Märchen kommen und gehen „Wir sind kein Museum“ – warum Veränderungen zum Märchengarten dazugehören

Kaum jemand kennt das Märchen des Seerosenkönigs, auf dem diese Station basiert. Deshalb gibt es dessen Geschichte dort jetzt auch zum Nachlesen. Foto: Simon Granville

Der Märchengarten Ludwigsburg ist für viele Menschen eine Institution. Kommt etwas Neues oder geht etwas Altes, fragt sich so manch einer: Warum eigentlich? Wir haben nachgefragt.

Das war doch schon immer so – diesen Gedanken haben viele, die durch den Märchengarten streifen und in die altbekannten Gesichter von beliebten Märchenfiguren schauen oder die Klinke am Hexenhäuschen drücken. Tatsache ist jedoch: Der Märchengarten war schon immer ein Ort der Veränderung. So gut wie nichts ist heute noch exakt so, wie es zu dessen Entstehung Ende der 1950er Jahre war.

 

Märchenszenen kamen und gingen, alte Bilder und Muster wurden übermalt, defekte oder veraltete Geräte, Gebäude und Puppen wurden durch neue ersetzt. Erst 2024 wurden fünf Stationen erneuert, darunter der Seerosenkönig und die roten Schuhe. Blüba-Direktorin Petra Herrling gewährt einen Blick hinter die Kulissen und verrät, wie und weshalb sich der Märchengarten über die Jahre gewandelt hat, warum Veränderungen wichtig sind – und wann es endlich mehr Toiletten gibt. Die sieben wichtigsten Erkenntnisse über den Ludwigsburger Märchengarten.

1. „Mama, was ist das?“

„Immer weniger Kinder kennen die Märchen, die hier ausgestellt sind, oder sie bekommen zu Hause gar nicht mehr vorgelesen“, bedauert Petra Herrling. Deshalb werde bei Neuerungen öfter darauf geachtet, dass die Geschichten hinter den Märchenszenen ganz erzählt werden. „Trotzdem wollen wir weiterhin alle Ebenen abdecken. Manche Kinder lieben es, die Geschichten anzuhören, andere wollen einfach nur an eine Tür klopfen und dann weiter rennen.“

Auch die Hexe hat sich verändert – mit neuem Gesicht und einem großen Fachwerkhaus statt des windschiefen Knusperhäuschens. Foto: Blühendes Barock/Simon Granville

2. „Papa, ich hab Angst“

Kinder haben einen anderen Blick auf die Installationen des Märchengartens als die Erwachsenen, die damit aufgewachsen sind, so Herrling. Mitunter kommt es vor, dass ihnen Szenen, die Eltern und Großeltern in positiver Erinnerung haben, sogar Angst machen. Dann überlege man sich Alternativen.

„Dieses Problem hatten wir zum Beispiel bei den Sterntalern. Wir haben von vielen Kindern gehört, die gesagt haben: ,Mama, da steht eine Leiche‘.“ Die Station hat nun ein neues Gesicht erhalten: „Da sehe ich jetzt immer wieder Kinder stehenbleiben und interessiert durch die Öffnungen schauen.“ Das aktuelle Rumpelstilzchen habe auf einige Kinder leider eine ähnlich beängstigende Wirkung.

3. „Opa, das ist neu!“

Der Märchengarten ist und bleibt ein Ort der Unterhaltung für Kinder. Daher sei es wichtig, immer wieder auch mal etwas Neues anzubieten, sofern es der Platz und die Finanzen zulassen. Die Ideen dazu entwickeln die jeweiligen Direktoren gemeinsam mit dem gesamten Blüba-Team. In den 2000ern kamen beispielsweise „1001 Nacht“ dazu sowie der „Pinocchio-Tunnel“, 2014 „Max und Moritz“ und 2019 der „Tumult im Märchengarten“.

Diese überdachte Station kommt sehr modern daher. Die Kinder können sich interaktiv an kleinen Such- und Ratespielen beteiligen. Und erst vor einem Jahr wurden die roten Schuhe neu gemacht und in eine Art Spiegelkabinett integriert, um die kleinen Zuschauer in die Erzählung einzubinden.

Der „Tumult im Märchengarten“ ist eine große, interaktive Spielwiese. Foto: Simon Granville/Simon Granville

4. „Mama, ich muss aufs Klo!“

„Manche Veränderungen bei uns haben ganz praktische Hintergründe“, erklärt Petra Herrling. Ganz aktuell beschäftigt sie der Wunsch vieler Eltern nach zusätzlichen Toiletten. Zwischen Herzogschaukel und Haupteingang ist nämlich Beine zusammenkneifen angesagt. „Da kämpfe ich seit langem darum, dass wir hier Abhilfe schaffen können, und habe inzwischen tatsächlich die Genehmigung.“

Da momentan kein zusätzlicher Platz für sanitäre Anlagen da ist, muss welcher geschaffen werden. Die Ausstellung des Däumelinchens muss deshalb verkleinert werden. Die Arbeiten sollen, wenn möglich, bereits im Winter starten. Ob die Anlagen rechtzeitig bis zum Start in die Saison 2026 fertig werden, könne sie aber leider nicht versprechen.

