Made in Baden-Württemberg Kotzmühle oder Therapie? Warum Achterbahnfahren den Körper fordert

Der Ritt im Europa-Park kann mehr als nur Nervenkitzel bieten. Eine Studie zeigt einen verblüffenden Heilungs-Effekt. Foto: Steve Przybilla

Im badischen Waldkirch entstehen Achterbahnen für die ganze Welt. Der Trend geht zu immer rasanteren Kurven, Schrauben und sogar Schwerelosigkeit.

Die letzten Sekunden vor dem Achterbahnstart sind die schlimmsten. Wenn sich die Bügel schließen, wenn es zischt und ruckelt, wenn die Ampel auf Grün springt und das Startsignal trötet: Dann gibt’s kein Zurück mehr.

 

In Deutschlands größtem Freizeitpark, dem Europa-Park im badischen Rust, erleben die Gäste tagtäglich dieses Gefühl. Besonders beliebt ist die „Voltron“, die neueste Achterbahn des Europa-Parks, die im Jahr 2024 im kroatischen Themenbereich eröffnet wurde. Sie gehört zu den rasantesten Achterbahnen, die derzeit in deutschen Freizeitparks stehen. Mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde werden die Fahrgäste in die Sitze gepresst, durch Loopings geschleudert, in Schrauben gedreht, rückwärts gen Himmel geschleudert. Für 2,2 Sekunden herrscht Schwerelosigkeit, ein Zustand wie im Weltraum. Nach zwei Minuten ist der Höllenritt vorbei. Nur das Herz braucht noch eine Weile, bis es wieder normal schlägt.

Eine neue Achterbahn zu entwickeln, dauert meist mehrere Jahre

Wer denkt sich ein solches Spektakel aus? Kann der Körper das aushalten? Und warum macht es trotz – oder gerade wegen – des flauen Gefühls so viel Spaß? Der Mann, der viele dieser Fragen beantworten kann, sitzt in einem kleinen Büro im badischen Waldkirch. Dennis Gordt, 42, ist Abteilungsleiter für Achterbahn-Entwicklung bei Mack Rides. Der Familienbetrieb zählt zu den bekanntesten Herstellern von Fahrgeschäften weltweit. Auch die „Voltron“ wurde hier entwickelt. „Eine gute Anlage zeichnet sich durch lange Fahrtzeiten, Variationen und eine schöne Ästhetik aus“, sagt Gordt. Und was kommt schlecht beim Publikum an? „Langweile, hektische Kurven, zu aggressive Fahrmanöver.“

Eine neue Achterbahn zu entwickeln, dauert meist mehrere Jahre. 174 251 Bauteile sind allein in der „Voltron“ verbaut. Hinzu kommen Schienen, Stahl und Stützen, die millimetergenau miteinander verbunden werden müssen. „Manche Freizeitparks haben eine ganz genaue Vorstellung, wie die spätere Attraktion aussehen soll“, erzählt Dennis Gordt. „Andere sind flexibler. Die sagen: ,Hier ist meine Wiese, hier sind meine zehn Millionen, was kriege ich dafür?‘“

Was dann folgt, ist erst mal wenig actionreich. Am Computer basteln die Ingenieurinnen und Ingenieure die neue Anlage zusammen: Verläuft die Strecke innen oder außen? Wie sieht der Startbahnhof aus? Gibt es Strom- oder Gasleitungen, die die Stützpfeiler queren? Steht dieses Grundgerüst, beginnt die eigentliche Planung: Loopings, Schienen, Schrauben. Die passenden Module klicken sich die Fachleute in ihrem 3D-Programm zusammen, fast wie bei einem Computerspiel. Später landen die Pläne im Nachbargebäude, in dem die Schienen zusammengebaut werden. „Die einzelnen Elemente sind nie länger als zehn Meter, damit sie in einen Seecontainer passen“, erklärt Dennis Gordt. Zusammengebaut wird die Achterbahn nämlich immer vor Ort, und der liegt mitunter am anderen Ende der Welt.

Achterbahn-Designer Dennis Gordt. Foto: Steve Przybilla

Wie schnell und verrückt der Spaß am Ende wird, ist nicht nur der Fantasie der Entwickler überlassen. In Europa regelt die DIN-Norm EN13814, dass Achterbahnen maximal mit dem sechsfachen Körpergewicht („6G“) beschleunigen dürfen, und auch dies nur für eine Sekunde. Die Vorschrift gilt auch für „fliegende Bauten“, also Achterbahnen, Riesenräder und Karussells, die zeitlich begrenzt auf einer Kirmes stehen. Ausgereizt hat man diese Werte bei Mack Rides bisher nicht.

„Wir machen hier keine Extreme, nur um irgendwelche Rekorde zu brechen“, sagt Gordt. „Bei Geschwindigkeiten von über 150 km/h wird der Luftwiderstand in der ersten Reihe unangenehm. Dann tut sogar Regen weh.“ Gefährlich sei Achterbahn fahren trotzdem nicht, weil kritische Systeme wie Bremsen oder Haltebügel-Verriegelungen immer doppelt verbaut würden. „Wir haben eine eigene Safety-Abteilung, die sich mit diesen Dingen beschäftigt“, sagt Gordt. Dazu gehört auch eine „Flugkurven-Analyse“, die zeigt, wo Handys, Mützen oder Sonnenbrillen landen, wenn sie während der Fahrt verloren gehen. An entsprechenden Stellen hängen dann Fangnetze. Ebenfalls ein Muss: Testfahrten mit Dummys.

