Die Industriellen, die diese Entwicklung nicht gewollt hatten, mussten sich fragen, ob sie sie hätten verhindern können, ob sie zu wenig dagegen getan oder sie gar gefördert hatten. In der Rede, die Hitler im Januar 1932 vor dem Düsseldorfer Industrie-Club hielt, sieht man bis heute den Schulterschluss zwischen den Nationalsozialisten und den Rhein-Ruhr-Baronen. Doch diese Sicht drängt sich erst im Nachhinein auf. Eigentlich war an dem Treffen nichts Ungewöhnliches. Der Stahlmagnat Fritz Thyssen hatte vorgeschlagen, einmal einen Mann der anderen Seite einzuladen, nachdem im Jahr zuvor der sozialdemokratische Wirtschaftsexperte Max Cohen-Reuß vor den Industriellen gesprochen hatte. Thyssen war es dann auch, der den Kontakt zu Hitler herstellte. Nicht alle Mitglieder stimmten der Einladung zu. Sowohl der IG-Farben-Chef Carl Duisberg als auch Gustav Krupp von Bohlen-Halbach blieben Hitlers Auftritt fern.

Der Naziführer nützte die Gelegenheit, um die rund 650 anwesenden Wirtschaftsleute davon zu überzeugen, dass seine Partei für sie keine Bedrohung darstelle. In der  zweieinhalbstündigen Ansprache verdammte er den Marxismus als Quelle allen Übels in Deutschland und betonte die Bedeutung des Privateigentums. Das wurde zwar gern gehört, aber man vermisste in der Suada konkrete Vorschläge für den Umgang mit Bankenpleiten, Kreditengpässen und Nachfrage-Einbrüchen, mit Problemen also, welche die Unternehmer in der Weltwirtschaftskrise drückten.

Die Zuhörer waren am Ende enttäuscht, der Beifall hielt sich in Grenzen. Auch nach Hitlers Rede zeigte die Wirtschaft keine größere Bereitschaft, die NSDAP zu finanzieren. Eine Ausnahme machte lediglich Fritz Thyssen, der später seine Spendenbereitschaft sehr bedauerte und sich schon 1937 gegen den aufrüstungsbesessenen Hitler zu wenden begann. Gemeinsam mit dem Kohlemanager Emil Kirdorf (zugleich Präsident des Industrie-Clubs), dem Bankier Kurt von Schröder sowie dem Gelatine-Fabrikanten Wilhelm Keppler betätigte er sich als „Türöffner“ für Hitler in Wirtschaftskreisen – mit geringem Erfolg. Eine bei Hindenburg eingereichte Denkschrift zu Gunsten eines Reichskanzlers Hitler unterschrieben nicht mehr als zwanzig Unternehmer. Hingegen erbrachte ein Memorandum vom November 1932 zu Gunsten einer Ernennung Papens zum Reichskanzler immerhin 340 Unterschriften.

Sehnsucht nach dem starken Mann

In den Reihen der Industriellen gab es nur wenige überzeugte Anhänger der Republik. In der Zeit der Notverordnungen und ständigen Neuwahlen sehnte sich so mancher nach einem starken, durchsetzungsfähigen Politiker. Doch Hitlers sozialdarwinistisches Verständnis von Wirtschaft sowie die braunen Horden auf den Straßen schreckte eher ab. Bei aller Skepsis – zu einer klaren Warnung vor Hitler konnte die Industrie sich nicht durchringen. Zu Beginn der dreißiger Jahre erschienen weniger die Nazis als die Kommunisten als Gefahr von beispiellosen Ausmaßen. Eine kommunistische Revolution war nicht auszuschließen. Die KPD erwartete den Zusammenbruch der Industrie und des kapitalistischen Systems. Hingegen versprachen die Nationalsozialisten wenigstens, das Eigentum nicht anzutasten.Vor allem aber wollten die Konzerne keinen Bürgerkrieg. Nachdem die Kommunisten bei den Wahlen im November 1932 besser abgeschnitten hatten, flossen Hitler nun auch Mittel aus der Industrie zu, weil führende Leute in der Wirtschaft immer noch glaubten, Papen und die Konservativen seien weiterhin die Schlüsselfiguren im politischen Spiel.

