Das Stuttgarter Landgericht beschäftigt sich in mehreren Prozessen mit der kalabrischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta. Foto: Marijan Murat/dpa
Erstmals nimmt einer der Angeklagten im ’Ndrangheta-Prozess Stellung zu den Vorwürfen. Einem Weinstädter Gastronomen ist bei seiner belastenden Aussage sichtlich unwohl.
Vor dem Stuttgarter Landgericht ist am Donnerstag der Prozess um mutmaßliche Mafia-Umtriebe mit dem Schwerpunkt Rems-Murr-Kreis weitergegangen. Auf der Anklagebank: ein 47-jähriger Polizist aus Fellbach und dessen enger 49 Jahre alter Freund. Letzterer soll in einer Fellbacher Gruppe der kalabrischen Mafia als Buchhalter ziemlich weitreichende Entscheidungen getroffen haben. Dem Polizisten wird vorgeworfen, die Gruppe mit polizeiinternen Infos versorgt zu haben. Erstmals nahm dabei einer der Angeklagten konkret zu den Vorwürfen Stellung.
Die Fellbacher Bande soll laut den Behörden über eine Fake-Firma Feinkost aus Italien bestellt, nicht bezahlt und dann Gastronomen in der Region mit zweifelhaften Mitteln aufs Auge gedrückt haben. Der italienische Angeklagte beteuerte, von der ’Ndrangheta wisse er nur durch Wikipedia. „Hätte ich von den Vorwürfen gewusst, hätte ich von diesen Menschen Abstand genommen“, sagte er über seine Geschäftspartner.
Angeklagter will von Mafia und Drogenhandel nichts wissen
Im April 2025 gelang der Polizei ein Schlag gegen die Mafia – nun laufen die Gerichtsprozesse. Foto: Polizia di Stato/dpa
Er sei eben eine hilfsbereite Seele. Einer seiner italienischen Freunde – den die Ermittler für einen führenden Kopf der Mafia-Gruppe halten – sei mit seiner Arbeit überfordert gewesen und habe ihm leidgetan, deshalb habe er ab und zu beim Papierkram geholfen.
Auch angeblicher Amphetaminhandel, der ihm ebenfalls vorgeworfen wird, sei nur ein Akt der Nächstenliebe gewesen. „Ich wusste nicht, dass es sich bei Pep um eine Droge handelt“, sagte er. Er habe das Speed im Wert von 250 Euro bei einem Bekannten besorgt – und dann verschenkt, und zwar an eine Kollegin, die sich um ihre krebskranke Mutter kümmern musste. „Ich habe ihr aber gesagt, sie soll sich von einem Arzt helfen lassen.“
Thema bei dem Prozess ist auch ein Vorfall in Weinstadt im Jahr 2022, der ein Schlaglicht auf die mutmaßlichen Methoden der ’Ndrangheta wirft. Eines Nachts schlugen dort Mitarbeiter des besagten Fellbacher Gastro-Großhandels die Scheibe eines Restaurants ein. Weil sie dabei ihren üblichen Lieferwagen benutztenund zudem irrtümlich nicht den Reifen der Restaurantbesitzer, sondern den eines Nachbarn zerstachen, flogen sie auf.
An der Attacke an sich waren nach jetzigem Kenntnisstand zwar weder der Polizist noch sein Trauzeuge persönlich beteiligt. Doch der Vorfall war nach Aktenlage zumindest dem Italiener bekannt – und nun stellt sich für das Gericht die Frage, ob der mutmaßlich mafiöse Hintergrund der Sache nicht auch den Männern auf der Anklagebank bewusst gewesen sein muss.
Einem Weinstädter im Zeugenstand – ein Familienvater, der das attackierte Lokal zusammen mit seiner Frau betreibt – war seine Aussage vor dem Landgericht jedenfalls sichtlich unangenehm. Die Gruppe um seinen Fellbacher Lieferanten hätte ja gar kein Motiv für die Randale gehabt, beteuerte er. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass die Fellbacher Gruppe Gastronomen in der Region Stuttgart unter Druck setzte, ihnen überteuerte Lebensmittel zweifelhafter Herkunft abzukaufen – notfalls auch mit Nachdruck.
Abgehörte Telefonate mit einem Chef des Gastro-Handels, die der Staatsanwalt dem Gastwirt daraufhin vorlas, deuten ebenfalls darauf hin, dass hinter der Randale mehr steckte als ein Zufall. „Was habe ich getan, dass ich das verdiene? Ich habe eure Rechnungen bis auf einmal immer bezahlt und dich wie einen König behandelt“, soll der Zeuge den mutmaßlichen Mafioso geradezu angefleht haben. „Ich habe Angst und bin in einer Scheißsituation.“ Woraufhin der mutmaßliche Gangster ihn freundlich bat, seinen „Namen zu löschen“ – womit er möglicherweise meinte, eine Anzeige bei der Polizei entsprechend zu korrigieren.
Was wussten die beiden von der Mafia? Nächste Woche geht der Prozess weiter
Auch auf die Frage, ob er wusste, dass sein Gesprächspartner zur Mafia gehören soll, antwortete der Gastronom ausweichend mit „ja und nein“ – er habe aus den Zeitungen gewusst, dass der Mann 13 Jahre wegen Drogenhandels gesessen habe. „Bei uns auf dem Dorf reden die Leute eben.“ Persönlich unter Druck gesetzt worden sei er von dem Mann aber nie, beteuerte er.
Das Gericht wird nun die Frage klären müssen, wie tief der 49-jährige Italiener in das Netz der Mafia verstrickt war – und, ob der 47-jährige Polizist überhaupt schuldfähig ist. In einem anderen Verfahren wurde der Mann bereits wegen einer bipolaren affektiven Störung für schuldunfähig erklärt und freigesprochen. Der Prozess gegen die beiden Freunde geht am Dienstag, 27. Januar, vor der 18. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart weiter.