Ursula Hosch sammelt Gedichte, die dann in den Stuttgarter Stadtbahnen für die Fahrgäste sichtbar werden. Foto: Erdem Gökalp
Ursula Hosch bringt seit 1987 Poesie in Stuttgarter Stadtbahnen. Ihre Suche nach den passenden Gedichten ist eine Kunst für sich. Warum sie auch manchmal scheitert.
Manchmal gestaltet sich die Suche nach dem richtigen Gedicht wie die Suche nach einem Gedanken, der einem auf der Zunge liegt, aber einfach nicht einfallen will. Ursula Hosch liest vielleicht eine Rezension oder findet ein Gedicht in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, das ihr gefällt. Dann sucht sie nach mehr Gedichten von diesem Autor, der ihr gefallen hat, und liest dann noch im Klappentext eines anderen Lyrikbandes über andere Lyriker, die dieser empfiehlt. Am Ende ihrer Suche hält sie meistens ein Gedicht in den Händen, das sie schmunzeln lässt, das nicht zu abgehoben klingt und einen vielleicht ein bisschen zum Nachdenken anregt. Auch nachdem man die Stadtbahn schon wieder verlassen hat.
Denn dort enden die Gedichte, die Ursula Hosch so mühsam ausgesucht hat, meistens. Im Jahr 1987 ist sie auf die Idee gekommen, dass man wie in der Londoner U-Bahn auch in Stuttgart Lyrik im Innenraum der Bahn ausstellen könnte. Über den Köpfen, wo meist Fahrpläne und Werbung hängen, ist auch bei den modernen Stadtbahnen genug Platz dafür. Die Schriftstellerin Judith Chernaik war durch ein Shakespeare-Stück, bei dem Gedichte an Bäumen angebracht wurden, damals auf die Londoner Idee gekommen.
Nach einiger Überzeugungsarbeit gelingt es der Philologin Ursula Hosch, sich auch in Stuttgart mit der Idee durchzusetzen. Heute wird das Projekt von der SSB umgesetzt und finanziert. Und seit nunmehr fast 40 Jahren macht die inzwischen 83-Jährige diese Arbeit ehrenamtlich. Sie jagt Gedichte für die Stadtbahn.
Am Ende wählt in Stuttgart eine Jury aus den Vorschlägen von Ursula Hosch aus
Beispielsweise das der chinesischen Autorin Hua Shao über das große Erdbeben von 2008. In dem kurzen Stück schreibt die Schriftstellerin davon, dass ihr Mann wie ein Hase die Treppen hinuntergestürzt sei, ohne nach seiner Frau zu schauen, als das Beben losging. Doch die Frau hegt keinen Groll gegen ihren Ehemann, denn insgeheim weiß sie, dass sie vielleicht dasselbe getan hätte. „Das Besondere an den chinesischen Gedichten ist, dass sie oft sehr geschickt die nationale Zensur umgehen. Man muss einfach etwas genauer nach dem eigentlichen Inhalt schauen“, sagt Ursula Hosch. Dieses Gedicht hat sie in einem Blog des Übersetzers Martin Winter gefunden.
Seit Anfang des Stuttgarter Lyrik-Projektes entscheidet auch immer eine Jury mit, welches Gedicht es in die Bahn schafft „Ich erstelle immer eine Vorauswahl mit vielleicht 90 Gedichten“, sagt Hosch. Mit in der Jury seien immer auch Vertreter der SSB und Literaturexpertinnen und -experten. Hosch selbst hat in Heidelberg Französisch und Englisch studiert und anschließend als Lehrerin gearbeitet. Insgesamt seien durch ihre Arbeit schon über 500 Gedichte in Stuttgarter Bahnen erschienen. Zurzeit werden die Gedichte in zwei Serien pro Jahr veröffentlicht. Pro Serie sind es zehn Gedichte. „Früher gab es auch mal drei Serien, doch die SSB musste irgendwann ein wenig Kosten sparen“, so Hosch.
Ein Teil ihrer Vorauswahl findet auch immer in ihrem geräumigen Haus in Botnang statt. Dort hat sie in ihrem lichtdurchfluteten Wohnzimmer eine Ecke mit Bücherregalen und darin befinden sich Lyrikbände, die ihr immer wieder Quell der Inspiration sind. Die Suche nach den richtigen Wörtern verkörpert sie scheinbar in jedem Moment ihres Lebens. Sei es, wenn sie stundenlang durch die Stadtbibliothek streift und nach ihren Schätzen sucht. Oder wenn man mit ihr in ein Gespräch vertieft ist und sie immer wieder auch kuriose Wörter inspiziert, denen sie in ihrem Alltag begegnet ist.
Zum Beispiel sinniert sie über das Wort „gemeinfrei“. Übersetzt es, wiederholt es und lässt es auf der Zunge nachklingen. Sie benutzt es, wenn sie erzählt, dass sie sich bei ihrer Suche nach Gedichten auch immer mit der Frage des Urheberrechts auseinandersetzen muss. Sie schreibt die Verlage an und fragt, ob sie die Gedichte für einen kleinen Betrag ausleihen darf.
Manchen Sammelband hat Hosch auch selbst veröffentlicht. Beispielsweise diese Werk mit Autoren aus dem Mittelmeerraum. Foto: Erdem Gökalp
Wenn sie ein Gedicht von Goethe oder Schiller verwendet, dann darf sie sich die aufwendige Suche nach den Lizenzen sparen, denn 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers läuft in Deutschland der Schutz ab. Das Gedicht ist in dem Fall dann eben „gemeinfrei“.
Teil ihrer Jagd ist es auch immer, dass sie manchmal erfolglos ist. „Früher hat ein Anruf in einem Verlagshaus genügt, um eine Erlaubnis zu bekommen“, sagt sie. Doch manche Lyrik kriegt sie auch nach schriftlichen Anfragen nie zu fassen. Da sind zum Beispiel die Verse eines serbischen Dichters über Glocken, dessen Kopie auf ihrem Schreibtisch liegt und das sicherlich einen guten Platz über den Passagieren der Stadtbahn finden würde. Doch sie erhält einfach keine Antwort von den Verlegern.
Wie Goethe in der Stadtbahn Stuttgart zu einer Liebesgeschichte wurde
Mit der Frage nach ihrer Nachfolge hat sich Ursula Hosch noch nicht beschäftigt. Aufhören möchte sie jedenfalls nicht. Im Laufe der Jahre hat sie auch oft Briefe von Fahrgästen erhalten, die besondere Geschichten mit ihr geteilt haben. In ihrer ersten Serie hat sie beispielweise das Gedicht „Woher sind wir geboren“ von Goethe ausgesucht. „Ein Mann hat mir erzählt, dass er das Gedicht gesehen und seiner Frau geschickt habe. Sie hatten sich getrennt und seien dadurch wieder zusammen gekommen“, berichtet sie.
Manchmal steigt sie auch in die Bahn und schaut den Menschen dabei zu, wie sie ihre Köpfe nach den Gedichten drehen. Einmal habe sie einen Zettel in der Bahn gefunden, auf dem in kindlicher Schrift ein Gedicht von Eugen Roth abgeschrieben wurde, das zu der Zeit in der Bahn hing. Es handelte davon, dass man manche Menschen am liebsten wie Flaschen schütteln würde. Die Abschrift sei unterbrochen worden. Doch dafür hat Ursula Hosch sie gefunden. Es war ein kurzer Moment, der sie daran erinnert hat, weswegen ihre Arbeit auch nach fast 40 Jahren noch immer wichtig für sie ist.