Männlichkeit Meik Gudermann: „Viele Menners scheinen mir komplett emotional verkümmert“

Digital Creator Meik Gudermann erklärt „Menners“ auf Instagram auf lustig-charmante Weise das Patriarchat. Foto: Sebastian Ruckaberle

Meik Gudermann macht sich auf Social Media humorvoll über „Menners“ lustig. Im Interview erklärt der Influencer, warum Männer sich nur durch Konsequenzen ändern.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Mit Humor gegen toxische Männlichkeit: Der Digital Creator Meik Gudermann macht sich auf Social Media satirisch über „Menners“ lustig – seinen Begriff für problematisches Männerverhalten. Als schwuler Mann mit weiblichem Freundeskreis kennt er beide Seiten und übersetzt seine Beobachtungen in humorvolle, aber schonungslose Posts. Im Interview erklärt er, warum hinter seinen Witzen ein ernster Kern steckt: Männer müssen lernen, dass Empathie eine Stärke ist – und nur Konsequenzen, nicht Nettigkeit, führen zur Veränderung.

 

Herr Gudermann, Sie schreiben auf Ihren Accounts viel über Probleme von heterosexuellen Männern – auf eine sehr lustige, aber auch sehr direkte Art. Wie kam es dazu?

Es sind zwei Dinge: Zum einen bin ich selbst betroffen. Die, die mich in der Schulzeit wegen meiner Homosexualität gemobbt haben, waren immer Männer. Ich wurde beleidigt, bespuckt, verprügelt. Teilweise ziehen sich diese Probleme auch in queeren Beziehungen durch. Ich bin gesellschaftlich gesehen eher ein femininer Mann und kenne daher viele Probleme, die Frauen haben. Zum anderen ist mein Freundeskreis zu 99 Prozent weiblich und heterosexuell. Dadurch bekomme ich so viel mit, was Frauen mit Menners erleben. Den Begriff „Menners“ nutze ich übrigens als eine Art Sammelbegriff für problematische Verhaltensweisen von Männern, um nicht ein ganzes Geschlecht zu bashen.

Was beobachten Sie im Umgang von Männern untereinander?

Menners verhalten sich oft auch untereinander überhaupt nicht empathisch und scheinen mir wenig ehrlich interessiert aneinander. Stattdessen beobachte ich  sehr viele Rangkämpfe: Wer ist beruflich erfolgreicher? Wer hat das größere Auto und wer die attraktivste Frau? Ein Bekannter hatte neulich einen ganzen Abend mit seiner Männer-Freundesgruppe verbracht. Als ich ihn anschließend fragte, wie es den anderen  gehe, kam raus: Er wusste es nicht. Sie hatten sich überhaupt nicht über Persönliches ausgetauscht.

Weil sie es nicht interessiert?

Viele Menners scheinen mir komplett emotional verkümmert – sowohl in Freundschaften als auch in der Familie. Ein Heteromann in Trennung erzählte mir neulich, er wisse nicht, wie es seinen Kindern gehe. Ich denke mir dann: Du bist doch der Vater, du musst dich doch dafür interessieren!

Woran liegt das?

Die einzigen Gefühle, die bei Männern vorbehaltlos akzeptiert  werden, sind Wut und Freude. Alle anderen Gefühle werden sanktioniert, indem sie als weiblich abgetan werden. Männer können ihre Gefühle oft auch nicht selbst regulieren, nicht mal richtig in Worte fassen. Deswegen sind sie so extrem auf Frauen angewiesen.

Weil die Frau die emotionale Arbeit übernimmt.

Genau. Auf der einen Seite machen sie sich über emotionale Frauen lustig. Dabei sind oft Frauen diejenigen, die für die komplette Gefühlsregulation von Männern verantwortlich sind. Das liegt nicht am Y-Chromosom – sonst könnte ich als biologischer Mann das ja auch nicht. Das wurde vielen  von klein auf regelrecht abtrainiert.

Aber warum ändern Männer ihr Verhalten nicht, wenn es ihnen selbst schadet?

Wir müssen aufhören, für Menners so viel  Verständnis zu haben. Jahrzehntelang haben wir ihr Verhalten entschuldigt: Er meint es nicht so, hat es nicht anders gelernt. Heterosexuelle Männer ändern sich nur durch Konsequenzen, nicht aus Nettigkeit. Sie haben unfassbar viele Privilegien und wir lassen ihnen immer noch viel  durchgehen.

Frauen wird inzwischen oft vorgeworfen, zu feministisch oder zu fordernd zu sein. Aber Appelle allein reichen offenbar nicht?

Nein, Männer müssen die Konsequenzen spüren. Eine wird ja gerade in der viel zitierten „Male Loneliness Epidemic“ spür- und sichtbar: Wenn ein Mann sich nicht ordentlich verhält, Care-Arbeit übernimmt oder Frauen nicht auf Augenhöhe begegnet, kriegt er eben keine Freundin mehr ab. Man trennt sich von ihm. Nur so gibt es für Menners einen Grund zur Veränderung.

