Stuttgart - Die Festnahme ereignet sich um 4 Uhr morgens. In einer ruhigen Wohnstraße in Donaueschingen fahren sechs Fahrzeuge vor. Ein Spezialeinsatzkommando der Bereitschaftspolizei springt heraus. Alle tragen Helme und schusssichere Westen. Einige Polizisten in Zivil halten sich im Hintergrund. Die SEK-Kräfte stoßen mit einem Rammbock die Haustür auf. Für die Öffnung der Wohnungstür installieren sie einen Sprengsatz. Von einem Knall „wie von einer geplatzten Gasleitung“ sprechen die verschreckten Anwohner später. In der Wohnung verhaftet die Polizei einen 52-jährigen Mann. In der 22 000-Einwohner-Stadt im Schwarzwald-Baar-Kreis ist er als Wirt, Boutiquenbesitzer und Familienvater bekannt. Vor den Augen seiner beiden sechs Jahre alten Töchter wird er in Fußfesseln abgeführt.
„Ein Ausnahmeverfahren in Art und Ausmaß“
15 Monate nach diesem erfolgreichen Schlag gegen eine mutmaßliche Zelle der Mafia in Baden-Württemberg kommt es am Freitag zum Prozess. Für das Landgericht Konstanz ist es eines der größten und spektakulärsten Verfahren seiner Geschichte. Neun italienisch-stämmige Männer im Alter zwischen 26 und 57 Jahren müssen sich vor Gericht verantworten. 17 Verteidiger reisen an, 67 Verhandlungstage sind angesetzt, 117 Seiten und 54 Tatvorwürfe vom Drogenhandel über Epressung bis zum Mordversuch umfasst die Anklageschrift. „In Art und Ausmaß“ handele es sich um ein „Ausnahmevefahren“, sagt eine Gerichtssprecherin. Um nebenher auch das übrige Geschäft stemmen zu können, wurde vom Landgerichtspräsidenten eine Hilfskammer eingerichtet.
Das größte Problem war allerdings, einen Raum für das Verfahren zu finden. Im großen Schwurgerichtssaal in Konstanz ist nicht genügend Platz für so viele Angeklagte und Verteidiger. Auch fehlt es an Vorführzellen. Sechs Männer sitzen nach wie vor in Untersuchungshaft. Der Auftakt wird nun, begleitet von umfassenden Sicherheitsvorkehrungen, in Karlsruhe stattfinden. Vom dritten Prozesstag an, der Mitte Oktober geplant ist, tagt die Kammer dann in Konstanz in einer ehemaligen Firmenkantine. Der Raum muss extra umgerüstet werden und wird vorher nicht fertig.
Dunkle Geschäfte hinter der freundlichen Fassade
Bei der konzertierten Aktion im Juni 2017 hatten 300 Polizisten rund 30 Wohnungen und Geschäftsräume in Baden-Württemberg, vor allem im Schwarzwald-Baar-Kreis und im Kreis Rottweil, durchsucht. Sie fanden fünf Pistolen, 78 Schuss Munition, 50 Gramm Kokain und zehn Kilogramm Marihuana. Man habe sich mehr erhofft, räumte die Polizei hinterher ein. Doch offensichtlich hatten die Männer bereits begonnen, Beweismittel beseite zu schaffen. Zuvor hatte schon die italienische Polizei auf Sizilien zugeschlagen.
Über Stunden seien die Wohnung in Donaueschingen und das Haus eines zweiten Hauptverdächtigen in Tuningen gefilzt worden. Auch er soll seine dunklen Geschäfte hinter der Fassade eines freundlichen Pizzabäckers mit gut gehenden Restaurants in Schwenningen und Rottweil versteckt haben. Monatelang dauerten die Ermittlungen. Telefone wurden abgehört, in Autos Wanzen platziert. Es sei konspirativ im Gaststätten-Jargon gesprochen worden, berichtete ein Polizist. „Ich bringe dir eine Pizza mit Rucola“, habe der Schwenninger Chef einem Mitarbeiter erklärt. Der arbeitete nicht nur als Kellner für den Patrone. Es sei um ein Kilogramm Marihuana gegangen, räumte er ein.
Bargeld in Höhe von fünf Millionen Euro eingezogen
Der Handel war offenbar lukrativ, wie die italienische Finanzpolizei feststellte, die in dem Fall eng mit der Rottweiler Kripo kooperierte. Eine Zeitung aus Palermo hat auf ihrer Onlineplattform ein Video ihrer Razzia hochgeladen. Es zeigt, wie die Ermittler in einer Villa im Boden unter den Kacheln auf ein Drogenversteck stoßen. Im Schlafzimmer öffnen sie eine Matratze und ziehen bündelweise Fünfziger-, Hunderter-, Zweihunderter- und Fünfhunderter-Scheine hervor. Beschlagnahmt werden mehrere Villen und hochwertige Sportwagen, die in der Garage stehen. Bargeld in Höhe von fünf Millionen Euro wird eingezogen.
Zwei Beschuldigte wurden bereits in abgetrennten Verfahren im Augugst zu Haftstrafen von jeweils mehr als drei Jahren verurteilt. Sie waren mit dem Weiterverkauf von Drogen betraut. Weil sie geständig seien und mit der Polizei kooperierten, billige man ihnen einen deutlichen Strafnachlass zu, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Beim Hauptprozess sollen sie nun als Kronzeugen aussagen. Ob für sie spezielle Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, sagte die Staatsanwaltschaft nicht.
Böse Gerüchte im OB-Wahlkampf
Wie viel Unruhe der Mafiafall im Schwarzwald-Baar-Kreis tatsächlich ausgelöst hat, lässt sich jetzt auch im OB-Wahlkampf in Villingen-Schwenningen beobachten. Plötzlich musste sich der Tuninger Bürgermeister Jürgen Roth, der für die CDU das Rathaus erobern möchte, eines bösen Gerüchts erwehren. Er verfüge über Kontakte zu dem in Tuningen wohnhaften Hauptverdächtigen und soll sogar 5000 Euro an Bestechungsgeld angenommen haben, wurde gestreut. Der mutmaßliche Mafiapate soll um eine nachträgliche Befreiung gebeten haben, weil er sich beim Hausbau nicht an die Vorgaben des Bebauungsplans gehalten hätte.
Roth wies die anonyme Anschuldigung empört zurück. Tatsächlich dürfte an dem Gerücht nicht viel stimmen. Die Gemeinde Tuningen ist in Bausachen nicht einmal selbst zuständig. Das macht das Landratsamt. Dort verweigerte man die gewünschte Befreiung auch pflichtgemäß. Handelt es sich bei all dem vielleicht um einen Racheakt? Ist die Schwarzwälder Mafiazelle noch aktiv? Auch hier soll die Staatsanwaltschaft nun ermitteln.