Mängel im Integrationskonzept Lehrer verlangen Verlängerung der Flüchtlingsklassen

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Junge Asylanten schaffen oft keinen Schulabschluss, weil sie zu wenig Deutsch können. Eine Lösung könnte sein, die Vorbereitungsklassen von einem auf zwei Jahre zu verlängern, sagen die Pädagogen.

Im Werkstattunterricht wie hier in Reutlingen lernen die jungen Flüchtlinge nebenher Deutsch. Doch das Angebot soll fallen. Foto: Allgöwer
Im Werkstattunterricht wie hier in Reutlingen lernen die jungen Flüchtlinge nebenher Deutsch. Doch das Angebot soll fallen. Foto: Allgöwer

Reutlingen - Es gibt sie, die Erfolgsgeschichten unter den Flüchtlingen. Zum Beispiel die von Simon Dandi aus Togo. Er kam alleine nach Deutschland, besuchte im beruflichen Schulzentrum Reutlingen eine Flüchtlingsklasse, das „Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse“ (Vabo), wie man im Amtsdeutsch sagt. Er wechselte in die Regelklasse und hat nach einem weiteren Jahr seinen Hauptschulabschluss gemacht. Im September beginnt er seine Ausbildung als Krankenpfleger und eine Wohnung hat er auch. „Ich habe Glück, mein Leben läuft gut“, sagt der inzwischen 21-Jährige.

Simon ist eine Ausnahme. Eine Vaboklasse dauert ein Jahr, danach sollen die Schüler die A2- Sprachprüfung machen. Sie sollen Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke in Alltagssituationen verstehen und verwenden können. „Wozu brauchst du ein Handy? Damit ich immer für meine Familie erreichbar bin“. Das ist das Niveau. Nach der Flüchtlingsklasse sollen sie sich zusammen mit Einheimischen in einer weiteren Spezialklasse auf den Hauptschulabschluss vorbereiten. Simon ist der einzige von zehn Flüchtlingen in der Klasse mit 18 Schülern, der den Hauptschulabschluss geschafft hat, berichtet Schulleiter Hans-Joachim Stark, der Schulleiter der Kerschensteinerschule im beruflichen Schulzentrum in Reutlingen.

Meist reichen die Deutschkenntnisse nach einem Jahr Vabo nicht aus. Dann beginnen die Probleme. Wer nicht mitkommt, wird zum Bedauern der Lehrer oft „total abgehängt“. Nicht wenige junge Flüchtlinge sind traumatisiert und können sich schlicht nicht motivieren. Ein Jahr Vabo betrachten die Experten als zu kurz.

„Integration dauert Jahre“

Stark und seine Kollegen fordern, dass die Flüchtlingsklassen auf zwei Jahre angelegt werden. Dann sehen sie eine Chance, dass die jungen Flüchtlinge genügend Deutsch lernen können, um sich im Anschluss erfolgreich auf einen Schulabschluss vorzubereiten. Auch die Goethe-Institute empfehlen für die Ausbildung ein Sprachniveau, das eine oder besser zwei Stufen über dem Niveau A2 liegt. „Die Integration dauert Jahre“, gibt Stark zu bedenken. So eine Vaboklasse könne nur ein erster Schritt sein.

Die Landesregierung will, dass die jungen Leute so schnell wie möglich Deutsch lernen. Sie geizt nicht mit Stellen, die meisten können auch besetzt werden. Wenn auch nicht mit formal korrekt ausgebildeten Lehrern und fast immer befristet.

Lehrplan wird geändert

Um das Deutsch lernen zu beschleunigen wird jetzt der Lehrplan der Klassen geändert. Vom kommenden Schuljahr an wird auf den bei den Flüchtlingen beliebten Werkstattunterricht an vier Stunden in der Woche verzichtet, um mehr Zeit für den Deutschunterricht zu haben. Auch das finden die Praktiker nicht gut. „Es wäre gut, wenn der Werkstattblock wieder drin wäre“, sagt Schulleiter Stark. Allerdings sei das Problem, dass die Fachlehrer fehlten.

In Reutlingen zum Beispiel können zurzeit neun Flüchtlinge im Siebdruckraum der Malerlehrlinge Schablonen herstellen. Sie haben sich das nicht ausgesucht. In den Malerwerkstätten war eben gerade Platz.

Inzwischen öffnen sich auch die Gymnasien für Vorbereitungsklassen. Eine davon wird am Albert-Einstein-Gymnasium in Reutlingen eingerichtet. Zehn Stunden Deutsch in der Woche sind vorgesehen, dazu lehrplanmäßiger Unterricht in den Fächern. Ein Jahr lang soll es für die Schüler einen eigenen Stundenplan geben.

Doch Schulleiter Günther Ernst zeigt die Grenzen der Gymnasien auf. Mit Zehn- bis Elfjährigen könnten die Gymnasien sehr gut umgehen, doch ab dem Alter von 15 werde es schwierig. In den höheren Klassen reichten die Deutschkenntnisse nicht mehr aus, um dem Fachunterricht zu folgen. Ältere Schüler seien auf den beruflichen Schulen richtig, meint Ernst. Die Schulverwaltung geht davon aus, dass nur etwa 40 Prozent der Flüchtlinge, die an weiterführenden Schulen in Vorbereitungsklassen sind, auch dort in die Regelklassen wechseln können.

Keine Autoritätsprobleme

Mit dem Umgang gibt es keine nennenswerten Probleme. Gerüchte, dass es mit der Integration in den Regelklassen schlechter werde, kann Marion Kramer nicht glauben. „Ein Blick in die Namenslisten an den beruflichen Schulen zeigt, dass wir hier gelebtes Miteinander praktizieren“, sagt die Abteilungsleiterin für Wirtschaft an der Theodor-Heuss-Schule.

Auch Linda Engelhard, 25 Jahre alt und von zierlicher Statur, kennt Integrationsprobleme von Flüchtlingen nur vom Hörensagen. Sie führt seit zwei Jahren an der Kerschensteinerschule eine Vaboklasse. „Ich hatte in beiden Klassen keine Probleme“ berichtet sie. Es gebe keine anderen Autoritätsprobleme als mit anderen Schülern auch. Eher im Gegenteil. „Viele Schüler kommen aus autoritären Systemen und akzeptieren eher als andere, was der Lehrer sagt“, sagt die junge Frau. Und Geschichten, dass etwa deutsche Schülerinnen nur noch in langen Hosen in die Schule kämen, um nicht belästigt zu werden, verweist sie in das Reich der Gerüchte. Um auf dem Schulhof Verunsicherung zu stiften, sei der Anteil der Flüchtlinge unter den Schülern viel zu gering.

Auch der Berufsschullehrerverband weiß nichts von besonderen Vorkommnissen. „Man hört viel Vages, nichts ist an den Schulen eingetreten“, sagt Herbert Huber, der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands. Allerdings bleiben die Sprachprobleme und auch die Gefahr des Scheiterns, gerade in den Regelklassen. Damit müssten die Flüchtlinge umgehen lernen, sagt Marion Kramer. „Wir müssen Mut vermitteln und gegen überzogene Wünsche vorgehen.“ Das wichtigste sei, die jungen Flüchtlinge zu stabilisieren: „Das ist ein Mordsarbeit“.

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