Im Hippozentrum in Scharnhausen werden jede Woche 500 Patienten behandelt. Hier, auf dem Gelände des ehemaligen Lustschlosses, wird unter anderem Pferdetherapie angeboten.

Reporterin: Elisabeth Maier (eli)

Es ist ein Idyll im ehemaligen Lustschloss von Herzog Carl Eugen in Scharnhausen - und Pferde machen es perfekt. Spaziergänger bewundern nicht nur den Säulenbau aus dem Jahr 1784. Auch die schönen Tiere ziehen Blicke auf sich. Doch die Vierbeiner leben nicht allein auf dem großen Gelände im Körschtal. Sie arbeiten und helfen Patienten aller Generationen als Therapiepferde.

 

Das gute Miteinander von Mensch und Tier steht für Silke Plöns, die Betriebsleiterin des Hippozentrums im Schlössle, im Mittelpunkt. 2012 hat Wolfgang Fahr das Zentrum für therapeutisches Reiten und Physiotherapie gegründet. Er ist 2022 verstorben; heute führt sein Sohn Jürgen die Geschäfte weiter. Von der Zusammenarbeit schwärmt Plöns.

Im historischen Umfeld des ehemaligen Lustschlosses hat das Hippozentrum Büro- und Verwaltungsräume. Der kunstvolle Stuck an den Decken erinnert an die Vergangenheit des Hauses Württemberg. Im Schlössle sind Räume für die Physiotherapie. Dort zu arbeiten, gefällt dem Team. 500 Patienten kommen jede Woche. Wenige Schritte entfernt in den ehemaligen Ställen finden nicht nur Kurse statt – die renovierten Räume werden auch vermietet.

Das Hippozentrum im Schlössle in Scharnhausen. Foto: Markus Brändli

Pferdezucht hat in Scharnhausen Tradition. Schon König Wilhelm I. von Württemberg, ein Neffe Carl Eugens, liebte Pferde, und so wurde das Schlössle Gründungsort der heutigen Vollblut-Araberzucht des Haupt- und Landesgestüts Marbach. Die ganz spezielle Beziehung zwischen Pferd und Mensch ist auch heute noch der Grundstein für die therapeutische Arbeit.

Auf dem Rücken der Pferde werden unter anderem Kinder und Erwachsene, deren zentrales Nervensystem geschädigt ist, therapiert. „Pferde faszinieren durch ihre Größe, Anmut und Eleganz“, sagt Silke Plöns. Darüber hinaus böten sie „in der Gangart Schritt Bewegungsimpulse, die wir therapeutisch nutzen können.“ Bei der Hippotherapie, dem physiotherapeutischen Fachbereich des therapeutischen Reitens, werde das Pferd zum Übungspartner.

Die Pferdetherapie im Hippozentrum stärkt das Selbstbewusstsein

Die sechsjährige Emilia Schwarz hat eine Stoffwechselerkrankung und ist unter anderem wegen ihrer Haltung bei der Pferdetherapie, sagt Mutter Melanie Schwarz. Die beiden kommen aus Feuerbach und sind seit Januar in der Therapie. „Emilia ist begeistert. Sie redet nicht viel und man spürt richtig, wie die Pferdetherapie ihrem Selbstbewusstsein hilft. Sie ist stolz, dass sie das machen darf.“

Melanie Schwarz und Tochter Emilia genießen die Zeit mit dem Pferd. Foto: Markus Brändli

Uwe Brauner kommt aus Stuttgart, er hat seit 35 Jahren Multiple Sklerose. Nach dem Tipp seiner Therapeutin und einem Ausprobieren beim Tag der offenen Tür hat er vor zehn Jahren mit der Pferdetherapie angefangen. Seine Medikamente, die den Verlauf der Krankheit aufhalten sollen, hat er zur gleichen Zeit abgesetzt. Die heftigen Nebenwirkungen durch die Medikamente hat der 65-Jährige nun nicht mehr – trotzdem ist er stabil und spürt einen positiven Effekt auf die MS-Symptome. Er mache aber gleichzeitig selbst viel und nehme Physiotherapie.

„Wir schneiden die jeweiligen Therapien mit den Pferden individuell auf die Patientinnen und Patienten zu“, sagt Silke Plöns. Wenige Gehminuten vom Schlössle entfernt, gibt es eine behindertengerecht ausgebaute Reitanlage. Da werden körperbehinderte Reiter mit einem Lift aufs Pferd gesetzt. Für manche ist es schon ein Erfolg, aufzusitzen und die sanften Bewegungen zu spüren. Andere Menschen mit körperlichen Einschränkungen tanken beim Para-Dressursport Selbstbewusstsein. Auch heilpädagogisches Reiten wird angeboten.

Wenn die Betriebsleiterin an den Ställen vorbeiläuft und die Patienten mit den Pferden und den Therapeuten erlebt, ist sie stolz. „Es ist schön, Erfolge zu sehen.“ Anfangs seien die Fortschritte oft klein, doch das entwickle sich. Weil die Hippotherapie 1996 mit der ersten Gesundheitsreform aus dem Katalog der Krankenkassen gestrichen wurde, kostet die Therapie – bei Familien, die sich das nicht leisten können, kann der Förderverein Hippotherapienetz einspringen.

Einfühlungsvermögen ist für Plöns unverzichtbar in der Pferdetherapie. Mit ihrer Leidenschaft motiviert sie ihr Team. Im Hippozentrum arbeiten unter anderem Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Heilpädagogen. Ein wichtiger Baustein des Betriebs ist die Pferdewirtschaft. „Ein schönes Umfeld für Mensch und Tier zu schaffen“, das ist der Chefin wichtig. Da bezieht sie die Familien ein. Geschwister der Kinder, die behandelt werden, dürfen auf Shetland-Ponys reiten. „Sie kommen oft in Familien mit kranken Kindern zu kurz.“ Allen gerecht zu werden, ist Teil des ganzheitlichen Ansatzes.