Der Aufschwung setzte nicht mit den Nazis ein, im Gegenteil

Es ist geradezu tragisch: Während politisch alles falsch lief, verstärkten sich in der Wirtschaft die positiven Tendenzen. Im November 1932 war die Zahl der registrierten Arbeitslosen auf 5,3 Millionen gefallen, stieg dann aber saisonbedingt wieder an. Bekanntermaßen bildet die Zahl der Arbeitslosen die konjunkturelle Entwicklung erst mit Verzögerung ab. Deshalb lässt sich nicht behaupten, der Aufschwung habe erst mit der NS-Machtergreifung eingesetzt. Andere Indikatoren belegen das Gegenteil. Im Maschinenbau stieg die Zahl der Inlandsaufträge kräftig und lag im Januar 1933 – also dem politischen Krisenmonat – um gut 75 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Ähnliches war auch auf anderen Marktfeldern zu beobachten.

Gefördert wurde die Belebung durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Reichsregierung sowie von Bahn und Post. Aus diesen Programmen flossen bis Ende 1933 anderthalb Milliarden Reichsmark in den Wirtschaftskreislauf. Zwar legte auch das Reichsfinanzministerium unmittelbar nach der Machtübernahme vergleichbare Programme auf, diese wirkten sich 1933 aber kaum aus, und zudem wurden nur 95 Millionen Reichsmark bereitgestellt. Der mit so viel Propaganda in Szene gesetzte Bau der Autobahnen – die Entwürfe dafür lagen längst vor – hatte nur geringe Auswirkungen; vorgesehen waren dafür lediglich acht Millionen Reichsmark.

Die Wirtschaft traute der NSDAP nicht über den Weg

Auch die Aktienkurse signalisierten eine konjunkturelle Belebung schon vor Hitler. Im Sommer 1932 war es zu einer deutlichen Erholung gekommen, doch als Hitler Reichskanzler wurde, stoppte die Aufwärtsbewegung, und die Börse wartete erst einmal ab. Erst nach der Reichstagswahl vom März 1933, als sich eine stabile Mehrheit für eine Rechtskoalition abzuzeichnen schien, stiegen die Kurse noch einmal an. Aber offenbar wurden die Erwartungen der Börsianer nicht erfüllt, denn schon wenige Wochen später kam es zu fortgesetzten Kursabschlägen.

Eine merkwürdige Situation trat ein: Der recht starke Aufschwung spiegelte sich an der Börse nicht wider. Man traute der politischen Entwicklung nicht, es gab zu viele beunruhigende Indikatoren. Zwar hatte sich auch der private Verbrauch günstig entwickelt, aber kaum war die Inlandskonjunktur angesprungen, lenkten die Nationalsozialisten sie in zwangswirtschaftliche Bahnen. Schon lange vor seinem Vierjahresplan von 1936 griff das Regime mehr und mehr in die Märkte ein. So konnte beispielsweise die Nachfrage nach Textilien bald nicht mehr voll befriedigt werden.

Unruhe in der Wirtschaft hatte die Absetzung des Reichsbankpräsidenten Hans Luther am 16. März 1933 ausgelöst, denn er galt als Garant einer soliden Währungs- und Konjunkturpolitik. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Reichsverband der Deutschen Industrie gefordert, deutschen Exporten wieder mehr Raum zu geben sowie Staat und Wirtschaft scharf zu trennen.

Das Gegenteil trat ein. Die Ausfuhr wurde von der Hitler-Regierung bürokratisch so gegängelt, dass die Exportindustrie Anteile am Weltmarkt verlor. Das wiederum hatte Verluste an Devisen zur Folge, die für die Einfuhr von Rohstoffen für die Konsumgüterindustrie fehlten. Auch eine überfällige Abwertung der Währung wurde nicht genehmigt.

