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Madagaskar Geheimnisse der Gewürzinsel

Von Martin Haar aus Antananarivo 

Madagaskar - allein der Name lässt an tropische Gärten unter südlicher Sonne denken, an den Duft von Vanille, Kakao, Pfeffer und Zimt.  

Um den Zuckerhut bei Diego Suarez ranken sich zahlreiche Geschichten - unglaubliche, aber auch Geschichten voller Aberglauben. Foto: Haar 4 Bilder
Um den Zuckerhut bei Diego Suarez ranken sich zahlreiche Geschichten - unglaubliche, aber auch Geschichten voller Aberglauben. Foto: Haar

Antananarivo - Wie soll man diesem Ort begegnen? Durch den Sucher des Fotoapparats, um ja nichts zu vergessen? Durch die Erzählungen diverser Reiseführer, die jedem nur diese, nämlich ihre Version dieses Ortes erzählen? Oder sollte man diesen Platz mit dem Herzen einfangen? Mit dem Gefühl. Es ist wohl die Art, die Madagaskar am besten entspricht. Andererseits sind da diese 1000 Bilder, die einen fast erschlagen.

Die satten Farben, die im Morgen- und Abendlicht noch kräftiger scheinen. Diese Bilder muss man einfangen. Schnappschuss für Schnappschuss. So bleibt am Ende das Mosaik für eine Geschichte, die Land und Leute erzählen. Einer dieser Menschen ist Joa. Fünf Kinder hat er, kaum Besitz und unübersehbare Lücken im Gebiss, ist aber immer fröhlich. Er ist ein Sakalav, einer „aus dem langen Tal“ also von einem Stamm, der ganz im Westen der Insel lebt.

„Hier haben sich unsere Könige ins Meer gestürzt"

Doch die Arbeit als Fremdenführer hat ihn hierher in den Norden verschlagen - nach Diego Suarez. Hier beginnt eine dieser Geschichten, die immer wieder mit Landschaft untermalt werden und wie ein Kompass in diesem Land dienen. Nahe der Hafenstadt Diego thront mitten im Meer ein kleiner Berg. „Das ist unser Zuckerhut“, sagt Joa stolz, „er ist fast so schön, wie der in Rio.“ Zumindest die Legende des Berges kann mit dem brasilianischen Vorbild wetteifern. „Hier haben sich unsere Könige ins Meer gestürzt, nachdem die Franzosen die Insel besetzten“, erzählt Joa. Und er berichtet weiter, dass gleich nebenan ein heiliger Ort warte. Genau dort, wo die löchrige Piste Richtung Ramena einen Knick mache, zwischen Mangrovenwald und Straße.

Hier in der Bucht des weißen Steines ruhen die Seelen der Säuglinge. „Babys, die ohne Zähne sterben, werden nicht begraben, sondern in die Baumkronen gelegt“, berichtet Joa. Die Madagassen nennen das Fady. Fady sind Gebote und Verbote eines naturreligiösen Ahnenkults, die das tägliche Leben der Madagassen regeln. Alles pendelt zwischen Glauben und Aberglauben. Mal verehren die Einheimischen Krokodile, weil in ihnen die Toten Ruhe gefunden haben sollen. Dann wieder einen heiligen Baum, weil er die Ahnen aufgenommen haben soll.

Einen Kulturschock bekommen viele Touristen von einem anderen Ritus: Die Anhänger der ursprünglichen Naturreligionen (Animisten) - und das sind auf der Gewürzinsel immerhin über 50 Prozent der Bevölkerung - graben alle fünf Jahre ihre Toten wieder aus, feiern mit ihnen das Leben und bestatten deren Gebeine in frischen Tüchern erneut. Fauler Zauber. Oder einfach nur eine zauberhafte Geschichte? Das muss jeder für sich entscheiden. Nur eines ist sicher.

Jeder Besucher wird diese Insel mit diesem besonderen Reisegefühl entdecken. Auf der Insel bleibt dieses Gefühl jedoch nur eine Ahnung ohne Antwort. Erst durch das Weiter- und Wiedererzählen, die Rückschau der Bilder verdichtet sich alles. Wird zur Essenz dieses Gefühls: In dieser weithin unberührten Welt hat man stets den Eindruck, der Erste und Einzige zu sein. Es ist, als stoße man immer neu die Gartentür von Eden auf. In Madagaskar verdichtet sich, was der Erdball sonst nur in verschiedenen Regionen zu bieten hat: Südseestrände, Steppe, Schluchten, Regenwälder oder die Berglandschaft des Maromokotro (2876 m) und das Hochplateau des Ankaratragebirges. Wegen der Vielfalt seiner Landschaften wir die Insel auch „sechster Kontinent“ genannt.

Madagaskar ist vom Tourismus unverdorben

Besucher sind betört vom Duft der Gewürzplantagen für Vanille, Nelken, Pfeffer und Zimt. Egal, wohin man kommt. Ob an einen der malerischen Strände des Archipels Nosy Be oder in einen der Nationalparks. Eines ist neben dem Staunen sicher: die Ruhe. Denn der Inselstaat nahe der Ostküste Afrikas ist kein klassisches Reiseziel. Die Touristen pilgern auf die benachbarten Inseln wie La Reunion oder die Seychellen. Madagaskar lassen die meisten links liegen. Ein Fehler, wie Swantje Rufer meint. Die 56-jährige Oldenburgerin ist eine von etwa 600 Deutschen, die auf der Insel leben. Abgesehen von den jährlich 4000 deutschen Touristen. Swantje Rufer ist vor 25 Jahren hängen geblieben. „Ich habe mich in dieses Land verliebt“, sagt sie, „und in die freundlichen Menschen. Madagaskar ist sicher und vom Tourismus unverdorben.“

Heute betreibt sie die Pension Badamera in Ramena und hat viel von den Madagassen angenommen. Zum einen die Kunst, mit wenig zufrieden zu sein. Aber auch die Lebenshaltung, die sich im Motto „mora, mora“ ausdrückt. Langsam, langsam. Der Grundbucheintrag für das Stückchen Land, auf dem ihre Pension steht, dauerte 16 Jahre. „Hier ist eben alles ein bisschen anders“, sagt sie und spielt damit auch auf die politische Situation an. Madagaskar treibt gewissermaßen führerlos im indischen Ozean. Seit vier Jahren dilettiert eine Übergangsregierung vor sich hin, die vom Militär toleriert ist.

Neuwahlen werden immer wieder mit dem Hinweis verschoben: Das Geld ist knapp. Aber mit diesem Charme des Unfertigen kokettieren die Madagassen auch ein wenig. Ein touristischer Slogan lautet: „Madagaskar: eine wahre Trauminsel, eine andere Welt.“ Einzigartig sind freilich auch die Lemuren. Die Primaten sind die bekanntesten Vertreter der madagassischen Tierwelt. Übrigens: Der Begriff Lemur wurde vom Naturforscher Carl von Linné geprägt und ist lateinischen Ursprungs. Lemures waren die Geister der Verstorbenen bei den Römern. Womit sich der Kreis schließt. „Wir sehen in den Makis die Wiedergeburt unserer Ahnen“, sagt Joa. Es ist wieder so eine Geschichte aus dem Lemuren-Land. Aber nicht die letzte.

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