Macht der Symbole Was das kriegerische Z-Symbol mit Esslingen zu tun hat
In einem Essay geht Johannes M. Fischer der Frage nach, was der Angriffskrieg der russischen Armee in der Ukraine mit Brot aus dem Kreis Esslingen zu tun hat.
In einem Essay geht Johannes M. Fischer der Frage nach, was der Angriffskrieg der russischen Armee in der Ukraine mit Brot aus dem Kreis Esslingen zu tun hat.
Es geht um Symbolik. Man könnte sagen, es geht nur um Symbolik. Doch Symbole sind stark. Symbole können verbinden, aber auch schwächen und sogar vernichten. Ein Fingerzeig, ein Schmuckstück, ja, sogar jeder einzelne Buchstabe ist ein Symbol. Und das nicht nur im linguistischen Sinne.
Es geht um den Buchstaben Z. Anlass ist ein Artikel in unserer Zeitung: „Plötzlich ist das Z auf dem Zolli Brötchen in Verruf“. Hintergrund: Das Backhaus Zoller, ein Haus mit langer Tradition, ritzt schon seit Jahren ein Z auf eines seiner Brote. Dummerweise erlangt der Buchstabe Z gerade traurige Berühmtheit, weil es von den Machthabern in Russland als Symbol für „Sieg“ im brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine verwendet wird. Nun hat das eine Z rein gar nichts mit dem anderen zu tun. Das Zoller-Z war im Landkreis Esslingen auch schon sehr viel früher bekannt als das Z der Militärs. Dennoch entwickelt sich jetzt auf dem Markt, im Kleingarten oder im Bäckerladen ein Gesprächsfaden darüber. Und im Internet. Ein User auf Facebook fordert: „Den Buchstaben sollte man aus dem Alphabet streichen und ihn nie wieder in Mund nehmen.“ Gefolgt wird die ironisch gemeinte Anmerkung von sieben Emojis, die Tränen lachen.
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Das Backhaus könnte sich in diesem Zusammenhang als Kriegsverlierer verstehen, denn es wurde aufgrund der Dominanz des russischen Symbols soeben seines eigenen Zeichens beraubt. Es will jetzt das Z vom Brot nehmen, um nicht als Putin-Unterstützer da zu stehen. Aber schon melden sich erste Stimmen, die fragen: Warum? Putin verbreitet zwar Schrecken in seinem eigenen Land und in der Ukraine, aber selbst auf diesem Territorium ist er keineswegs der unumschränkte Herrscher. Warum also sollte er das Z beherrschen? Und warum sogar das Z einer Backstube aus Esslingen?
Der Kampf um Begriffe und Symbole ist uralt, vermutlich so alt wie die Menschheit selbst, die über Symbole Gemeinschaft und Abgrenzungen schafft. In den großen Weltreligionen ist es eine Frucht, die das paradiesische Leben von den Mühen des irdischen trennt. Es gibt auch Wörter, die als Symbole fungieren, etwa wenn Rechtsextremisten sich aus dem Begriffsinventar der NS-Propaganda bedienen und so rassistische Feindbilder pflegen. Lange war der Begriff „Heimat“ in Deutschland verpönt, bis ein Regisseur namens Edgar Reitz eine Filmreihe über die Provinz im Hunsrück drehte. Er verlieh dem Heimatsymbol eine neue, sehr menschliche Bedeutung, die es möglich machte, das Wort wieder in den Mund zu nehmen, ohne in Verdacht zu geraten, ein Ewiggestriger zu sein.
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Zollers Z wird wohl nicht das letzte sein, das dem Krieg zum Opfer fallen könnte. In Filderstadt trägt ein Jugendhaus den Namen Z. Und die Romanfigur Zorro ist gleichfalls bekannt für diesen Buchstaben, den er an seinen Tatorten hinterließ. Der „Rächer der Armen“ wird vermutlich in Comics und Filmen auch dann noch seine Abenteuer bestreiten, wenn es Putin gar nicht mehr gibt.
Zurück zu Facebook: Der Artikel über Zoller wurde weit über 200 Mal kommentiert, die meisten Bemerkungen gehen – facebooktypisch – am Thema vorbei. Sie zeigen dennoch eins: dass Symbole, auch wenn es „nur“ ein Z auf einem Brot ist, große Wirkung entfalten und für die Kommunikation in der Gesellschaft eine große Rolle spielen. Der Backstube wird das Z-Gespräch vermutlich weder nutzen noch schaden, denn am Ende des Tages ist dem Verbraucher das Brot vermutlich näher als das Symbol. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber ohne Brot – als Symbol für Nahrung – lebt er gar nicht.