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Madagaskar Mit Viko-Viko auf Safari

Von Monika Hippe aus Antananarivo 

Der nach einer Schwalbenart benannte Schienenbus ist ein echtes Museumsstück und inzwischen weltweit einzigartig.

Der betagte Schienenbus verfügt über einen 120-PS-Motor und ist mit Bambus-Parkett und Korbsesseln möbliert. Er ist einmal pro Monat auf Madagaskar unterwegs. Foto: Hippe
Der betagte Schienenbus verfügt über einen 120-PS-Motor und ist mit Bambus-Parkett und Korbsesseln möbliert. Er ist einmal pro Monat auf Madagaskar unterwegs. Foto: Hippe

Antananarivo - „Bonjour!“ Mit einem strahlenden Lächeln begrüßt die madegassische Schönheit in knallrotem Trägerkleid die Gäste und bittet sie einzusteigen. Die Hitze flirrt, man ist richtig geblendet vom schneeweiß lackierten Bus, der auf dem Gleis in Andasibe, im Osten Madagaskars, zur Abfahrt bereitsteht. Irgendwie mag man Viko-Viko vom ersten Augenblick an. Der Bus trägt den Namen einer einheimischen Schwalbenart, und doch hat er so gar nichts Graziöses an sich: Er wirkt eher klobig, seine lange Schnauze erinnert an uralte Lastwagen. Ist es ein Bus oder ein Zug? Darüber lässt sich lange diskutieren. Denn Viko-Viko fährt mit luftgefüllten Gummireifen auf Eisenbahngleisen. Die Räder sind schmal wie die Schienen und haben Führungskerben, damit sie nicht entgleisen.

„Mora mora“ heißt das Motto auf Madagaskar

Auf jeden Fall hat er Verspätung an diesem Tag. Aber das stört hier niemanden. „Mora mora“ heißt das Motto auf Madagaskar - immer langsam. Der Schienenbus fährt durchschnittlich 50 Kilometer je Stunde. Für 148 Kilometer von der Hauptstadt Antananarivo bis in den Nationalpark Andasibe braucht er vier bis fünf Stunden. An diesem Tag geht es von Andasibe bis an die Ostküste. Unter lautem Hupen setzt sich das Ungetüm in Bewegung. Das Fahrzeug wurde erstmals in den dreißiger Jahren von der französischen Reifenfirma Michelin entwickelt. Deshalb wird er auch oft La Micheline genannt. Während der Kolonialzeit wurden die Schienenbusse von Frankreich nach Indochina und Afrika, inklusive Madagaskar, verschifft. Viko-Viko stammt aus dem Jahr 1952 und ist der weltweit einzige seiner Art, der noch in Betrieb ist. Vor fünf Jahren hat ihn das Eisenbahnunternehmen Madarail renoviert und mit einem 120-PS-Mercedes-Motor ausgestattet. Auf ausgewählten Routen können nun Gruppen bis zu 19 Personen damit reisen. Der Schwalbenbus fährt nur einmal im Monat nach Fahrplan. Dafür muss man reservieren.

Im Innern des Kolosses fühlt man sich zurückversetzt in die französische Kolonialzeit. Statt auf Bänken sitzt man in gepolsterten Korbsesseln. Der Parkettfußboden ist aus Bambus, die Wände sind holzvertäfelt. Die Fenster lassen sich per Hand herunterkurbeln. „Besser ist es, sie geschlossen zu halten“, rät Fernando, der Reiseführer, „kann sein, dass wir Bäume streifen oder sehr nah an Masten vorbeifahren.“ Draußen ziehen Kiefern- und Eukalyptuswälder vorbei. Hin und wieder geht es durch einen Tunnel. Dann gibt der Dschungel den Blick auf den Fluss Vohitra frei. Auf den Hügeln thronen Ravenalas. Sie sehen aus wie überdimensionale Fächerpalmen, sind aber Bananengewächse und das Wahrzeichen Madagaskars. Hin und wieder tauchen kleine Orte im Blickfeld auf. Frauen laufen barfuß und mit beladenen Körben auf den Köpfen hinunter zum Ufer. Es ist Waschtag. Auf den Wiesen haben sie schon die ersten Hosen und Bettlaken zum Trocknen ausgebreitet. Während aus den Lautsprechern Schlager dudeln, serviert die madegassische Schönheit Getränke, Fleischpasteten und Salat. Plötzlich dröhnt die Hupe wie ein Nebelhorn: Einheimische sitzen mit ihren Kindern auf den Gleisen - einfach so.

Der Lokführer warnt sie rechtzeitig, denn Schranken und Andreaskreuze gibt es hier nicht. Die Menschen machen Platz und winken. Später führen die Gleise direkt zwischen dem Meer und dem Pangalanes-Kanal entlang. Dieser gilt als wichtigster Transportweg an der Ostküste. Der Kanal wurde während der Kolonialzeit von den Franzosen angelegt, um die Ernte der Bananen- und Zuckerrohrplantagen schneller in den Hafen nach Tamtave zu befördern. Am Ziel in Andranokoditra steht schon das halbe Dorf am Bahnhof, um die Fremden zu beäugen. Die Kinder tragen schmutzige T-Shirts und lachen die Fremden an. In dem kleinen Ort wohnen die Menschen in Hütten aus den Stielen der Raffia-Palme. Vor einer der Hütten steht ein Automodell in Matchboxgröße, gebastelt aus dem, was man hier so findet: die Karosserie aus rostigem Eisen, das Dach aus Plastik und Reifen aus dem Gummi einer Badelatsche. So, als hätte sich der kleine Künstler vom Viko-Viko inspirieren lassen.

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