Maeckes in Stuttgart Pop kann auch ganz große Oper sein

Maeckes im Stuttgarter Opernhaus Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Stuttgarter Opernhaus öffnet seine Türen weit: Der Rapper Maeckes hat sein neues Album „Pool“ vorgestellt.

Stuttgart - Zweimal hat Maeckes diesen Sommer im Stuttgarter Wizemann gespielt. Beide Male waren es Konzerte mit Standgas – einmal nur er mit Gitarre, einmal mit Musik, die überwiegend aus der Konserve kam. Richtig feiern kann man die Veröffentlichung eines Albums wie „Pool“ so natürlich nicht. Also folgt das Orsons-Mitglied eben einfach Max Herre und geht in die Oper.

 

Maeckes führt an diesem Mittwochabend wieder einmal vor, dass die Grenzen zwischen Popkultur und der sogenannten Hochkultur obsolet sind. Seine Performance hat Tiefe, emotionale Kraft und Theatralik, eine ganz eigene Dialektik, die sich längst aus dem Rap-Korsett befreit hat.

Maeckes’ neue Songs sind weit entfernt vom Säbelrasseln anderer Rapper

Der frisch 39-Jährige bricht mit Genregrenzen, mit Regeln, mit Gepflogenheiten und mit Erwartungen, um sein aktuelles Album „Pool“ in der Höhe, Breite und Tiefe zu präsentieren, die ihm gebührt. Seine Songs pendeln zwischen Selbsthass und Selbstliebe, erzählen von den Sonnen- und Schattenseiten der Liebe, legen Zweifel offen, könnten ganz allgemein nicht weiter vom Säbelrasseln des deutschen Rap-Kollegiums entfernt sein.

Mit herabschwebender Gitarre

Dass seine Songs auf der Opernbühne gut funktionieren, liegt aber auch an der Inszenierung: Anfangs steht Maeckes allein auf der Bühne, und es wirkt wie ein Deus-ex-Machina-Moment, als eine Gitarre vom Schnürboden zu ihm herabschwebt. Alleine spielt er „Mauern“, den eindringlichen, lakonischen Opener von „Pool“, und bekommt erst nach und nach Gesellschaft von seiner fünfköpfigen Band.Gemeinsam zeigen sie in den nächsten 100 Minuten, wie vielseitig Rap sein kann, was Pop alles sein darf und wieso Maeckes einer der wichtigsten, vielseitigsten, spannendsten deutschen Künstler der Gegenwart ist.

Schon der zweite Song, „Stoik und Grandezza“, unterstreicht das: Toxische Beziehungen, gehüllt in aufreibende, packende, schonungslose Musik – das sezierende Narrativ dieses Albums ist wie gemacht für eine Bühne wie diese. Mackes singt, rappt, spricht, flüstert, fleht, ist ganz bei sich in seinem eigenen Kosmos.

Beim Erscheinen der restlichen Orsons ist Schluss mit Schwermut

Immer wieder holt er Gäste auf die Bühne. Den Rapper Fatoni etwa, mit dem er den vielleicht ersten Freestyle-Part in der Operngeschichte auf die Bretter legt und der auch später noch seine Momente haben wird, oder den Jazz-Pianisten Lambert, der mit seiner sardischen Stiermaske am Steinway-Flügel sitzt und für mehr als einen perlenden, bemerkenswerten Moment sorgt. Von vollkommen anderer Intensität ist dann aber natürlich das überfallartige Erscheinen der restlichen Orsons. Von jetzt auf gleich kippt die von Schwermut und Melancholie geprägte Stimmung in den Trademark-Wahnsinn der Stuttgarter Rap-Bande. „Nimm’s leicht“ und „Dear Mozart“ von der Rap-Fernreise „Orsons Island“: Sichtlich gelöst nach seinen Songs als Einzelkämpfer sinkt Maeckes in die Arme seiner Kollegen.

Schnee rieselt von der Decke

Die Emotionen sind groß, das spürt man beim begeisterten Publikum, und das sieht man in den Augen von Maeckes. Bei „Unperfekt“, einer der letzten Nummern des Abends, glitzern seine Augen feucht, als der Refrain sanft und doch durchdringend vom Saal mitgesungen wird, die stampfende Techno-Parodie „Partykirche“ wird kurzerhand zu „Partyoper“, und ganz am Schluss rieselt es Schnee von der Decke, als er den letzten Song „Calippo Vivaldi“ anspielt. Pop ist an diesem Abend nicht in der Hochkultur angekommen; er war nie woanders.

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