Als Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, schuf er Aufschwung und Beschäftigung durch Autobahnbau und Rüstung – so eine weit verbreitete Legende. Tatsächlich hatte die deutsche Wirtschaft die große Krise zu diesem Zeitpunkt bereits überwunden, schreibt der StZ-Autor Werner Birkenmaier.
Stuttgart - Die französische Journalistin Stéphane Roussel arbeitete Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Berlin, ihrem geliebten „europäischen New York“. Tatsächlich war das liberale Berlin im Begriff, New York den Rang als Welt-Kulturhauptstadt abzulaufen. „Das Land war offen für Ideen und Menschen“, sagte Stéphane Roussel später. „Umso unfasslicher, wie all dies im Januar 1933 umkippen konnte über Nacht.“
An Versuchen zu erklären, wie sich ein liberaler Rechtsstaat binnen Tagen in einen Terrorstaat verwandeln konnte, hat es nicht gefehlt. Zwei Legenden halten sich auch achtzig Jahre nach Hitlers sogenannter Machtergreifung hartnäckig: Die erste lautet, kapitalistisch-industrielle Interessen hätten den rüstungswilligen Hitler an die Macht gebracht; und die zweite besagt, dem Diktator sei es gelungen, das infolge der Weltwirtschaftskrise darniederliegende Reich aus der Depression herauszuführen und die hohe Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Der Bau der Autobahnen wurde zum Synonym für den Wandel zum Besseren, und Anfang der neunziger Jahre erntete der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider viel Zustimmung, als er die Beschäftigungspolitik des Hitler-Reiches als vorbildlich herausstellte. Hitler selbst hatte im Oktober 1933 einer englischen Zeitung erklärt, seine Regierung habe binnen Monaten die Zahl der Arbeitslosen von sechs Millionen um fast die Hälfte reduziert.
1932 war der Tiefpunkt überwunden, Hitler profitierte davon
Betrachtet man die Daten genauer, ergibt sich ein anderes Bild. Hitler war der Profiteur einer soliden Wirtschaftspolitik in den „goldenen“ Jahren der Weimarer Republik zwischen 1925 und 1929, dem Beginn der Weltwirtschaftskrise. Deren Auswirkungen waren fürchterlich, aber bereits im Herbst 1932 wurde der Krisentiefpunkt überwunden. Hingegen kamen die konjunkturstützenden Maßnahmen, die das Regime selbst einleitete, erst Ende 1934 zum Tragen, aber da hatte sich ein selbsttragender Aufschwung bereits entwickelt. Dieser jedoch konnte sich nicht mehr in aller Breite entfalten, weil von 1935 an spontane Wachstumstendenzen in die Rüstungsindustrie umgelenkt wurden.
Anders gesagt: hätte die Republik etwas mehr Zeit gehabt, dann hätte die wirtschaftliche Erholung auch die politische Situation entspannt und den Radikalismus zurückgedrängt. Noch 1928 waren die Nationalsozialisten eine Splitterpartei mit gerade einmal zwölf Mandaten im Reichstag, erst die Weltwirtschaftskrise ließ sie bei den Reichstagswahlen im September 1930 auf 107 Mandate ansteigen und machte sie zur zweitstärksten Partei im Parlament. Im Herbst 1932 wiederum, als sich eine wirtschaftliche Erholung abzuzeichnen begann, verloren die Nazis 34 Mandate. Die hochverschuldete NSDAP geriet in eine Krise. Parteiintern gab es Stimmen, Hitler solle auf seine Forderung nach der Reichskanzlerschaft verzichten. Allein die Machtspiele einiger rechtskonservativer Figuren um den greisen Reichspräsidenten Hindenburg – vor allem Kurt von Schleicher und Franz von Papen – retteten Hitler und verhalfen ihm zur Macht.