Clare Devlin, Christina Calaminus und Katrin Feuerstein haben mit „30 Dinge, die du mit 30 nicht erreicht haben musst“ einen Bestseller geschrieben. Foto: Linda Meiers / dreißig Podcast
Um den dreißigsten Geburtstag herum beginnt für viele der Druck: Alles muss gleichzeitig passieren. Die Macherinnen des Podcasts „dreißig“ haben eine Anti-Checkliste geschrieben.
Hochzeit, Haus, Kind, Karriere – und das alles um die 30. Für viele bedeutet das Stess. In dem Podcast „dreißig“ sprechen Clare Devlin, Katrin Feuerstein und Christina Calaminus regelmäßig genau darüber. Ihr im Oktober erschienenes Buch „30 Dinge, die du mit 30 nicht erreicht haben musst“ ist bereits ein Bestseller. Im Interview verraten die Autorinnen, warum sie inzwischen entspannter mit dem Druck umgehen, ob Männer den auch spüren und warum sie die Dreißiger besser finden als die Zwanziger.
Sie schreiben in Ihrem Buch über die „Rush Hour des Lebens“, diesen Druck, der viele Leute trifft, wenn sie um die 30 sind. Wann ist Ihnen dieser Druck zum ersten Mal begegnet?
Clare Devlin: Für mich gab es nicht diesen einen Moment. Es war eher ein Abgleich zwischen dem, wo ich mit 30 stehe, und dem, wo ich dachte, dass ich mit 30 stehe – und dann noch der Abgleich mit meinen Freundinnen und Menschen, die ich im Internet beobachte. Ich war mit 30 Single, hatte kein Kind und hab alleine in meiner Wohnung in Köln gelebt. Katrin hatte ein Kind, ein Haus und war verheiratet. Dafür war die 30 symbolisch – auch wenn es mit 29 eigentlich auch schon so war.
Katrin Feuerstein: Ich bin eher die Fraktion, die schon viel von der Checkliste abgehakt hat. Ich war in einer langen Beziehung, wir haben nach einem Haus geguckt, uns verlobt und eine Hochzeit geplant. Dann haben wir darüber nachgedacht, wann wir unser erstes Kind bekommen. Alle haben danach gefragt. Ich habe gemerkt, dass es an mich als Frau in den Dreißigern Erwartungen gibt, die ich erfüllen soll und will, aber die mich trotzdem manchmal stressen. In dieser komischen Gemengelage finden sich ganz viele wieder. Zumindest kriegen wir das aus der Community gespiegelt.
Clare Devlin: Es gibt auch Dinge, die wir in diesem Alter machen müssen. Zum Beispiel für unser Alter vorsorgen, weil das Rentensystem nicht mehr so sicher ist. Oder uns um Kinderbetreuung kümmern. Mit diesem Alter kommt mehr Verantwortung.
Die Dritte in Ihrem Bunde ist nicht beim Gespräch dabei, weil sie vor Kurzem ihr zweites Kind bekommen hat. Der Vollständigkeit halber: Wie war das bei ihr?
Clare Devlin: Christina war an ihrem 30. Geburtstag gerade Mutter geworden. Sie hat schon mit Mitte 20 ihre Jugendliebe geheiratet. Mit 30 haben sie deshalb eher Dinge umgetrieben wie die Aufteilung von Arbeit und Care-Arbeit, oder wie ihr Mann und sie ihren Lebensstandard halten können. Aber auch Fragen wie: Ist es okay, wenn ich nicht mehr romantische, leidenschaftliche Liebe fühle mit meinem Mann, sondern sich das eher anfühlt wie eine Freundschaft? Und verpasse ich was im Leben? Weil sich die 30 ein bisschen anfühlt wie eine Deadline fürs ganze Leben. Wir denken ja, wo wir mit 30 sind, so bleibt es für immer.
Eigentlich verschiebt sich alles nach hinten: Menschen studieren länger, lassen sich Zeit für Karriere und Dating. Trotzdem ist die 30 nach wie vor mit so viel Druck verbunden. Warum verschiebt sich das nicht mit?
Clare Devlin: Ich glaube, das kann man nicht von dem Thema Kinder lösen. Wir haben im Schnitt nur bis Ende 30 Zeit, um Kinder zu bekommen. Wenn man sich mehr als ein Kind vorstellt, muss man eben irgendwann damit anfangen.
Katrin Feuerstein: Ich glaube, das löst in unserer Generation solchen Druck aus, weil es für viele in der Generation unserer Eltern gar keine Option war. Die Optionen waren Kind oder Karriere. Heute ist der Anspruch, dass man beides hat. Wir haben mehr Möglichkeiten, aber Wahlfreiheit bedeutet manchmal auch Druck.
Woher kommt diese vermeintliche Checkliste denn überhaupt?
Clare Devlin: Man kann innen und außen nie ganz trennen. Vieles ist geprägt von Kinderbüchern, Serien und Filmen, die bestimmte Rollenbilder und Zukunftsvorstellungen transportieren. Aber es gibt ganz viele Faktoren. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, zum Beispiel. Dazu kommt, dass ich durch das Internet in Echtzeit sehe, was andere Menschen um die 30 machen. Der Radius ist viel größer als früher. Da muss man sich durch navigieren und herausfinden: Was will ich eigentlich?
Ihr Buch liest sich, als seien Sie total entspannt damit, wie die Dinge sind. Zum Beispiel, dass die Beziehung sich eher wie eine Freundschaft anfühlt. Wie kamen Sie da hin?