Allein die Rüstungsindustrie florierte

Eine freie, dynamische Entfaltung der Wirtschaft war fortan nicht mehr möglich, stattdessen flossen immer mehr Mittel in die Rüstungsindustrie, was zumindest in diesem Bereich zur Vollbeschäftigung führte. Da die Industrie skeptisch blieb und sich mit Neuinvestitionen zurückhielt, sicherte der Staat die Risiken ab und stand zumindest im Rüstungsbereich für weitere Investitionen ein. Das aber verdrängte einen von den Marktkräften getragenen Aufschwung vollends. Heraus kam eine gigantische Staatskonjunktur, die wegen ihrer inflationsträchtigen Finanzierung und der Verdrängung anderer Wachstumskräfte nur auf einen Zusammenbruch oder aber auf Krieg hinauslaufen konnte.

Das heißt nun nicht, dass Industrielle und Bankiers komplett darauf verzichtet hätten, auf die Politik Einfluss zu nehmen. Einige, aber eben nur einige, sprachen sich im Januar 1933 offen dafür aus, Hitler an die Regierung zu bringen. Der Großindustrielle Fritz Thyssen, der schon 1931 in die NSDAP eingetreten war, verlangte von Reichspräsident Hindenburg, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Später, als er sah, dass Hitler 1939 einen Krieg vom Zaune brach, emigrierte er in die Schweiz. Auch der Finanzfachmann Hjalmar Schacht sprach sich für Hitler als Reichskanzler aus und wurde dafür mit dem Amt des Reichsbankpräsidenten belohnt. Der Bankier Kurt von Schroeder hatte Anfang Januar 1933 ein Treffen zwischen Hitler und dem Strippenzieher Franz von Papen arrangiert, bei dem wichtige Absprachen hinsichtlich einer von Hitler zu führenden Regierung getroffen wurden.

Kein Wunder, dass die Aktienkurse einbrachen

Aber das Gros der Wirtschafts- und Finanzleute hielt den Rechtspopulisten Hitler nicht für vertrauenswürdig. Unmittelbar nach der Machtübernahme sagte der Großindustrielle Paul Reusch, man könne der weiteren Entwicklung nicht trauen, denn die Reise gehe ins Ungewisse. Größte Skepsis löste die Machtergreifung auch bei Gustav Krupp von Bohlen und Halbach aus, der zu dieser Zeit Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie war. Höchst beunruhigt war man über die zahlreichen Übergriffe der SA, die vom neuen Staat gedeckt wurden. Anlass zu großer Sorge gab die am 28. Februar, also einen Tag nach dem ominösen Reichstagsbrand, erlassene Verordnung zum Schutze von Volk und Staat, welche die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte. Vor diesem Hintergrund kann der Einbruch der Aktienkurse nicht mehr verwundern.

Eigentlich hatte man ruhigere und weniger radikale Verhältnisse erwartet. Nach den Reichstagswahlen vom März 1933 keimte in Wirtschaftskreisen noch einmal die Hoffnung auf, es könne eine parlamentarisch verantwortliche Rechtskoalition gebildet werden. Schließlich waren in dem von Hitler geführten Präsidialkabinett die Nationalsozialisten in der Minderheit. Doch nach seinem fulminanten Wahlsieg, der auch dadurch zustande kam, dass oppositionelle Parteien massiv behindert wurden, dachte Hitler nicht mehr daran, das Parlament in seine Überlegungen einzubeziehen. Mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz hatte sich der Reichstag selbst entmachtet und Hitler die totale Macht in die Hand gegeben.

Die Industriellen überzeugte Hitler nicht

Die Industriellen, die diese Entwicklung nicht gewollt hatten, mussten sich fragen, ob sie sie hätten verhindern können, ob sie zu wenig dagegen getan oder sie gar gefördert hatten. In der Rede, die Hitler im Januar 1932 vor dem Düsseldorfer Industrie-Club hielt, sieht man bis heute den Schulterschluss zwischen den Nationalsozialisten und den Rhein-Ruhr-Baronen. Doch diese Sicht drängt sich erst im Nachhinein auf. Eigentlich war an dem Treffen nichts Ungewöhnliches. Der Stahlmagnat Fritz Thyssen hatte vorgeschlagen, einmal einen Mann der anderen Seite einzuladen, nachdem im Jahr zuvor der sozialdemokratische Wirtschaftsexperte Max Cohen-Reuß vor den Industriellen gesprochen hatte. Thyssen war es dann auch, der den Kontakt zu Hitler herstellte. Nicht alle Mitglieder stimmten der Einladung zu. Sowohl der IG-Farben-Chef Carl Duisberg als auch Gustav Krupp von Bohlen-Halbach blieben Hitlers Auftritt fern.

