Männer und ihre Psyche Männer und Depression – ein Tabu
Bei Männern werden Depressionen immer noch seltener erkannt als bei Frauen, aber sie begehen statistisch gesehen häufiger Suizid. Was braucht es, um zu helfen?
Bei Männern werden Depressionen immer noch seltener erkannt als bei Frauen, aber sie begehen statistisch gesehen häufiger Suizid. Was braucht es, um zu helfen?
Schweigen, Überspielen, Nichtwahrhaben: Das waren über Generationen die männlichen Strategien im Umgang mit ihren eigenen psychischen Problemen. Inzwischen ist es normaler geworden, dass Männer offener über psychische Erkrankungen sprechen. Prominente gehen voran. Der deutsche Komiker, Schauspieler und Autor Kurt Krömer („Du darfst nicht alles glauben, was du denkst – meine Depression“), der mit bürgerlichem Namen Alexander Bojcan heißt, sprach voriges Jahr in seiner TV-Sendung „Chez Krömer“ über seine jahrelang schwelenden Depressionen. In seinem Buch schreibt er als Begründung: „Ich war dreißig Jahre depressiv. Ich muss damit leben. Und ich habe keinen Bock, das zu verheimlichen.“
Auch der Comedian Torsten Sträter hat ein Buch über seine Depression geschrieben und ist Schirmherr bei der Deutschen Depressionsliga. „Menschen mit Depressionen, das sind für mich keine schwachen, sondern die stärksten Leute, die rumlaufen. Weil für sie jeder Tag ein Kampf ist“, sagt Sträter.
Trotzdem sind psychische Erkrankungen immer noch ein Tabu, vor allem bei Männern. Vor einigen Jahren sprachen zumindest viele öffentlich über ihren Burn-out, weil dieser Begriff sagen sollte: „Ich bin nicht schwach, ich habe nur einfach richtig viel gearbeitet.“ Dabei ist ein Burn-out nichts anderes als eine Erschöpfungsdepression.
In den meisten Kulturkreisen wird von Männern immer noch erwartet, dass sie stark und souverän sind, keine Schwäche zeigen, ihre Gefühle gefälligst für sich behalten und nach außen so tun, als wären sie jederzeit Herr der Lage. Bloß keine Schwäche zeigen, Emotionen sind nur etwas für Frauen. Dieses Credo gilt heute für Männer immer noch.
Und dies hat Konsequenzen für die Gesundheit von Männern. Wer immer stark sein muss, der geht nicht zum Arzt, der kümmert sich weniger um sich und der hat vor allem wenig Ahnung von seinen eigenen Gefühlen und gesteht sich oft auch nicht ein, psychisch krank zu sein. Genau dies kann ein Problem bei männlichen Depressionen sein: Männer sprechen manchmal deshalb nicht über ihre Depressionen, weil sie sich selbst gar nicht als depressiv sehen.
Häufig haben Männer durch ihre Sozialisation gar nicht gelernt, ihre Gefühle einzuordnen. Auch Kurt Krömer sagt dies im Nachhinein: „Ich habe gedacht, ich bin halt ein verbitterter, alter Mann.“ Nachdem er in seiner Sendung erstmals öffentlich über seine Erkrankung sprach, habe er Tausende Nachrichten erhalten. Alle hätten sich gefreut, dass dieses Thema endlich offen angesprochen wird. Dies zeigt doch aber: Männer wollen endlich auch über ihre Gefühle sprechen – und vor allem wollen sie damit ernst genommen werden.
Psychische Erkrankungen bei Männern sind immer noch so ein Tabu, weil unsere Gesellschaft die Rollenerwartung an Männer nie geändert hat. Während Frauen heute nach mehreren Wellen der Emanzipationsbewegung einen Wandel in der Gesellschaft durchlaufen haben, hat eine derartige Entwicklung bei Männern kaum stattgefunden. Und genau deshalb tun sich viele Männer heute auch noch schwer mit ihrer Rolle – junge wie alte. Ältere, weil sie noch zu sehr an den starren Rollenbildern festhalten und ein Abweichen davon für sie undenkbar ist. Und jüngere Männer, weil sie oft noch kein alternatives Modell für sich als Mann haben.
