Mafia-Morde 1992 Zwei Bomben und der lange Weg zur Wahrheit

Von , Palermo 

20 Jahre nach den Attentaten der Mafia auf die Staatsanwälte Falcone und Borsellino sind weiter Fragen offen.

500 Kilogramm Sprengstoff: Falcone starb durch eine Bombe unter der Autobahn. Foto: pa
500 Kilogramm Sprengstoff: Falcone starb durch eine Bombe unter der Autobahn. Foto: pa

Palermo - Wie hält dieser Baum sich nur am Leben? An einer zubetonierten, vielspurigen Innenstadtstraße, wo in der sizilianischen Hitze sonst nur Kübelpflanzen vor sich hinkümmern, wächst diese Magnolie vier Stockwerke hoch. Aus den farblosen Fassaden der Wohnblocks in der Via Notarbartolo schießt die üppige, dunkelgrüne Blattwolke heraus wie ein monumentales Kunstwerk. Und unten, so hoch menschliche Arme reichen, hängt der knorrige Stamm voller Briefe, voller Kinderzeichnungen, voller Fotos. Dankesbekundungen baumeln herum wie sonst nur an wundertätigen Heiligenstatuen, und immer wieder erneuert wird das Plakat mit der Selbstverpflichtung: „Eure Ideen gehen auf unseren Füßen weiter.“

Die Magnolie von Palermo ist ein nationales Mahnmal in Italien, so wie es in Deutschland einmal die Berliner Mauer war. Jedes Jahr kommen unzählige Schulklassen zum freiwilligen oder pädagogisch angeleiteten Gedenken vorbei; vor diesem Baum bleiben auch Tausende von Erwachsenen schweigend stehen. Die Magnolie wächst vor dem Haus, in dem der Antimafia-Staatsanwalt Giovanni Falcone gewohnt hat. Bis die Cosa Nostra ihn als ihren größten Feind in den Tod bombte, am 23. Mai 1992, vor genau 20 Jahren. Und zwei Monate später, am 19. Juli 1992, zerriss die nächste Mafiabombe den engsten Mitarbeiter und Kollegen Falcones, Paolo Borsellino.

Das doppelte Attentat hat Italien aufgewühlt wie keines sonst. Es hat den Stolz der Italiener und den Widerstand gegen die Mafia erst so richtig geweckt. Es hat Gedenkrituale erzeugt, die von den einen als unerlässlich, von den anderen als hohl empfunden werden. Vor allem aber haben die Morde Beunruhigungen ausgelöst, die noch lange nicht abgeklungen sind. Im Gegenteil.

16 Jahre lang sitzen die Gerichte Falschaussagen auf

Gerade in den jüngsten Wochen haben neue Ermittlungen gezeigt, dass so manches nicht stimmt, was man über die Attentate zu wissen glaubte. 16 Jahre lang sind die Gerichte – bis hin zur obersten Instanz – falschen oder gezielt beeinflussten Zeugen aufgesessen. Und das politische Szenario hinter den Anschlägen ist noch immer verschwommen. „Nicht nur die Cosa Nostra hatte ein Interesse daran, Falcone auszuschalten“, sagt Italiens oberster Mafiafahnder von heute, Piero Grasso. Falcone sei dafür bestraft worden, dass er „die Verbindungen zwischen der Mafia und anderen starken Kräften des Landes aufdecken wollte“. Jetzt müsste nur, sagt Grasso, „endlich mal ein anderer auspacken, einer von außen, nicht immer nur zweitrangige Überläufer aus der Mafia selbst“.

Der 23. Mai 1992 ist ein sommerlich heißer Samstag. Der 53-jährige Giovanni Falcone, der dem Neid, den Anfeindungen aus palermitanischen Kollegenkreisen und der wiederholten Demütigung bei der Bewerbung um höhere Posten entflohen ist und sich ins römische Justizministerium hat versetzen lassen, fliegt fürs Wochenende nach Palermo zurück. Ihn begleitet seine Frau, Francesca Morvillo. Die kleine Wagenkolonne – vorne und hinten ein Auto mit Leibwächtern, dazwischen der von Falcone selbst gesteuerte weiße Fiat Croma – rast mit 160 Stundenkilometern vom Flughafen Palermo in die Stadt.

Um 17.58 Uhr folgt ein Knall. Danach gibt es die Flughafenautobahn nicht mehr. Und am Rand eines zehn Meter tiefen Kraters steht das, was von Falcones Auto übrig geblieben ist. Er selbst, seine Frau und die drei Leibwächter im ersten Auto sind tot. 500 Kilogramm Sprengstoff hat die Cosa Nostra während mehrtägiger „Straßenbauarbeiten“ in ein Rohr unter der Fahrbahn gestopft; aus der Ferne, aber in Sichtweite, hatte der Berufskiller Giovanni Brusca die Bombe gezündet. Die Fragen, woher die Mafia Falcones geheime Flugzeiten kannte und wie sie an die Riesenmenge eines für militärische Zwecke bestimmten Sprengstoffs kam, sind unbeantwortet.

