Machtkampf beim VfB Stuttgart Thomas Hitzlsperger will Präsident Claus Vogt stürzen

Thomas Hitzlsperger (links) will Claus Vogt aus dem Präsidentenamt drängen. Foto: Baumann/Montage: Ruckaberle

Der Vorstandsvorsitzende wirft dem Präsidenten unter anderem Geldverschwendung in der Aufklärung der Datenaffäre und die Blockade der sportlichen Entwicklung durch zögerliche Entscheidungen vor. Und will nun selber Präsident des VfB Stuttgart werden.

Stuttgart - Silvesterböller sind in diesem Jahr auch rund um das rote Clubhaus des VfB Stuttgart an der Mercedesstraße nicht gestattet. Dafür war es eine Nachricht mit extremem Knalleffekt, die der AG-Boss Thomas Hitzlsperger am vorletzten Tag des Corona-Jahres 2020 im Alleingang zündete.

 

Schließlich verschickte der ehemalige Nationalspieler am Mittwochnachmittag um 16.48 Uhr via E-Mail einen offenen Brief an alle Fans und Mitglieder, welcher innerhalb der Stuttgarter Fußballwelt kurz darauf ein gewaltiges Beben auslöste. Denn der Machtkampf beim VfB zwischen Hitzlsperger und dem amtierenden Präsidenten Claus Vogt – er ist nun auf offener Szenerie entbrannt.

Vier Bewerber für die VfB-Präsidentenwahl

Hitzlsperger machte in seinem Schreiben öffentlich, dass er neben dem Vorstandsvorsitz der AG, den er seit Oktober 2019 innehat, in einer Doppelrolle nun auch das Präsidentenamt beim Verein für Bewegungsspiele anstrebt. Zu diesem Zweck hat der 38-Jährige bereits am 18. Dezember beim Vereinsbeirat unter dem Vorsitz von Wolf-Dietrich Erhard seine Bewerbung fristgerecht abgegeben.

Hitzlsperger ist neben dem Amtsinhaber Claus Vogt, dem Remstäler Unternehmer Volker Zeh und der Sindelfingerin Friedhild Miller also einer von vier Bewerbern für die VfB-Präsidentenwahl, die am 18. März 2021 auf der Mitgliederversammlung vollzogen wird. Zuvor muss der Vereinsbeirat allerdings noch zwei endgültige Kandidaten benennen.

Hitzlsperger spricht von einem tiefen Riss

Er habe sich seine Kandidatur nach Nächten des „Grübelns und Abwägens“ reiflich überlegt, erklärte Hitzlsperger. Doch hinter den zuletzt sportlich so erfreulichen Ergebnissen gebe es beim VfB eben „eine Realität, über die ich nicht hinwegsehen kann – und über die ich als Vorstandsvorsitzender nicht hinwegsehen darf. Ein tiefer Riss geht durch unseren Club. Und dieser Riss gefährdet alles, worauf wir zu Recht stolz sind.“

Dabei verlaufe der Riss zwischen „unserem Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden Claus Vogt auf der einen Seite und dem gesamten Vorstand der AG und zahlreichen Gremienmitgliedern aus Präsidium, Aufsichtsrat und Vereinsbeirat sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der anderen Seite. Dieser Zustand ist nun endgültig unzumutbar geworden“, erklärte Hitzlsperger.

Lesen Sie hier: Ein Duell ohne Aussicht auf Gewinner – Kommentar von Dirk Preiß

Eine zentrale Rolle spielt in dem Zwist der VfB-Bosse die clubinterne Datenaffäre, mit deren Aufklärung Claus Vogt die Berliner Kanzlei Esecon bereits vor Monaten beauftragt hatte. Doch Hitzlsperger kritisiert die Vorgänge scharf: „Mit der Autorität der Ämter als Präsident und Chef des Aufsichtsrats hat Claus Vogt jedoch eine Beauftragung ohne Ausschreibung, ohne Kostenschätzung und ohne Projektplan durchgedrückt und bei der Projektleitung die nötige Sorgfalt, Kompetenz und Abstimmung vermissen lassen. Die unkontrolliert ausufernden Kosten führten dazu, dass die AG den Verein unterstützen muss, um ihn vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren“, schreibt Hitzlsperger – und schaltet damit voll auf Angriffsmodus.