Briten sind härter im Nehmen

Wie gut eine neue Attraktion beim Publikum ankommt, kann trotzdem kein Dummy vorhersagen. „In den USA und Europa haben sich Loopings langsam abgenutzt“, beobachtet Gordt. „Da wollen die Leute lieber Über-Kopf-Elemente und Querneigungen, bei denen man das Gefühl hat, aus dem Sitz gedrückt zu werden.“ In Asien hingegen seien die Menschen zurückhaltender. Auch innerhalb Europas unterscheiden sich die Vorlieben: „In Deutschland geht bei unter 20 Grad Celsius niemand auf die Wildwasserbahn“, sagt Gordt. „Da stellen die Freizeitparks sogar Trockner auf.“ Britinnen und Briten seien deutlich härter im Nehmen. „Die fahren auch im Winter, unabhängig von der Temperatur.“

Überhaupt, das Wohlbefinden. Die meisten Menschen lassen sich gerade deshalb durch die Gegend katapultieren, weil sie den besonderen Kick spüren wollen. Anderen wird schon während der Fahrt zum Freizeitpark schlecht. „Die Reaktionen sind durchaus unterschiedlich“, weiß Claudia Stern, Flugmedizinerin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln. Bei manchen Menschen liege die Übelkeit schlichtweg am Essen – die Achterbahn drückt den Mageninhalt nach oben. Ein anderer Grund: „Wenn das Sinnesorgan Auge und das Gleichgewichtsorgan unterschiedliche Dinge wahrnehmen, wird einem schlecht.“ Bei Astronauten passiere das oft in der ersten Phase der Schwerelosigkeit; auf der Achterbahn vor allem beim Rückwärtsfahren.

Nierensteine? Fahren Sie Achterbahn!

Auch sonst belastet die extreme Beschleunigung den Körper. Das Gesichtsfeld verengt sich. Das Eigengewicht drückt auf die Lunge. Das Herz schlägt schneller, um genug Blut ins Gehirn zu pumpen. Wieso macht eine solche „Kotzmühle“ trotzdem Spaß? Claudia Stern lacht. „Ich würde auf jede Achterbahn gehen“, sagt die Ärztin. Denn so ungewohnt die Fliehkräfte für den Körper auch sind: Es handele sich immer nur um kurze Momente.

In manchen Fällen entfalten die Fahrgeschäfte sogar eine therapeutische Wirkung. So können die schnellen Richtungswechsel und Erschütterungen dazu beitragen, Nierensteine zu lösen. Was wie ein Werbespruch der Freizeitpark-Industrie klingt, trug sich 2018 tatsächlich in den USA zu. Ein Patient erzählte seinen Ärzten von der unverhofften Heilung, woraufhin Forschende der Michigan State University die These überprüften. Mit drei Silikon-Nieren, gefüllt mit Urin und Nierensteinen, fuhren sie 20-mal hintereinander Achterbahn. Und tatsächlich: In zwei Drittel aller Fahrten gelangten die Nierensteine in den künstlichen Harnleiter. Eine weitere Erkenntnis der Studie: Wer in der Achterbahn hinten sitzt, schüttelt die lästigen Brocken besonders gut frei.

Also auf Rezept in den Freizeitpark? Ganz so einfach ist die Rechnung am Ende nicht. „Wer Herz-Kreislauf-Probleme hat, schwanger ist oder unter Wirbelsäulenschäden leidet, sollte keine Achterbahn betreten“, warnt Flugmedizinerin Claudia Stern. Entsprechende Hinweisschilder hängen an den entsprechenden Attraktionen. Eine absolute Sicherheit gibt es trotzdem nicht (siehe Infokasten). „Natürlich kann jemand im schlimmsten Fall einen Herzinfarkt erleiden“, sagt Stern. „Aber das kann auch bei der Rede zum 60. Geburtstag passieren, wenn die Aufregung zu groß ist.“

Wie sicher sind Achterbahnen?

Startfreigabe
Bevor ein Fahrgeschäft in Betrieb geht, muss es ein Sachverständiger freigeben. „Bei der Erstabnahme werden zunächst Konstruktionszeichnungen und statische Berechnungen überprüft“, erklärt Thomas Oberst vom TÜV Süd. „Danach finden Kontrollen der Fertigung und – wenn nötig – Bauteilversuche statt. Zuletzt wird die reale Anlage inklusive aller sicherheitsrelevanten Teile getestet.“

Inspektion
Alle ein bis drei Jahre ist in Deutschland eine Wiederholungsprüfung für Fahrgeschäfte vorgeschrieben, um Sicherheitsbügel, Bremsen und andere Teile zu checken.

Kirmes
Fahrgeschäfte, die ihre Orte wechseln, werden ebenfalls kontrolliert. „Die TÜV-Experten überprüfen unter anderem die Konstruktion, Standfestigkeit und Steuerung des Fahrgeschäfts sowie die technische Dokumentation“, erklärt der TÜV-Verband auf seiner Website.

Statistik
Wie sicher Achterbahnen tatsächlich sind, lässt sich gar nicht so leicht feststellen. Die letzten Zahlen veröffentlichte der internationale Freizeitparkverband IAAPA für das Jahr 2020. Pro eine Million Besucher kam es auf Fahrgeschäften in europäischen Freizeitparks zu 4,4 Verletzungen, nur 16 Prozent davon in Achterbahnen.

Unfälle
Wenn es zu Unfällen kommt, passieren diese häufig beim Aufbau oder bei der Reparatur. So wurde auf dem Oktoberfest 2024 ein Mitarbeiter während einer Testfahrt von der „Olympia Looping“-Achterbahn überrollt. Der 20-Jährige erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Auch im Europa-Park kam es schon zu Unfällen. Zuletzt zog sich im September 2025 ein 31-Jähriger bei Wartungsarbeiten an der Wildwasserbahn „Poseidon“ schwere Verletzungen zu. Solche Vorfälle bleiben aber die Ausnahme – bei über sechs Millionen Besuchern pro Jahr.

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