Katrin Feuerstein: Dadurch, dass wir den Podcast machen und unser Leben mit anderen teilen, sind wir einer großen Vergleichbarkeit ausgesetzt. Auch untereinander. So haben wir gemerkt, dass es nicht den einen Weg für alle gibt. Und wenn man versteht, dass es nicht viel bringt, sich in den Dreißigern zu vergleichen, versteht man auch, dass der eigene Weg vielleicht gar nicht so schlecht ist. Außerdem haben wir gelernt, auszuhalten, dass andere Menschen andere Leben und andere Meinungen haben, dass das aber keine Kritik an einem selbst ist. Wenn Clare nicht heiraten möchte und Hochzeiten blöd findet, heißt das nicht, dass sie meine Hochzeit und mich als Person blöd findet. Dieser Lernprozess wurde durch das Buch noch mal verstärkt.
Aber das zu wissen, ist eine Sache. Es zu verinnerlichen, eine ganz andere.
Clare Devlin: Es gibt immer Themen, die einen selbst mehr bewegen als andere. Das Kinderthema zum Beispiel können viele Menschen nicht wegdiskutieren. Ich schreibe im Buch: Du musst kein Kind haben, um glücklich zu sein – und ich bin auch davon überzeugt. Trotzdem wünsche ich mir ein Kind. Das Buch sagt nicht, dass am Ende alles egal ist. Aber bei allen Themen, außer bei diesem Kinderthema, haben wir festgestellt, dass man die Weichen fürs Leben auch später noch stellen kann.
Sie besprechen eine große Bandbreite von Themen im Buch: Beziehungen, Jobs, Kinder, aber auch Körper und Freundschaft. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?
Katrin Feuerstein: Es gibt Themen, die unsere Community extrem bewegen: Freundschaft, Beziehung und Sex sind da unangefochten. Und dann gibt es Themen wie Kinder, Karriere und Haus, die von der gesellschaftlichen Checkliste nicht wegzudenken sind. Drum herum haben wir überlegt, welche Themen uns persönlich bewegen. Das sind zum Beispiel Körper, Hobbys oder Selbstoptimierung. Das Buch zeigt, wie vielschichtig der Druck sein kann. Clare hat mal zu mir gesagt: Ich kann nicht glauben, dass du keinen Druck spürst, wenn du einen Hauskredit unterschreibst, aber wenn du beim Tischtennisturnier mitmachen sollst.
Es gibt Menschen, die diesen Druck einfach nicht spüren. Sie sind immun. Machen andere sich den Stress einfach selbst?
Katrin Feuerstein: Mit Sicherheit gibt es Menschen, die von sich sagen, sie spüren gar keinen Druck in den Dreißigern. Das freut mich für sie, von Herzen. Aber das macht den Druck, den andere spüren, nicht weniger real.
Spüren Männer denselben Druck wie Frauen?
Clare Devlin: Ich würde schon sagen, dass Männer auch Druck spüren. Der entscheidende Faktor ist die biologische Uhr. Wenn wir die nicht hätten, würde sich vieles nicht auf so eine kurze Zeit komprimieren. Männer können in den Dreißigern ganz entspannt Karriere machen, Geld für die Altersvorsorge und den Hauskredit ansparen und mit 43 ein Kind bekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das klappt, ist sehr hoch. Bei Frauen ist sie viel geringer.
Katrin Feuerstein: Und der Anspruch an Frauen ist gesamtgesellschaftlich höher. Als Frau sollen wir die Care-Arbeit übernehmen, wir sollen in Teilzeit gehen, wir sollen aber bitte auch Karriere machen, dabei sollen wir gut aussehen, wir sollen drei wunderbar angezogene Kinder haben, und bitte auch das Haus top eingerichtet haben. Viele Aufgaben der Dreißiger fallen auf die Frauen.
Was würden Sie Ihrem 20-jährigen Ich heute sagen wollen?
Clare Devlin: Ich glaube, ich würde mir sagen: Du hast mehr Zeit, als du denkst. Und nur weil rechts und links Menschen die Sachen so und so machen, musst du es nicht auch so machen. Frag dich, was du wirklich willst.
Katrin Feuerstein: Die Dreißiger haben halt auch einen riesigen Vorteil. Wir sind selbstbewusst, wir können für uns einstehen und unsere Werte verteidigen. Ich würde meinem 20-jährigen Ich mitgeben: Es wird halt auch richtig cool, dreißig zu sein.
Was ist besser: die Zwanziger oder die Dreißiger?
Clare Devlin: Ich mag die Dreißiger viel lieber. Die Zwanziger hatten Leichtigkeit. Aber die Dreißiger haben das Selbstbewusstsein, den klaren Plan, die viel gefestigteren Freundschaften, das Geld, mit dem man Dinge machen kann. Ich finde, es gibt ganz viele Vorteile an den Dreißigern.
„dreißig“ live Die Macherinnen des Podcasts kommen am 10. April 2026 nach Stuttgart. Los geht es um 19 Uhr im Wizemann. Tickets kosten regulär 39,40 Euro. Wer keine Begleitung hat, kann sich ein „Come Alone Ticket“ holen und vor der Show andere treffen, die alleine da sind.
Die Macherinnen Christina Calaminus ist 33 und lebt zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg. Clare Devlin ist 32, lebt mit ihrem Partner in Köln und reist für ihr Leben gerne. Katrin Feuerstein ist 32 und lebt mit ihrem Mann und ihrem Kind in Dortmund. Die drei haben sich im Journalistik-Studium in Dortmund kennengelernt und 2019 gemeinsam die Social-Media-Beratung folgerichtig GmbH gegründet. 2022 kam der Podcast »dreißig« dazu. Alle drei haben schon in der Vergangenheit als Journalistinnen gearbeitet, unter anderem für den WDR, und waren an dem Instagram-Format »Mädelsabende« beteiligt.