Die Akku-Sparte wird für Stihl immer wichtiger. Doch die durch den Kauf des Syntegon-Areals (rechts unten) ausgelöste Euphorie ist bei der Waiblinger Weltfirma inzwischen verpufft. Foto: Brigida González/Stihl/privat
Die Entscheidung der Waiblinger Weltfirma, beim Geschäft mit Mährobotern nach der Produktion auch die Entwicklung nach Fernost zu verlagern, löst Sorge in der Belegschaft aus.
Noch im Frühjahr herrschte in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) eitel Sonnenschein. Der Motorsägen-Gigant Stihl hatte eben verkündet, sich das Syntegon-Areal im Gewerbepark am Wasserturm gesichert zu haben. Der heimlich, still und leise eingefädelte Kauf des 114 000 Quadratmeter großen Werksgeländes wurde vor Ort als klares Bekenntnis der Weltfirma zum Stammsitz gewertet.„Das gibt uns so viel Flexibilität, ich bin richtig happy“, sagte die Finanzvorständin Ingrid Jägering über den im April bekannt gewordenen Immobiliendeal. Und auch Waiblingens Oberbürgermeister Sebastian Wolf strahlte über beide Ohren. „Das ist ein Glücksfall für unsere Stadt“, sagte der Rathauschef über die monatelangen Bemühungen um das Areal.
Waiblingens OB vertraut der Aussage, dass Kernkompetenzen vor Ort bleiben
Der auf Lebensmittelbranche und die Pharmaindustrie spezialisierte Verpackungsspezialist, vor fünf Jahren aus dem Bosch-Konzern ausgegründet, verlagert seinen Firmensitz bekanntlich ins schweizerische Beringen bei Schaffhausen. Was mit den 700 Arbeitsplätzen in Waiblingen geschieht, ist kein Geheimnis: Die Medizinsparte des Unternehmens soll noch im Herbst dieses Jahres ins benachbarte Fellbach umziehen.
Im Gewerbepark an der Höhenstraße entsteht ein modernes Fertigungszentrum, das die Produktionskapazität deutlich vergrößern und Syntegon weiteres Wachstum ermöglichen soll. Zweiter Standort der weltweit 6300 Beschäftigte zählenden Firma wird das „Business Excellence Center“ in Bad Cannstatt sein – als neuer Sitz für die zentralen Verwaltungsfunktionen der Gruppe.
Mähroboter werden bei der Kundschaft immer beliebter. Foto: Sascha Thelen/dpa
Beim Motorsägenbauer Stihl wiederum galt der spektakuläre Coup mit dem in den 1980er Jahren bebauten Areal als Befreiungsschlag im Ringen um eine zukunftssichere Produktion. „Der Erwerb ist ein wichtiger Schritt, um unser Stammhaus effizienter aufzustellen“, sprach der Aufsichtsratsvorsitzende Nikolas Stihl in einer Mitteilung des Unternehmens nicht nur über Chancen für eine verbesserte Logistik.
Mit dem Kauf des Ausweichquartiers am Wasserturm – etwa halb so groß wie das 230 000 Quadratmeter umfassende Werk 2 in Neustadt – hat die sich nach wie vor als Familienunternehmen verstehende Firma die Chance, auch größere Teile der Produktion kurzfristig zu verlagern. Eine erste Idee könnte sein, die bisher in Werk 1 am Ufer der Rems angesiedelte Fertigung von Kurbelwellen an einen vor Überschwemmungen besser geschützten Standort umzuziehen.
Ein Wechsel der Produktionssparte aus der Talaue in den Gewerbepark zwischen OBI-Baumarkt und Bahnlinie soll im Zweifelsfall verhindern, dass die für Stihl eminent wichtige Antriebstechnik bei künftigen Hochwasserereignissen möglicherweise doch mal unverhofft nasse Füße bekommt – und bei einem Wassereinbuch auch die Lieferfähigkeit baden geht.
Ohnehin gilt der Stammsitz am Remsufer zwar als Keimzelle der Weltfirma, betriebsintern aber als Auslaufmodell – wie gemacht für in parkähnlichen Grünanlagen stehende Verwaltungsbüros und die auch als touristisches Ausflugsziel gedachte Stihl-Markenwelt, aber eben nicht für alles, was kracht, lärmt und stinkt. Logistisch ist der traditionsreiche Standort schon wegen der Anfahrt über die schmale Badstraße nicht zwingend für die Produktion geeignet, bei Gebäudetechnik und Bausubstanz ist bei Stihl von einem sichtlichen Sanierungsbedarf die Rede.
Hans Peter Stihl traf bereits 1973 die Entscheidung, dass Motorsägen auch im Ausland gefertigt werden. Foto: picture alliance / dpa
Doch bisher ist eine Verlagerung der Kurbelwellen-Produktion nicht mehr als ein Gedankenspiel – und beileibe nicht die einzige Option, die das Syntegon-Areal dem Motorsägenbauer bietet. Ebenso in der Schublade liegt ein Konzept, die in der Region verstreuten Stihl-Standorte auf angemieteten Flächen unter einem gemeinsamen Dach zu bündeln – und am Wasserturm mit mehr Effizienz und kürzeren Wegen nicht nur bei den Produktionskosten, sondern auch beim Pachtzins zu sparen. Nur in Miete ist das Familienunternehmen beispielsweise an der Fellbacher Höhenstraße, auch der Standort in Kernen und das Werk 9 in Waiblingen verursachen monatlich auflaufende Kosten.
