. „Wie Bernd und Hilla Becher in den 1960er Jahren begannen, durch ihre Typologie ein Bewusstsein für den kulturellen Wert von Industriebauten zu wecken, schärfen Lukas Günthers Bilder den Blick für den Umgang mit Essen“, schreibt Plank im Vorwort. „In ihnen spiegelt sich soziokulturelle Prägung und Verfasstheit der jeweiligen Gesellschaft – Koch- und Essrituale als Ausdruck von Tradition und Fortschritt, Mangel und Überfluss, Mittel politischer Stellungnahme und sozialer Distinktion.“

Dem naiven Betrachter fällt eher auf, dass viele Gerichte auf Lukas Günthers Fotos schlichtweg ekelhaft aussehen. Dabei hatte der reisende Speisende mit Rücksicht auf die eigene Befindlichkeit darauf verzichtet, in Vietnam gegrillten Hund oder in Kambodscha frittierte Insekten zu essen. „Ich mag solche krassen Sachen nicht“, sagt er.

Gegessen wird, was vertraut ist

Stellt sich die Frage, wie es zu individuellen Lebensmittelpräferenzen überhaupt kommt. Ernährungspsychologen gehen davon aus, dass sie durch Gewohnheit entstehen: Gemampft wird, was bereits bekannt und vertraut ist. Entgegen dem Sprichwort „Das Auge isst mit“ scheinen ästhetische Kriterien die Menüauswahl kaum zu beeinflussen. Jedenfalls wirken die Schweine-, Rind-, Lamm- und Geflügelfleischgerichte, welche Günther weltweit zu sich genommen hat, auf seinen Bildern wenig appetitlich. Dennoch hat er sie wonnevoll verspeist.

Lukas Günther sagt, dass ihm alles, was in seinem Buch abgebildet ist, „sehr gut geschmeckt hat“. Bei der „Pasta nera con Sepia“, die ihm im August vergangenen Jahres in Venetien kredenzt wurde, gerät er geradezu ins Schwärmen: „Ein ganz wunderbares Aroma!“ Visuell erscheinen die Tintenfischspaghetti hingegen wie ein Würmergulasch. Zwischen all den Kochbildbänden mit ihren opulenten Fotos wirken solche primitiven Aufnahmen verstörend lebensecht.

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