Das Däumelinchen ist noch recht neu im Märchengarten, von 2009. Zugunsten weiterer Toiletten muss die Installation etwas verkleinert werden. Foto: Simon Granville/Simon Granville

„In den Anfängen hatte der Märchengarten zudem viel mehr Treppen.“ Für Familien mit Kinderwagen ein Graus, ganz zu schweigen von gehbehinderten Menschen. Das gesamte Gelände wurde deshalb über die Jahre entsprechend angeglichen.

5. „Oma, das bin ich“

Märchen in die moderne Zeit zu holen und Inklusion voranzutreiben, ist nach Auffassung von Petra Herrling ebenfalls ein wichtiger Aspekt. „Märchen waren schon immer ein Spiegel der Gesellschaft“, erklärt sie. Deshalb sind in den Erzählungen der Gebrüder Grimm auch alle guten Mädchen blond, weil das dem damaligen Zeitgeist entsprach. Behinderte Menschen spielen bei Grimms derweil keine Rolle, weil sie damals keinen Platz in der Gesellschaft hatten. „Heute ist das anders.“ Und das solle sich auch im Märchengarten widerspiegeln, findet sie. In ihrer neuen Sterntaler-Station sind deshalb auch Menschen im Rollstuhl zu sehen.

Nicht alle sehen solche modernen Interpretationen positiv, weiß Petra Herrling. „Aber Märchen haben sich stets verändert“, betont sie. Schon allein dadurch, dass sie über lange Zeit nur mündlich weitergegeben wurden. Und selbst die Gebrüder Grimm hätten ihre gesammelten Werke immer wieder überarbeitet und Inhalt und Moral ihrer Zeit angepasst, sie „kindgerechter“ gemacht. Das sei also kein neues Phänomen, wie man es von Disney-Verfilmungen kennt, sondern typisch für Märchenerzählungen.

Der Brunnen von Frau Holle gehört zu den wenigen Attraktionen, die zumindest von außen noch genauso aussehen wie zur Eröffnung 1959. Die Beleuchtung im Inneren und die Musik kamen allerdings erst später dazu. Foto: Simon Granville/Simon Granville

6. „Papa, wer entscheidet das eigentlich?“

Der Märchengarten wird betrieben von der Blühendes Barock Gartenschau Ludwigsburg GmbH, die Leitung hat seit 2022 Petra Herrling. Die GmbH wiederum ist eine je 50-prozentige Tochter von der Stadt Ludwigsburg und vom Land Baden-Württemberg. Vertreter von Stadt und Land bilden einen Aufsichtsrat.

Über kleinere Sanierungen und Reparaturen kann der Direktor oder die Direktorin des Blüba selbst entscheiden, erklärt Petra Herrling. „Wenn es um größere Umgestaltungen geht, ob etwas wegkommt oder ersetzt oder ganz neu gemacht wird, muss der Aufsichtsrat unseren Vorschlägen zustimmen.“ Unter der Voraussetzung, dass Platz und Geld für die Neuerungen da sind.

7. „Opa, wie findest du das?“

Vor allem von Kindern beziehungsweise deren Eltern kommen viele positive Rückmeldungen, freut sich Petra Herrling. „Zum Beispiel zu unseren roten Schuhen habe ich schon oft von Jüngeren gehört, dass sie das richtig cool finden mit den Spiegeln.“

Trotzdem: Sobald sich etwas verändert, etwas Neues kommt oder etwas Altes ersetzt wird, gibt es immer auch negative Kommentare. „Allerdings sind das für gewöhnlich die ,Falschen‘, die sich beschweren“, findet Petra Herrling. Nämlich Menschen, die längst keine Kinder mehr sind – in erster Linie Senioren.

Der Knüppel aus dem Sack war bei der Eröffnung in einem modernen 50er-Jahre-Stil gehalten, bevor er neu gestaltet wurde. Foto: Blühendes Barock Gartenschau Ludwigsburg GmbH/Simon Granville

Nach ihrer Erfahrung hängen die Menschen an dem, womit sie persönlich aufgewachsen sind. „Mir selbst hat zum Beispiel das alte, windschiefe Hexenhäuschen viel besser gefallen, das neue ist mir zu statisch“, verrät sie. „Aber wir sind nun mal kein Museum. Es muss den Kindern gefallen, nicht denen, die vor 50 Jahren welche waren.“

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