Viele Männer denken immer noch, eine Frau möchte erobert werden.

Ein Nein ist ein Nein. Alles andere ist übergriffig. Die einzige Grenze, die immer noch von den meisten akzeptiert wird : Wenn einem anderen Mann die Frau „gehört“, dann lassen sie davon ab. Aber das ist absurd und die komplette Objektifizierung der Frau. Über ihr „Nein“ darf man sich ruhig hinwegsetzen, das eines anderen Mannes ist aber unbedingt zu akzeptieren. Das zeigt wieder sehr gut, wen Menners wertschätzen: andere Männer. Und wen eben nicht: Frauen.

Warum ist das immer noch so verbreitet?

Die bekommen das eingetrichtert: Die Frau möchte  überzeugt werden, Frauen tun auf unnahbar, wenn sie nein sagt, meint sie eigentlich ja. Männer glauben wirklich das „Nein“ einer Frau sei verhandelbar. Viele reagieren entsprechend auch auf eine Abfuhr wie  ein trotziges Kind.

Gerade in der Alpha-Male-Community nimmt solches Denken ja wieder immens zu.

Das ist das Schlimme. Dass sie damit  durchkommen. Männer untereinander schaffen es oft nicht, den Mund aufzumachen. Die richtige Reaktion wäre, dass andere Männer sagen: „Wer hat dir ins Hirn geschissen, dass  du dich so verhältst?“ Weil die Meinung von Frauen von Männern häufig ignoriert wird, ist es wichtig, dass andere Männer laut werden und  sexistisches, frauenverachtendes Verhalten outcallen. Ihre männlichen Kollegen, Kumpel, Chefs sollten sie auch nicht mehr decken. Aber sie schweigen oft dazu.

Und wer schweigt, stimmt zu.

Wenn Männer so etwas  mitbekommen – was ja de facto der Fall ist – und einfach nichts dagegen sagen und diese toxischen Typen mit ihrem misogynen Verhalten  durchkommen lassen, dann ändert sich nichts, obwohl viele Männer vielleicht ganz anderer Meinung sind und Frauen respektvoll begegnen. Das ist dann wieder diese klassische Bro-Culture.

Was müsste sich ändern?

Männer müssen verstehen, was wirkliche Stärken sind. Empathie ist eine unfassbare Stärke – nicht Macho-Gehabe. Sie müssen aufhören zu denken, dass Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, Gefühle zuzulassen und intensiv zu spüren Schwächen sind. Das sind Superkräfte. Nur wer seine eigenen und die Gefühle anderer wahrnehmen, benennen und selbstständig regulieren kann, trifft gute Entscheidungen und kann führen. Sie müssen vom albernen Alpha-Gehabe weg – das ist toxisch für sie selbst, ihr Umfeld und die Welt.

Männer schaden Männern häufig am meisten.

Dem möchte ich deutlich widersprechen. Männer schaden vor allem Frauen, Minderheiten, unserem ganzen Planeten – und dann auch sich selbst. Ihr toxisches Verhalten sichert ihnen aber immer noch jede Menge Macht und Einfluss. Aber klar, es geht ihnen selbst auch nicht gut damit. Männerfreundschaften sind toxisch, weil sie sich in selbst und fremdschädigenden Verhalten hochpushen: Du musst viel feiern, trinken, schlecht zu Frauen sein. Das ist nicht wie unter Frauen, die sagen: Komm her, ich höre dir zu’. Männer sagen: ‚Reiß dich zusammen, sei cool, übertrumpf die anderen’.

Was können Frauen tun?

Solidarität unter Frauen ist unfassbar wichtig. Zusammenschließen, einander glauben, füreinander einstehen. Männer sind nicht füreinander da und erst recht nicht für Frauen und queere Menschen. Wir können die Welt verändern, weil Männer auf uns angewiesen sind. Denn diese Welt wird eigentlich von Frauen getragen – ohne ihre Care-Arbeit bräche hier alles zusammen. Wenn Frauen kollektiv sagen „Mit uns nicht“ – dann haben Männer Pech gehabt und würden vielleicht anfangen, ihr Verhalten endlich zu hinterfragen und zu ändern.

Meik Gudermann erklärt Männern das Patriarchat

Leben
Meik Gudermann hat in vielen Berufen gearbeitet: Nach einigen Jahren in der Jugendhilfe absolvierte er ein Volontariat und wechselte als Moderator zum Radio, um von dort in die Welt der Musicals einzutauchen. In einem Musicalkonzern betreute er erst den Social-Media-Auftritt und arbeitete sich dann zum Head of Content hoch. Heute ist er Autor, Content Creator und laut einem besonders genervten Hater „ein schwuler Erklärbär, der Männern die Welt erklärt“.

Werk
Auf Social Media verwandelt er Sexismus in Satire. „Menners! – Ein Gespräch über Männer mit deinem schwulen besten Freund“ ist sein erstes Buch. (nay)

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