Die Wasserwelt des Europa-Parks erlebt in den Ferien einen großen Besucheransturm. Am heutigen Freitag und morgigen Samstag ist Rulantica nach einem Bericht des Schwarzwälder Boten zum Beispiel ausverkauft. Auch am vergangenen Samstag tummelten sich Tausende Gäste auf der weitläufigen Anlage. In diesem Getümmel verlor das Mädchen seine Eltern abends aus den Augen.
Der Täter machte sich die Lage des Kindes zunutze und bot ihm an, bei der Suche nach Mutter und Vater zu helfen. Daraufhin ging das Mädchen mit ihm aus dem Bad nach draußen mit. Das Personal hielt die beiden nicht auf, für die Mitarbeiter bestand kein Anlass, Verdacht zu schöpfen.
Gegen 20.20 Uhr entfernte sich der Mann mit dem Kind zu Fuß Richtung Nordosten, über die Ritterstraße und tief in den Wald hinein, offenbar bis in die Nähe des Baggersees Grafenhausen. Dort forderte er laut dem Polizeibericht die Sechsjährige auf, sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen. Danach hat er das Kind alleine zurückgelassen.
Videoaufzeichnungen bringen die Polizei auf die Spur des Verdächtigen
Das Mädchen ging auf der Suche nach Hilfe aus dem Wald hinaus und offenbar über das freie Feld Richtung Grafenhausen. Dort, im Bereich Sportplatzstraße/Fabrikstraße, wurde um 22.20 Uhr ein Zeuge auf es aufmerksam, der die Polizei alarmierte. Zu dem Zeitpunkt, lange nach Einbruch der Dunkelheit, war die Sechsjährige nur mit Badeschuhen, einem hellblauen Bikinioberteil und einer rosa Badehose bekleidet. Sie war fünf Kilometer vom Freizeitbad entfernt, als sie gefunden wurde. Den ganzen Weg vom Tatort hatte sie sich allein durchgeschlagen, womöglich, weil sie aus Grafenhausen beleuchtete Fenster wahrgenommen hatte.
Vom Täter war vor Ort nichts zu sehen – jedoch: Der Europa-Park stellte der Polizei Bild- und Videomaterial zur Verfügung. Bei dessen Auswertung sei ein männlicher Besucher in den Fokus der Ermittlungen geraten, teilte das Polizeipräsidium Offenburg am Donnerstag mit. Der 31 Jahre alte Mann aus der Region sei als „dringend Tatverdächtiger“ identifiziert worden.
Der entscheidende Hinweis auf den rumänischen Staatsangehörigen sei von einem Zeugen gekommen, der am 9. August ebenfalls im Bad gewesen sei. Als man diesem Zeugen am Montag die Videoaufzeichnungen gezeigt habe, habe er den Verdächtigen erkannt und dessen Namen sagen können, teilte die Polizei mit. Der mutmaßliche Täter soll schon in der Vergangenheit mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein – nicht wegen Sexualdelikten, sondern weil er gestohlen und sich Leistungen erschlichen haben soll.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Freiburg erließ das zuständige Amtsgericht sowohl einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung des Verdächtigen als auch einen Haftbefehl wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Bisher ist es aber nicht gelungen, ihn festzunehmen. Nach ihm wird jetzt international gefahndet.
Wie es dem Mädchen geht – darüber vermochte ein Polizeisprecher gegenüber unserer Redaktion keine Angaben zu machen. Als die Sechsjährige am Abend in Grafenhausen gefunden wurde, sei sie äußerlich unverletzt gewesen. Der angerichtete seelische Schaden lasse sich nicht ermessen.
Die Ersten, die den Fall aufnahmen, waren Beamte des Lahrer Polizeireviers, das an Wochenenden auch für Grafenhausen zuständig ist, und des Kriminaldauerdienstes Offenburg. Die weiteren Ermittlungen werden von der Staatsanwaltschaft Freiburg und der Kripo Offenburg geführt.
Ermittler haben aktuell keine Hinweise auf eine Vergewaltigung
Am Donnerstagabend gab die Polizei nähere Details zu den Ermittlungen bekannt. Demnach gebe es bis dato keine Hinweise darauf, dass das Mädchen vergewaltigt wurde. Bevor der jetzige Verdächtige identifiziert wurde, hatten die Beamten zunächst Hinweise auf einen anderen möglichen Tatverdächtigen. Als man am Montagmorgen persönlich Kontakt zu diesem habe aufnehmen können, wurde er als Täter jedoch schnell ausgeschlossen. Im Anschluss hätten sich über weitere Auswertungen von Bild- und Videomaterial neue Erkenntnisse zu einem unbeteiligten Zeugen ergeben, der die Ermittler schließlich auf die Spur des 31-Jährigen brachte.
Bei der Durchsuchung von dessen Wohnung am späten Dienstagnachmittag wurden Kleidungsstücke sichergestellt, die der Verdächtige zum Tatzeitpunkt getragen haben dürfte. Ebenso war sein Reisepass nicht auffindbar, die Pässe anderer Familienangehöriger hingegen schon, weshalb er direkt im Anschluss zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Aktuellen Erkenntnissen zufolge könnte sich der dringend Tatverdächtige in sein Herkunftsland Rumänien abgesetzt haben. Die Suchmaßnahmen, so die Polizei, liefen länderübergreifend – sowohl offen als auch verdeckt.
„Meine Kolleginnen und Kollegen leisten in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Freiburg hervorragende Arbeit. Selbstverständlich schöpfen wir bei solch schwerwiegenden Straftaten alle personellen und rechtlichen Möglichkeiten unverzüglich aus,“ wird Polizeipräsident Jürgen Rieger in der Mitteilung zitiert.
Der Europa-Park teilte auf Anfrage mit: „Wir sind sehr betroffen. Durch das der Polizei zur Verfügung gestellte Videomaterial konnte letztendlich ein Verdächtigter identifiziert werden. Wir sind weiterhin im engen Austausch mit den Ermittlungsbehörden.“
Polizei hat noch Fragen
Aktuell läuft die Fahndung nach dem 31-jährigen mutmaßlichen Täter. Gleichzeitig arbeitet die Kripo an der Rekonstruktion des Laufwegs zum mutmaßlichen Tatort und bittet dafür um Zeugenhinweise. Angesprochen sind Menschen, die am Samstag, 9. August, zwischen 20.20 und 22.20 Uhr im Bereich der Wasserwelt Rulantica und beim Baggersee Grafenhausen verdächtige Personen in Begleitung eines Mädchens beobachtet haben. Wer etwas gesehen hat, wird gebeten, sich unter Telefon 0781/21 28 20 bei den Ermittlern zu melden.