Genau diese Erwartungen an Männer spiegeln sich übrigens auch eins zu eins in der Symptomatik bei männlichen Depressionen wider. Laut der Geda-Studie, einem Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts, gibt es starke Geschlechterunterschiede bei der Wahrnehmung und Äußerung depressiver Symptome. Auch im sogenannten Hilfesuchverhalten und in der Depressionsdiagnostik unterscheiden sich Männer und Frauen. Und das hat Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Männern. Denn oft werden Erkrankungen bei ihnen später diagnostiziert – oft aber werden sie auch gar nicht erkannt. Die Suizidrate bei Männern ist dreimal so hoch wie bei Frauen. Etwas mehr als 9000 Menschen starben im Jahr 2021 in Deutschland durch Suizid, 75 Prozent davon waren Männer.
Während offiziell neun Prozent der Frauen von Depressionen betroffen sind, sind es bei Männer nur fünf Prozent. Die Geschlechterunterschiede seien auch auf die sozialen Lebensbedingungen zurückzuführen sowie deren Wirkung auf die psychische Gesundheit, heißt es in dem Report weiter. So seien die Belastungen im Haushalt nach wie vor nicht gleich verteilt. Frauen würden nach wie vor mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten als Männer.
Ein Risikofaktor für eine psychische Erkrankung ist bei beiden Geschlechtern Armut. Und auch Alleinlebende erkranken statistisch gesehen häufiger an Depressionen. „Das Zusammenleben als Paar ist ein wichtiger Schutzfaktor für die psychische Gesundheit“, heißt es in dem Report, und zwar vor allem für Männer: So hätten getrennt lebende, geschiedene und verwitwete Männer ein sehr viel größeres Risiko, an einer depressiven Störung zu erkranken, als verheiratete Männer.
Und dann gibt es noch ein anderes Problem: Die Symptome bei Männern äußern sich schlicht anders. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Universität Wien, die anlässlich des Welt-Männertages im Oktober 2022 veröffentlicht wurde. „Bei Männern zeigen sich vor allem eine anhaltende Reizbarkeit und auffälliges Risikoverhalten“, sagte der Psychiater Johannes Wancata, Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien in einer Presseerklärung. Bei Frauen sind es eher die typischen Symptome wie eine depressive oder traurige Stimmung, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Veränderungen beim Appetit oder dem Gewicht, heißt es vom amerikanischen National Institute of Mental Health.
Männer kompensieren mehr als Frauen schlechte Gefühle mit Alkohol und Drogen. Die typischen Anzeichen einer Depression werden so häufig überlagert. Krömer schreibt in seinem Buch, er habe 30 Jahre überhaupt nicht realisiert, dass er depressiv sei. „Es gab immer Sachen, die ich vorgeschoben habe: Alkohol, Erektionsstörungen, Stress zu Hause.“ Dann denke man „ich habe Stress“ – und trinke zu viel. „Dass unter all diesen Sachen eine Depression liegt, darauf kommt man nicht“, schreibt Krömer. „Und dann fühlt sich eine Depression nicht unbedingt so an, wie man vielleicht denken würde. Also man liegt nicht in der Ecke und ist nur noch traurig.“
Auch die Auslöser sind laut der Psychiaterin Anna Maria Möller-Leimkühler, Professorin für Sozialwissenschaftliche Psychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, oft andere. Bei Männern seien noch viel mehr die Bedrohung des sozialen Status und ein Statusverlust Auslöser von Depressionen, schreibt sie im „Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie“. Auch würden sich Männer oft erst gar keine Hilfe suchen. Deshalb gebe es eine „systematische Unterdiagnostik“ bei männlichen Depressionen.
