Mafia in Montenegro Hinrichtung im Gefängnishof

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Ein blutiger Bandenkrieg erschüttert seit Monaten den Adriastaat Montenegro. Die eskalierende Abrechnung rivalisierender Drogenkartelle illustriert, wie stark die organisierte Kriminalität den EU-Anwärter im Griff hat. Die Mafia hat alle Bereiche der Gesellschaft infiziert – auch die Polizei.

Kotor in Montenegro: Seit Monaten wird die Küstenstadt von der blutigen Abrechnung zweier rivalisierender Drogengangs erschüttert. Foto: dpa
Kotor in Montenegro: Seit Monaten wird die Küstenstadt von der blutigen Abrechnung zweier rivalisierender Drogengangs erschüttert. Foto: dpa

Podgorica - Selbst Montenegros dickste Gefängnismauern haben dem um sein Leben bangenden Mafioso keinen Schutz geboten. Vergeblich hatte der in der Vollzugsanstalt in Spuz einsitzende Dalibor Djuric die Direktion mehrmals auf verdächtige Personenbewegungen in der Umgebung des Gefängnisses hin gewiesen. Beim abendlichen Spaziergang im Gefängnishof ereilte den 34-jährige Drogenhändler am 22. September der von ihm befürchtete Todesschuss: Vermutlich von einem Komplizen im Gefängnis per Mobiltelefon über die Bewegungen des Opfers informiert, erschoss ein noch immer nicht gefasster Heckenschütze das führende Mitglied des berüchtigten Skaljari-Clans.

Die Hinrichtung im Gefängnishof ist selbst für das als Mafia-Eldorado berüchtigte Land der schwarzen Berge eine düstere Premiere. Seit Monaten wird der Adria-Staat von einer blutigen Abrechnung zweier rivalisierender Drogengangs in der Küstenstadt Kotor erschüttert. Eine in Spanien Ende 2014 verschwundene Lieferung von 200 Kilogramm Kokain soll den blutigen Bandenkrieg zwischen dem Skaljari- und dem Kavac-Clan ausgelöst haben. Die sich mehrende Zahl von Straßenschießereien, Autobomben-Anschlägen und Attentatsversuchen illustriert, wie stark die organisierte Kriminalität den EU-Anwärter im Würgegriff hält. Die Mafia hat alle Bereiche der Gesellschaft infiziert – auch die Polizei.

Die Mafia ist eine Teil der Macht

„Die Schwäche des Staats wird von kriminellen Gruppen genutzt“, konstatiert Goran Danilovic, der von der Demos-Partei gestellte Innenminister der bis zu den Parlamentswahlen am 16. Oktober amtierenden Übergangsregierung: „Die Fangarme des Organisierten Verbrechens reichen bis in die Institutionen des Staates, durch die es seine schmutzigen Gelder zu waschen und seine Geschäfte zu legalisieren sucht.“ Drastischer drückt sich Nebojsa Medojevic aus, der für die Demokratische Front im Sicherheitsausschuss des Parlaments sitzt: „Die Mafia ist eine Teil der Macht, des Regimes – und darum ist sie unberührbar – und stärker als dieser schwache Staat.“

Schmuggel hatte es in dem seit 2006 unabhängigen Küstenstaat immer gegeben. Doch erst die UN-Sanktionen während der Jugoslawienkriege in den 90er Jahre sollten in Montenegro für einträgliche Schwarzgeschäfte staatliche und kriminelle Strukturen eng verquicken lassen. Der praktisch staatlich organisierte Zigarettenschmuggel verschaffte dem jugoslawischen Teilstaat die benötigten Devisen.

Früher wurden Zigaretten geschmuggelt, heute Kokain

Nach den Jugoslawien-Kriegen kam der Zigarettenschmuggel zwar zum Erliegen, aber es begann der noch ertragreichere Kokainhandel aus Südamerika zu blühen. „Die Mafia nutzte die alten Kanäle, verlagerte und weitete ihre Geschäfte aus – aber blieb gleichzeitig in den Staats und Geheimdienststrukturen fest verankert“, sagt der Sicherheitsexperte Strahinja Brajuskovic: “

Obwohl die Opposition den geschäftstüchtigen Clan um Dauer-Premier Milo Djukanovic als Nährboden und Teil der Organisierten Kriminalität kritisiert, kommen die außer Kontrolle geratenen Bandenkriege dem gewieften Politiker kurz vor den Wahlen und der Veröffentlichung des EU-Fortschrittsberichts keineswegs gelegen. Die zuständigen Behörden sollten das Blutvergießen in seiner Stadt „so schnell wie möglich“ beenden, forderte Kotors ratloser Bürgermeister Aleksandar Stejpcevic, nachdem eine Autobombe erneut zwei Gang-Mitglieder ins Jenseits befördert hatte. Doch es scheint, als ob sich der Geist des Verbrechens im Land der Schwarzen Berge fest eingenistet hat – und nur schwer zu vertreiben ist.