Lungensportgruppe in Fellbach Der Schnaufer-Karle ist immer mit dabei

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Die Lungensportgruppen, die der SV Fellbach seit bald 30 Jahren anbietet, genießen großen Zulauf – der Einzugsbereich geht von Oberstenfeld bis Lorch. Lungenkranke können sich für den Alltag fit halten und sich mit Gleichgesinnten austauschen.

Gabriele Rybak (links) zeigt Übungen, mit denen die Brustmuskulatur gestärkt und gedehnt wird. Foto: Patricia Sigerist
Gabriele Rybak (links) zeigt Übungen, mit denen die Brustmuskulatur gestärkt und gedehnt wird. Foto: Patricia Sigerist

Fellbach - Ihren Schnaufer-Karle haben fast alle ständig dabei. Mit dem freundlichen Spitznamen bezeichnen Lungenkranke den transparenten Atemschlauch, der sie mit Sauerstoff aus einem mobilen Gerät versorgt. „Meines wiegt fünf Kilogramm, die schleppe ich ständig mit mir herum“, berichtet eine Frau aus Korb, die auf einen Plastikbehälter in ihrem Rucksack zeigt.

Nur Schritt für Schritt kommt die Esslingerin die wenigen Meter vom Parkplatz zur Halle vorwärts

Jede Woche gehe sie außerdem zum Kraftsport, damit sie angesichts des zusätzlichen Gewichts nicht schlapp mache. Und immer donnerstags kommt sie nach Fellbach, weil ihr der Lungensport, den der SV Fellbach seit bald 30 Jahren anbietet, so gut tut. „Alles geht halt viel langsamer“, erklärt eine Seniorin auf dem Weg zur Gäuäckersporthalle. Nur Schritt für Schritt kommt die Esslingerin die wenigen Meter vom Parkplatz zur Halle vorwärts, denn Lungenkranken geht rasch die Luft aus. Umso wichtiger sei ihr das wöchentliche Training und die gute Gemeinschaft in der Gruppe, für die sie seit acht Jahren die fast halbstündige Anfahrt in Kauf nehme – zumindest so lange ihr altes Auto noch mitspiele.

Nicht nur aus Esslingen, auch aus dem Kreis Ludwigsburg, aus Stuttgart und aus Lorch machen sich Patienten regelmäßig nach Fellbach auf den Weg zu Gabriele Rybak, die immer donnerstags den Lungensport anbietet – und das seit 20 Jahren. Die Physiotherapeutin leitet hier drei Gruppen mit unterschiedlichem Leistungsvermögen an; darunter eine Patientengruppe, in der sich fast alle Teilnehmer wegen ihrer fortgeschrittenen Beschwerden mit Sauerstoff versorgen müssen.

Immerhin hätten sich im Rems-Murr-Kreis inzwischen neue Lungensportgruppen in Backnang, Plüderhausen und Winnenden gebildet

Der Einzugsbereich für die Lungensportgruppen sei so groß, weil es im Gegensatz zu Angeboten für andere chronische Erkrankungen wie beispielsweise Herzsportgruppen für Lungenpatienten immer noch viel zu wenig vergleichbare Sportangebote gebe. Bundesweit seien es lediglich 25 an der Zahl, obwohl immer mehr Menschen an Lungenerkrankungen litten, allen voran die chronische obstruktive Lungenkrankheit COPD, für die Raucher und Passivraucher das größte Risiko trügen, aber auch Asthma- und Bronchitiserkrankungen seien auf dem Vormarsch, erklärt die Physiotherapeutin. Immerhin hätten sich im Rems-Murr-Kreis inzwischen neue Lungensportgruppen in Backnang, Plüderhausen und Winnenden gebildet, weiß die Lungensport-Fachübungsleiterin. „Bei uns geht es nicht um leistungsorientierten Sport“, erklärt Rybak, die im Auftrag des SV Fellbach die drei Sportgruppen in der Gäuäckersporthalle anleitet.

Auch in der Gäuäckersporthalle dreht sich an diesem Vormittag vieles um den Oberkörper

An Stelle von sportlichen Erfolgen wolle sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Alltag erleichtern und zeigen, wie mit weniger Atemaufwand körperliche Belastungen gemeistert werden können. Jeder Korb Wäsche, der zuhause hoch gehoben und transportiert werden muss und jedes Aufstehen aus dem Sessel sei eine Herausforderung, bestätigt auch Dieter Kruse, der sich als Koordinator für die Lungensportgruppen engagiert. Auf den ersten Blick sind dem agilen Rentner seine Einschränkungen durch ein angeborenes Asthmaleiden nicht anzusehen, doch das Joggen habe er inzwischen aufgegeben, räumt der 79-Jährige ein.

„Schön, dass du wieder gesund bist“, begrüßt Kruse eine Teilnehmerin, die drei Wochen gefehlt hat und davon berichtet, wie gut ihr neben dem Sport auch das Singen im Korber Liederkranz tut – und das nicht nur, weil beim Singen der Brustkorb weiter wird. Auch in der Gäuäckersporthalle dreht sich an diesem Vormittag vieles um den Oberkörper: Da werden breite Gummibänder gedehnt, um die Brustmuskulatur zu stärken und es wird das Zwerchfell trainiert, das als größter menschlicher Atemhilfsmuskel fungiert.

Vor jedem Training sichtet Kruse die Namen der Teilnehmer und deren Verordnungen. Er berät seine Schützlinge, wenn sich eine Krankenkasse mal wieder querstellt und die Kosten für den Sport nicht übernehmen will. Kruse rät in solchen Fällen zum Widerspruch und hat auch die passenden Formulare dafür parat. Übrigens freue er sich über jeden, der sich auf den Weg nach Fellbach mache, denn mancher Lungenkranke traue sich vor lauter Vorsicht kaum noch aus dem Haus.