Die Stimmungslage bei Stihl hat sich deutlich eingetrübt
Inzwischen allerdings ist die Euphorie über die neuen Möglichkeiten verpufft, die Stimmungslage bei Stihl hat sich deutlich eingetrübt. Eine erste Hiobsbotschaft gab es nur wenige Wochen nach Bekanntwerden des Immo-Deals. „Der Anzug muss dem Kerl passen“, kündigte Personalvorstand Michael Prochaska an, dass vor allem in der Verwaltung weltweit 500 Stellen abgebaut werden und auch am Stammsitz mit etwa 100 eingesparten Beschäftigten ein personeller Aderlass droht.
Zwar war in Waiblingen von einem sozialverträglichen Abbau die Rede, gekürzt werden sollte über altersbedingte Austritte und ein auf Freiwilligkeit beruhendes Abfindungsprogramm. Doch für Unruhe in der Belegschaft sorgte die Entscheidung ebenso wie der überraschende Abschied von Entwicklungsvorständin Anke Kleinschmit im Juni.
Die bisher für die Entwicklung zuständige Anke Kleinschmit schied im Juni aus dem Stihl-Vorstand aus. Foto: Stihl
„Es knarzt im Gebälk“, hieß es in der Belegschaft über den personellen Wechsel, auch wenn das Unternehmen selbst betonte, dass unter der Regie der zuvor beim Daimler-Konzern tätigen Managerin „wichtige Innovationsprojekte angestoßen und zentrale Produktinitiativen erfolgreich umgesetzt“ worden seien. Nicht wenige Mitarbeiter verstanden den Austausch als Signal für eine technologische Neuausrichtung – und den Abschied vom Versuch, sowohl bei benzingetriebenen Motoren als auch bei der Akku-Technik zu den Vorreitern gehören zu wollen. „Vielleicht sollten wir uns so langsam mal entscheiden, was wir wollen“, sagen Beschäftigte hinter vorgehaltender Hand.
Als Interims-Nachfolger rückte der promovierte Chemiker Holger Lochmann (58) in den Stihl-Vorstand auf, seit 2015 als Bereichsleiter Innovationen für zentrale Forschungs- und Entwicklungsthemen verantwortlich. In seine Startphase fällt nun die Nachricht, dass Stihl auch 100 Arbeitsplätze im Entwicklungszentrum im Waiblinger Teilort Neustadt streicht – zusätzlich zum bereits im Frühjahr angekündigten Stellenabbau.
Betroffen ist das Geschäftsfeld der Mähroboter, Entwicklung und Produktion der Geräte sollen künftig in China stattfinden. „Das ist eine harte, aber durch den rasanten Wandel des Markts absolut notwendige Entscheidung“, sagt Stihl-Sprecher Michael Schattenmann über die Stimmungslage bei den betroffenen Mitarbeitern – und betont, dass das Unternehmen „einvernehmliche Lösungen“ anstrebt. „Wir werden mit dem Betriebsrat faire und tragfähige Lösungen für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erarbeiten“, sagt Vorstandschef Michael Traub. Dem Unternehmen sei bewusst, dass in diesem Bereich mit großer Expertise und hohem Engagement gearbeitet worden sei.
Doch drahtlose Modelle – bei der Kundschaft immer mehr gefragt und inzwischen mit einem Marktanteil von 50 Prozent ausgestattet – hat Stihl bei den Mährobotern noch immer nicht im Programm. China gilt deshalb nicht nur als Schlüsselmarkt, sondern auch als Technologiestandort. Laut Vorstandschef Michael Traub gibt es in Fernost ein dichtes Netz spezialisierter Zulieferer, viel Erfahrung mit Kameratechnik und Sensorik – sowie jährlich Millionen neue Ingenieure.
Bereits seit 2006 produziert Stihl in Qingdao, wo heute mehr als 1000 Menschen arbeiten. „Wir müssen aufpassen, dass wir die Marke nicht beschädigen. Stihl ist keine China-Ware“, heißt es in der Belegschaft. Sich mit vollem Namen zitieren lassen will sich bei der Waiblinger Weltfirma niemand. Und Vorstandchef Michael Traub vergleicht die Verlagerung der Mähroboter-Entwicklung mit der 1973 von Hans Peter Stihl selbst gefällten Entscheidung, erstmals Motorsägen im Ausland zu fertigen.
Die Gefahr von Imageschäden jedenfalls sieht der Vorstandsvorsitzende nicht: „Das europäische Qualitätsverständnis bleibt ein fester Bestandteil unserer Markenidentität. Was künftig unter dem Namen Stihl in China entsteht, wird die bewährte Zuverlässigkeit und Ingenieurskunst aus unserem Haus mit der technologischen Dynamik aus China vereinen“, betont Michael Traub.
Stihl spricht von einer „harten, aber absolut notwendigen Entscheidung“
Vielleicht sorgt auch das dafür, dass es am Standort zwar Sorgen gibt, aber auch keine Alarmglocken schrillen. „Verlagerungen und damit einhergehender Stellenabbau sind immer schmerzlich, gerade für die direkt Betroffenen“, sagt der Waiblinger OB Sebastian Wolf zur Hiobsbotschaft beim wichtigsten Arbeitgeber in der Stadt. Zuversichtlich stimmt den Rathauschef aber „die klare Botschaft, dass die Kernprodukte und damit auch die Kernkompetenzen von Stihl weiterhin in Waiblingen angesiedelt sein werden“.