Möller-Leimkühler sieht eine Ursache darin, dass das soziale Geschlecht für viele eine zentrale Rolle für die Identität und das eigene Selbstkonzept spielt. So seien die traditionellen Geschlechterrollen weiterhin existent und für Männer handlungsleitend. „Frauen bevorzugen bei der Partnerwahl nach wie vor Männer mit hohem sozialem Status, Dominanz und Macht.“ Das sei empirisch belegt. Männer sollen also für Frauen Stärke und Unerschütterlichkeit vermitteln – und gehen dadurch über ihre Grenzen.
Ist die Ursache von Depressionen bei Männern also, dass sie Männer sind? So schlicht ist die Antwort nicht, denn psychische Krankheiten entstehen aus einer Mischung aus Biologie, dem persönlichen Umfeld und sozialen Faktoren. Aber vor einigen Jahren hat eine Aussage der American Psychological Association Aufregung in der konservativen Presselandschaft verursacht. So schrieb die Gesellschaft in einer Broschüre kritisch von „toxischer Männlichkeit“. Sie warnte vor negativen Folgen der „traditionellen Männlichkeit“. Destruktive männliche Verhaltensweisen seien eine Gefahr für die Gesellschaft – auch für Männer selbst.
Anne Maria Möller-Leimkühler sieht das Problem auch in der Rollensuche von Männern in modernen Gesellschaften. So sei zwar jenes männliche Geschlechterstereotyp in seiner Eindimensionalität an sich mit Risiken für die psychische und körperliche Gesundheit von Männern behaftet, aber dazu kommt: „Das Ideal einer hegemonialen Männlichkeit von Macht, Prestige und Überlegenheit ist nur einer kleinen männlichen Minderheit vorbehalten“, schreibt sie. So litten Männer darunter, wenn sie nicht diesen klassischen männlichen Idealen entsprächen. „Weil Scheitern in unserem gesellschaftlichen Konzept von Männlichkeit noch nicht vorkommt“, schreibt die Psychiaterin.
Allerdings, so gibt sie zu bedenken, hätte die „Dekonstruktion dieser klassischen Männerrolle“ bei vielen Männern ebenfalls zu Unsicherheiten geführt. So sieht sie in den Diffamierungen, denen Männer in den letzten Jahren vermehrt ausgesetzt sind, ein immenses Problem. Tatsächlich werden Männer in gesellschaftlichen Debatten häufig als „alte, weiße Männer“, „alte Boomer“ oder gar als Auslauf- oder Defizitmodell dargestellt.
Diese pauschalen Aburteilungen tragen nicht dazu bei, dass Männer ein stabiles Rollenmodell für sich entwickeln. Auch führt dies nicht dazu, dass Tabus über psychische Krankheiten gebrochen werden. Die Diffamierung, Verurteilung und Abwertung von gesellschaftlichen Gruppen hat Auswirkungen auf die psychische Gesundheit eines Menschen, der dieser Gruppe angehört.
Was muss sich also ändern? Für Männer braucht es mehr Aufklärung und Information über seelische Erkrankungen und bessere Anlaufstellen – und eine Gesellschaft, die nicht erwartet, dass ein Mann niemals schwach oder krank sein darf. Traditionelle Erziehungsmethoden à la „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Echte Männer weinen nicht“ oder auch die Glorifizierung von Geld, Macht und Status sind für einen gesunden Umgang mit den eigenen Emotionen kontraproduktiv. Männer sind nicht weniger wert, nur wenn sie keine typisch männlichen Eigenschaften aufweisen oder nicht den gängigen Rollenklischees entsprechen. Dabei müssen sich auch Frauen hinterfragen. Es ist eine falsche Erwartung, dass Männer immer stark sein müssen oder gar einen gewissen Status vermitteln sollen.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/