Die Spürhunde riechen Gefahr, doch es nützt nichts

Keine sieben Wochen nach dem Attentat erfährt Falcones 52-jähriger Kollege Borsellino aus Polizeikreisen, dass auch der ihm zugedachte Sprengstoff in Palermo eingetroffen ist. Die amtlichen Spürhunde riechen also, was sich in der Mafia tut, nur nützt dieses Wissen keinem. Niemand achtet auf den alten Fiat 126, der da in der Via D’Amelio steht. Borsellinos Mutter wohnt dort. Sie will er, wie üblich, am Sonntagnachmittag besuchen. Er klingelt an der Haustür, der Fiat explodiert, Borsellino, die vier Männer und die Frau aus seiner Leibwache werden regelrecht zerfetzt.

Aber warum ist die Cosa Nostra damals – und genau in jenen Wochen – zur Offensive gegen den Staat übergegangen, „zum Terrorismus“, wie Piero Grasso heute unumwunden sagt? Falcone und Borsellino gelten als die Initiatoren des „Maxiprozesses“, jenes Gerichtsverfahrens von 1986 und 1987 in Palermo, bei dem erstmals die Mafia ins Visier genommen und als Ganzes sichtbar wurde. Von 475 Angeklagten wurden 360 verurteilt. So stark war die Justiz zuvor noch nie, und zu Anfang des Jahres 1992 bestätigten Italiens Höchstrichter alle 19 lebenslänglichen Strafen, die im „maxi-processo“ verhängt worden waren.

Doch bevor sich die Cosa Nostra dafür an den Chefanklägern rächte, an Falcone und Borsellino, ermordete sie einen der wichtigsten sizilianischen Politiker: den Christdemokraten Salvatore Lima, den Statthalter des mächtigen Giulio Andreotti. Aus der Tatsache, dass sich die Mafia eine solch unerhörte Tat leistete, schloss Falcone, dass die Gleichgewichte zwischen organisierter Kriminalität und Politik zerbrochen sein mussten: „Jetzt kann alles passieren.“

1992 kann die Politik nicht eingreifen, sie kämpft mit Bestechung

Die Cosa Nostra hatte ihre politische Rückendeckung in Rom verloren. Von Andreotti und den Seinen hatte sie erwartet, dass die Regierung – wie üblich – Gerichtsurteile gegen Mafiosi unterbinden oder sie „zurechtrücken“ würde. Das blieb diesmal aber aus, und 1992 konnte die Politik in Rom gleich gar nicht mehr eingreifen. Die Erste Republik, allen voran Andreottis Democrazia Cristiana, versank gerade im selbst geschaffenen Parteispenden- und Bestechungssumpf „Tangentopoli“.

Bei der Umgestaltung des Staates wollte die Mafia dann ein Wörtchen mitreden. Und deswegen vollzog sie ihre Rache an Falcone nicht, wie bis zuletzt geplant, mit einem nächtlich unauffälligen, gezielten Schuss auf Roms Straßen, sondern mit dem größtmöglichen Spektakel in einem sizilianischen Heimspiel.

Die sizilianische Mafia – damals unter der Führung von Toto Riina, dem Schlächter aus Corleone – erreichte, was sie wollte. Aber das weiß man erst seit kurzer Zeit. Nach dem Attentat auf Falcone gewährte „der Staat“ tatsächlich den Mafiosi Gehör. Er suchte das Gespräch. Führende Carabinieri, Parteipolitiker, Minister. Wer im Einzelnen was getan hat, das allerdings ist, so klagen Ermittler heute, allzu vielen „Erinnerungsverlusten“ zum Opfer gefallen.

Die Bombe für Borsellino war in einem Fiat versteckt

Aber Borsellino hatte im Juni 1992 davon Kenntnis erhalten. Und er scheint sich als Einziger diesen Verhandlungen widersetzt zu haben. So wurde auch er als „letztes Hindernis“ aus dem Weg geräumt. Aber von wem? Dass Mafiosi den Fiat 126 per Fernbedienung gezündet haben, bezweifelt niemand. Wer in welcher Rolle dahintersteckte, ist jedoch offen. Jene sieben Bosse, die für die Autobombe zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt worden waren, mussten im Herbst 2011 als unschuldig freigelassen werden. Mit ihnen jener Kleinkriminelle, der als einer von vier falschen Mafiaüberläufern die Justiz mit „Insiderberichten“ irregeführt hatte. Die Angaben der vier Männer hielten über alle Gerichtsinstanzen. Sie waren so gut erfunden, dass die Staatsanwälte, die den neuen Prozess vorbereiten, an eine systematische Steuerung von polizeilicher oder geheimdienstlicher Seite glauben.

Gaspare Spatuzza, ein neuer, diesmal echter Überläufer, ließ dieses Lügengebäude schließlich einstürzen. Er hat sogar jenen Geheimdienstler namentlich benannt, den er in jener Garage gesehen haben will, in dem der Fiat 126 mit Sprengstoff gefüllt wurde. Ferner fehlt bis heute Borsellinos rote Aktentasche, die er immer bei sich trug und die – wie auf Fotos vom Tatort festgehalten – von einem „amtlichen“ Menschen fortgetragen worden ist. Auch dieser Mann gilt als Geheimdienstler; seinen Namen kennt man offenbar nicht.

Freilich: auch diese neue Wendung harrt der endgültigen Bestätigung. Das könnte Jahre dauern. Italien ist mit den Anschlägen von 1992 noch lange nicht fertig. Mit der Mafia schon gleich gar nicht – auch wenn diese ihr Gesicht verändert hat.