Stuttgart ahoi!
Stuttgart ahoi! Der Blick in die Umgebung lässt das ozeanische Hochgefühl sogleich wieder abflauen: kein Wasser weit und breit, stattdessen: gepflegte Villen, die vielfach schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben, hier ein Walmdach, dort eine Dachgaube. Schwäbische Halbhöhen-Gediegenheit, welcher südwärts der Kessel zu Füßen liegt. Wenn man sich diesen mit Meerwasser gefüllt vorstellte ...
Um Meiers Stadthaus in Ulm gab es viel Aufregung
Das strahlende Fassadenweiß verrät den Schöpfer dieses nach Fitzcarraldo-Art auf einen Berg verirrten Schiffs. Nicht umsonst hat der New Yorker Architekt Richard Meier in den USA den Beinamen „the white guy“. Weiß ist dessen Markenzeichen und Meier ein Name, bei dem das Wörtchen „Stararchitekt“ reflexhaft zur Hand ist.
Der 1934 geborene Architekt mit deutschen Wurzeln begann seine Karriere mit Wohnhäusern und schuf in der Folge lichtdurchflutete, vielfach in unterschiedliche geometrische Volumina zergliederte Bauten in aller Welt, Büro- und Verwaltungsgebäude und immer wieder Museen wie etwa das Getty Center in Los Angeles, das Museum Frieder Burda in Baden-Baden oder das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. 1984 errang er den Pritzker-Preis, die höchste Architekturauszeichnung weltweit. In Ulm ging 1993 mit satten Rundungen und gläsernen Giebeln das Stadthaus am Münsterplatz vor Anker – nicht ohne vorab ob der Angemessenheit seiner Architektur in direkter Nachbarschaft zum ehrwürdig-steinernen Münster hohe Wellen zu schlagen.
Architekturaffine Käufer
Großstädte in aller Welt reißen sich heutzutage um einen Meier – nun ist die baden-württembergische Landeshauptstadt zum Zug gekommen. Mit dem Pritzker-Preisträger wollte das Stuttgarter Bauunternehmen Wohnbau Studio eine so architekturaffine wie zahlungskräftige Kundschaft ansprechen. Dass der Renommier-Architekt bei dem Projekt mit an Bord gegangen sei, habe man auch dem Umstand zu verdanken, dass unter den Büropartnern Meiers ein Schwabe aus Gaisburg gewesen sei, erzählt Geschäftsführer Alexander Schaber.
„Bewohnbares Meisterwerk“
Für das „Haus in Weiß“ warb man mit Slogans wie „ein Ort exklusiver Kennerschaft“ oder „bewohnbares Meisterwerk“. 90 bis 260 Quadratmeter groß sind die sechs Luxusapartments mit ihren zwei bis fünf Zimmern. Die Ausstattung ist erlesen: Landhausparkett aus Eiche, Kunststeinzeug in den Bädern, Würzburger Muschelkalk auf der Terrasse, den Garten gestalten italienische Landschaftsarchitekten. Ein Käufer hat sich das gesamte zweite Obergeschoss gekapert, die 4,5-Zimmer-Penthouse-Maisonette plus die benachbarte 2,5-Zimmer-Wohnung. Den Quadratmeter-Kaufpreis gibt der Bauherr mit 18 000 bis 23 000 Euro an.
Bei den Grundrissen liefern Meier Partners, wie sich das Büro seit 2021 nennt, mit einem zentralen Wohn-Ess-Koch-Raum, um den sich die übrigen Zimmer gruppieren, eher Standardware ab. Meier nannte stets die Villen Le Corbusiers als Vorbild seiner Wohnbauten, preist Licht als seinen bevorzugten Baustoff. In der Schottstraße eröffnen die umlaufenden Fensterfronten reichlich Panoramaausblicke. Dass beispielsweise in der 3-Zimmer-Wohnung, die wir besichtigen konnten, selbst die Brause im Bad vor dem bodentiefen Fenster platziert wurde, dürfte gewöhnungsbedürftig sein. Innen- wie außen liegende Jalousien garantieren dennoch Privatsphäre. Die Verschattungselemente sind zudem, in Kombination mit einer hinterlüfteten Fassade, unerlässlich, um in Stuttgarter Hitzesommern das Raumklima in den Griff zu bekommen.
Wobei die Käufer sich scheinbar nicht gänzlich auf die baulichen Klimatisierungstechniken des Meisters verlassen wollen: Sämtliche Wohnungen seien auf Wunsch der Kunden mit Klimaanlagen ausgestattet worden, berichtet Schaber. Das Selbstherrliche, das Meier-Bauten in ihrer blendenden Reinlichkeit vielfach anhaftet, funktioniert im heterogenen urbanen Gefüge und bei öffentlichen Nutzungen oft gut. In Wohnquartieren verhalten sich die Dinge anders. Dort sind Nachbarn gefragt, die sich entweder zu einem Mindestmaß anpassen oder aber, wenn’s denn schon vom Auftritt her exzentrisch sein muss, zumindest das Umfeld aufwerten.
Die hinteren Nachbarn haben das Nachsehen
Ob der Stuttgarter Meier die Nachbarschaft bereichert? Vom Baurecht und Bebauungsplan gedeckt sind Auftritt wie auch die Dimensionen. 14,4 Meter hoch ist das Gebäude, die Grundfläche des Wohngebäudes nimmt 25 Prozent des Grundstücks ein, 790 Quadratmeter Geschossfläche können so gewinnmaximierend zusammenkommen.
Seinen Nachbarn zeigt der Koloss aber die eiskalte-egozentrische Schulter. Formen- und Materialsprache der Umgebung scheren ihn nicht, den hinteren Häusern nimmt er gnadenlos die Sicht. Die stattlichen Halbhöhenvillen im Schlepptau dieses Platz-da-jetzt-komm-ich-Luxusdampfers muten an wie Jollen, die abzusaufen drohen.
Architekturbüro
Person
Richard Meier, 1934 in Newark/New Jersey geboren, studierte Architektur an der Cornell University in Ithaca. Auf Studienreisen in Europa lernte er den schweizerisch-französischen Architekten und Stadtplaner Le Corbusier kennen, der ihn stark beeinflusste.
Karriere
1963 gründete Meier in New York sein eigenes Architekturbüro. Nachdem er in den 60er Jahren vor allem Wohnhäuser und Wohnkomplexe baute, wandte er sich allmählich größeren Einzelobjekten zu, in den 80er Jahren erregte er mit Projekten in den Innenstädten Europas vielfach Aufsehen. Seine bekanntesten Bauten sind unter anderem: High Museum of Art, Atlanta, Getty Center, Los Angeles, Museu d’Art Contemporani de Barcelona, Stadhuis/Bibliotheek, Den Haag, Siemens-Forum, München, Stadthaus, Ulm, Chiesa di Dio Padre Misericordioso, Rom, Strandhaus Hafen-City, Hamburg. 2021 firmierten sich Richard Meier & Partners Architects um in Meier Partners; Richard Meier zog sich aus dem Büro zurück.
Dieser Text erschien erstmals am 15.08.2022.