Der Naziführer nützte die Gelegenheit, um die rund 650 anwesenden Wirtschaftsleute davon zu überzeugen, dass seine Partei für sie keine Bedrohung darstelle. In der  zweieinhalbstündigen Ansprache verdammte er den Marxismus als Quelle allen Übels in Deutschland und betonte die Bedeutung des Privateigentums. Das wurde zwar gern gehört, aber man vermisste in der Suada konkrete Vorschläge für den Umgang mit Bankenpleiten, Kreditengpässen und Nachfrage-Einbrüchen, mit Problemen also, welche die Unternehmer in der Weltwirtschaftskrise drückten.

Die Zuhörer waren am Ende enttäuscht, der Beifall hielt sich in Grenzen. Auch nach Hitlers Rede zeigte die Wirtschaft keine größere Bereitschaft, die NSDAP zu finanzieren. Eine Ausnahme machte lediglich Fritz Thyssen, der später seine Spendenbereitschaft sehr bedauerte und sich schon 1937 gegen den aufrüstungsbesessenen Hitler zu wenden begann. Gemeinsam mit dem Kohlemanager Emil Kirdorf (zugleich Präsident des Industrie-Clubs), dem Bankier Kurt von Schröder sowie dem Gelatine-Fabrikanten Wilhelm Keppler betätigte er sich als „Türöffner“ für Hitler in Wirtschaftskreisen – mit geringem Erfolg. Eine bei Hindenburg eingereichte Denkschrift zu Gunsten eines Reichskanzlers Hitler unterschrieben nicht mehr als zwanzig Unternehmer. Hingegen erbrachte ein Memorandum vom November 1932 zu Gunsten einer Ernennung Papens zum Reichskanzler immerhin 340 Unterschriften.

Sehnsucht nach dem starken Mann

In den Reihen der Industriellen gab es nur wenige überzeugte Anhänger der Republik. In der Zeit der Notverordnungen und ständigen Neuwahlen sehnte sich so mancher nach einem starken, durchsetzungsfähigen Politiker. Doch Hitlers sozialdarwinistisches Verständnis von Wirtschaft sowie die braunen Horden auf den Straßen schreckte eher ab. Bei aller Skepsis – zu einer klaren Warnung vor Hitler konnte die Industrie sich nicht durchringen. Zu Beginn der dreißiger Jahre erschienen weniger die Nazis als die Kommunisten als Gefahr von beispiellosen Ausmaßen. Eine kommunistische Revolution war nicht auszuschließen. Die KPD erwartete den Zusammenbruch der Industrie und des kapitalistischen Systems. Hingegen versprachen die Nationalsozialisten wenigstens, das Eigentum nicht anzutasten.Vor allem aber wollten die Konzerne keinen Bürgerkrieg. Nachdem die Kommunisten bei den Wahlen im November 1932 besser abgeschnitten hatten, flossen Hitler nun auch Mittel aus der Industrie zu, weil führende Leute in der Wirtschaft immer noch glaubten, Papen und die Konservativen seien weiterhin die Schlüsselfiguren im politischen Spiel.

Ein Fackelzug, den der NS-Studentenbund einen Tag nach der Machtergreifung vor der Berliner Börse, dem „Mekka des deutschen Judentums“ veranstaltete, hätte ihnen die Augen öffnen müssen. Börsenmakler wurden beim Verlassen des Gebäudes mit den Sprechchören „Juda verrecke“ empfangen. Fritz Thyssen musste 1937 erkennen, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hatte. „Was war ich nur für ein Idiot“, soll er ausgerufen haben.

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