„Jeder Mann ist ein potenzieller Täter“ klingt hart. Doch der Satz meint keine Einzelpersonen, sondern ein ungerechtes System. Männer sollten ihn aushalten, meint unser Autor.
„Jeder Mann ist ein potenzieller Täter“ – dieser Satz polarisiert. Im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt ist er immer öfter zu hören und zu lesen. In den Sozialen Medien, aber auch – in leicht abgewandelter Form – in unserer Zeitung, im Interview geäußert von einer jungen Frau aus Stuttgart (“für mich ist jeder fremde Mann ein potenzieller Täter”).
Bei vielen Männer löst eine solche Aussage – gelinde gesagt – Irritationen aus. Schnell folgen dann Abwehrreflexe nach dem Motto „aber ich doch nicht“, gespickt mit Begriffen wie „Generalverdacht“ oder „Männerhass“. Der Satz wird hier als persönlicher Angriff wahrgenommen. Dabei lässt er sich auch ganz anders deuten: nicht als gezielte Attacke auf Einzelpersonen, sondern als deutlicher Verweis auf ein patriarchales System der Gewalt und Ungerechtigkeit.
Strukturelle Ungerechtigkeit wirkt nicht nur durch explizite Gewalt
Die Vorwürfe Collien Fernandes’ gegenüber Christian Ulmen, der sexuelle Missbrauch durch Jeffrey Epsteins Eliten-Netzwerk oder die Vergwaltigungseinladungen von Dominique Pelicot bilden hier nur die Spitze des Eisbergs ab. Es ist wenig originell, aber trotzdem angebracht, an dieser Stelle noch einmal die Zahl der Femizide in Deutschland zu nennen: 308 Mädchen und Frauen wurden im Jahr 2024 nach Angaben des Bundesinnenministeriums getötet. Hinzu kommen unzählige weitere Fälle sexualisierter Gewalt, die sich nicht in Statistiken niederschlagen.
Und dann sind da noch die Formen struktureller Ungerechtigkeit, die unterhalb der Schwelle zur expliziten Gewalttat wirken. Wenn von Frauen etwa erwartet wird, den Großteil an Haus-, Sorge- und Beziehungsarbeit zu leisten. Oder wenn Mutterschaft zu Einschränkungen im Berufsleben führt und sich negativ auf die Rente auswirkt. Solche gesellschaftlichen Verhältnisse können ebenfalls verheerende Folgen für Frauen haben, nicht selten in Form von Erschöpfung. Das gilt erst recht, wenn sich verschiedene Formen struktureller Ungerechtigkeit überschneiden, zum Beispiel bei rassismus- und/oder armutsbetroffenen Frauen beziehungsweise bei FLINTA* (Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans* und agender Personen) insgesamt.
Profiteure und Täter
Es handelt sich um die Symptome eines patriarchal-kapitalistischen Systems, das maßgeblich auf der Ausbeutung weiblicher Ressourcen beruht. Männer profitieren hier – ob bewusst oder unbewusst – von einer strukturellen Machtposition, wenngleich sie unter den Konsequenzen dieses Systems, etwa dem Erwartungsdruck auf junge Männer oder der Abwertung emotionaler Nähe, oftmals selbst leiden.
Natürlich macht sie das nicht automatisch zu Gewalttätern; die große Mehrheit der Männer fällt sicherlich nicht in diese Kategorie. Profiteur und Täter zu sein, das ist nicht dasselbe. Aber in einem ungerechten System besteht zwischen beidem doch ein direkter Zusammenhang. Die Grenzen sind hier fließend.
Ansatzpunkte für Männer
Sich das als Mann einzugestehen, kann ein wichtiger erster Schritt sein – aber auch ein schwerer Schlag fürs eigene Selbstwertgefühl. Es ist deshalb nachvollziehbar, wenn Männer parallel zu einem wachsenden Bewusstsein für patriarchale Strukturen Scham für die eigene Rolle innerhalb dieser Strukturen entwickeln. Davon kann ich als relativ junger Mann, dessen Verhalten aus feministischer Perspektive noch immer viel zu oft zu wünschen übrig lässt, selbst ein Lied singen. Allerdings wäre es fatal, in dieser Scham zu verharren. Denn eine Schuld-Paralyse hilft niemandem weiter.
Stattdessen gibt es konkrete Ansatzpunkte für Veränderungen, etwa um das Sicherheitsgefühl von Frauen zu erhöhen. Sexismus im Alltag ansprechen, Betroffenen zuhören, im Dunkeln Abstand halten – von all diesen Punkten dürfte inzwischen jeder Mann gehört haben. Und wenn nicht, dann sollte er sich schleunigst darüber informieren. Das gilt auch für die Aufgabenteilung beim Kindergroßziehen, die Verantwortungsübernahme bei der Hausarbeit oder emotionale Zuwendung.
Und dann ist da noch eine weitere Möglichkeit: Bewegungen zu unterstützen, die patriarchal-kapitalistische Strukturen grundlegend hinterfragen oder gar bekämpfen. Das klingt nun zugegebenermaßen abstrakt. In vieler Hinsicht fehlen uns weiterhin Vorstellungskraft, Vokabular und damit auch die konkreten Ansatzpunkte für grundlegende systemische Veränderungen. Doch das ändert nichts an ihrer Notwendigkeit. Denn nur solche Veränderungen bergen die Chance, dass irgendwann faktenbasiertes Vertrauen die diffuse Angst vor dem Mann als potenziellem Täter ersetzt.