Vogt äußert sich tags darauf zu den Attacken

Was sich bereits länger abzeichnete (wir berichteten mehrfach), ist damit nun vollends Gewissheit: Bei den Stuttgartern will der machtbewusste und ehrgeizige Hitzlsperger den Fußballfan und Quereinsteiger Claus Vogt aus dem Amt drängen. „Ich war über diese Vorgänge vorab informiert. Aber Internes bleibt bei mir intern“, sagte auf Anfrage Vogt, um sich tags darauf ausgiebig zu den Vorwürfen zu äußern.

Formal würde die Satzung des VfB Hitzlsperger eine Doppelrolle als Präsident und Vorstandschef der AG zur selben Zeit gestatten. Allerdings dürfte er dann nicht zeitgleich Aufsichtsratchef sein. Ein möglicher Präsident Hitzlsperger müsste dann vereinsseitig zwei andere Personen in den Aufsichtsrat der AG schicken, deren Geschicke er selbst leitet.

Doch bis auf Weiteres heißt der VfB-Präsident ja noch Claus Vogt: Der Böblinger Unternehmer gilt seinerseits in der Fanszene als bestens vernetzt und war am 19. Dezember 2019 als Sieger im Duell mit dem Tübinger Buchgroßhändler Christian Riethmüller ins Amt gewählt worden. Dass es sich dabei nur um eine Restlaufzeit im Präsidentenamt handelte, lag an seinem äußerst umstrittenen Vorgänger Wolfgang Dietrich, der nach einer WLAN-Panne im Juli 2019 vorzeitig zurückgetreten war.

Im März soll der Präsident gewählt werden

Auf der Mitgliederversammlung im nächsten März, die je nach Lage der Corona-Pandemie als Präsenzveranstaltung, digital oder als hybrid zwischen beiden Varianten abgehalten werden soll, wird der neue Präsident dann für vier Jahre gewählt. Eine Zeitspanne, die sich Hitzlsperger also keinesfalls im Duett mit Vogt, der aktuell auch der Chef des Aufsichtsrats der AG ist, vorstellen kann. „Er führt nicht, er informiert zu wenig, er fällt selten Entscheidungen und pflegt keinerlei Streitkultur“, führte der ehemalige Fußballprofi jetzt weiter über Vogt aus.

Eigentlich gibt es eine klare Gewaltenteilung beim VfB: Auf der einen Seite der Präsident, der die Abteilungen jenseits des Profifußballs repräsentiert und in der AG der Vertreter des Vereins als Mehrheitseigner ist – und daher als Aufsichtsratschef fungiert. Dort der AG-Vorstand mit seinem Vorsitzenden, der das operative Geschäft des Profibetriebs führt und damit das sportliche und wirtschaftliche Geschehen des Bundesligateams bestimmt. Nun also will Hitzlsperger beide Ämter bekleiden.

Auch Vogts Präsenz in den sozialen Medien, in denen er sich bisweilen mehr als Fan denn als Funktionär präsentiert, kommt in der AG nicht gut an. Vogt dagegen beruft sich stets auf seine Rolle und Rechte als Kontrolleur der AG-Spitze sowie als Vertreter der rund 70 000 Mitglieder und Fans. Nun sucht Hitzlsperger die offene Konfrontation – und erklärt zusammenfassend: „Einige werden sagen: Typisch VfB, kaum läuft es mal, fallen sie übereinander her. Aber ein Kratzer ist besser als ein Totalschaden.“

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