Märklineum Göppingen Die alte Schönheit wiegt 110 Tonnen

Frisch restauriert zeigt sich die Dampflok beim Göppinger Märklineum. Foto: Giacinto Carlucci

Sie hat 79 Jahre auf dem Buckel und viel zu erzählen: die historische Dampflock der Baureihe 44 im Göppinger Märklineum.

Göppingen - So eine Lok kommt ganz schön rum. Und doch, sie hat eine Heimat. Auf ihre alten Tage ist die Dampflok der Baureihe 44 mit der Nummer 44 1345 in Göppingen heimisch geworden, seit knapp drei Jahren steht, nein, thront sie über dem Parkplatz des Märklin-Werks, 22,5 Meter lang, mit Tender 110 Tonnen schwer. Ein Arbeitstier auf dem Altenteil nach offiziell immerhin 35 Dienstjahren.

 

Für ihren letzten Auftritt ist sie noch einmal richtig aufgehübscht worden, auch mit 79 Jahren kann solch eine Lok noch frisch und knackig aussehen. Jedenfalls dann, wenn sie gründlich restauriert wurde. Spezialisten haben sie in Göppingen sandgestrahlt und mit 15 Quadratmetern Stahlblech, diversen Ersatzteilen und 260 Litern Farbe auf Vordermann gebracht. Sie ist eine Schönheit, oben glänzend-schwarz und unten knallrot. Einen sechsstelligen Betrag hat Märklin investiert, dafür ist jetzt erst mal Ruhe: „Die kommenden 25 Jahre müssen wir nichts mehr machen“, sagt der Märklin-Mann Eric-Michael Peschel.

Gebaut wurde die Lok 1942 in Essen

Angesichts ihres stolzen Alters fährt bei der Lok natürlich auch die Geschichte mit. Gebaut wurde Nummer 44 1345 bei Krupp Essen im Kriegsjahr 1942. Das Baumuster der Dampflok-Baureihe 44 stammt aus dem Jahr 1926, sie ist also eine der jüngeren 44er, die bis zum Jahr 1949 gebaut wurden. Fast 2000 Stück gab es, die Maschinen der Baureihe 44 sind schwere Güterzuglokomotiven, werden bei den Eisenbahnern wegen ihrer Zugkraft auch „Jumbo“ genannt. Der Göppinger Jumbo 44 1315 ist eine „Übergangs-Kriegslokomotive“, die während des Krieges in leicht vereinfachter Form entstanden. Sie wurden zunächst meist ohne die charakteristischen Windleitbleche gebaut , die aber nach dem Krieg nachgerüstet wurden.

Was die alte Lok im Krieg wann wohin gezogen hat, ist unklar, klar ist aber, dass sie etwas abgekriegt hat, jedenfalls ihr Tender: „Einschusslöcher auf der rechten Tenderseite“, mit Blech ausgebessert, diagnostizieren die Experten bei der Bestandsaufnahme nach Ankunft in Göppingen. Klar ist auch, dass sie noch lange nach Kriegsende unter Dampf im Dienst war, meist im Bahnbetriebswerk im hessischen Bebra. Es gibt alte Fotos, auf denen sie einen mit Kalisalz beladenen Güterzug zieht. 1960 wird die Kohlefeuerung aus- und eine Ölfeuerung eingebaut, im Tender ist jetzt keine Kohle mehr, sondern Schweröl. Im Jahr 1977 wird sie in Emden als eine der letzten Dampfloks der Bundesbahn ausgemustert. Irgendwann kommt sie aus dem hohen Norden in den Süden nach Kornwestheim.

Die Lok ist eine Dauerleihgabe

Die Stadt ist bis heute Eigentümerin der Lok, sie wird nach Heilbronn verliehen, gelangt von dort als „unbefristete Dauerleihgabe“ nach Göppingen. Sie hat also viel erlebt. Mindestens einen „alten Bekannten“ der Lok gibt es in Deutschland noch. Er steht im hessischen Bebra. Dort war Nummer 44 1315 lange zuhause, auf dem Schild am Führerstand ist noch zu lesen: „Bw Bebra“ (Bahnbetriebswerk Bebra). Direkt an den Gleisen steht in Bebra noch der alte Wasserturm aus dem Jahr 1910, aus dem die Göppinger-Märklin-Lok sicher häufig mit Wasser, 32 Kubikmeter passen in den Tank, befüllt wurde. Zuhause fühlen kann sie sich aber jetzt im Filstal: Die alte Krupp-Lok aus dem Ruhrpott steht auf Krupp-Schienen von 1935, die Essenerinnen genießen also gemeinsam ihren Ruhestand in Göppingen.

Von Heilbronn über den Göppinger Bahnhof zum Märklin-Werk

Umzug
 Zum wohl letzten Mal auf eigener Achse rollte die Lok 44 1315 von ihrem Standort Heilbronn nach Göppingen, ganz langsam gezogen von einer auch nicht mehr ganz jungen Diesel-Kollegin. „Mit 10 bis 15 Stundenkilometern“, mehr war nicht drin, erinnert sich Eric-Michael Peschel.

Ereignis
In Göppingen wartet der ganz große Bahnhof: Am 12. September 2018 ist was los in der Stadt. Die 100-Tonnen-Lok wird von zwei Kränen von der Schiene auf den Tieflader gehoben und rollt am Abend durch die Innenstadt zum Märklin-Werk in der Stuttgarter Straße. Sie ist nicht allein auf ihrer Fahrt, tausende Bahn-, Lok- und Märklin-Begeisterte begleiten den schleichenden Koloss zu Fuß, auf dem Rad, mit unzähligen Handys und Kameras. Bäume müssen zurechtgeschnitten, Ampel demontiert werden, damit die rund 4,5 Meter hohe Lok, die auf einem einen Meter hohen Tieflader steht, überall durchpasst.

Museum
Genauso lang wie ein ordentlicher Spielfilm, rund 90 Minuten, dauert die Fahrt, dann ist die Lok nach spannendem Finale an der Engstelle Parkplatzzufahrt am Ziel. Am Tag darauf wird sie auf die schon gelegten Gleise gehoben, wohlbehütet unter einem „Lokport“, das an eine Märklin-Schachtel erinnert.

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