Der Tanzpartner liegt auf dem Schrank der Künstlergarderobe. Fein säuberlich verräumt in einem Karton. „Don’t touch“, Finger weg! – die Warnung steht zweimal groß auf der Längsseite. Ist Jaana Felicitas (34) etwa eifersüchtig? Stimmt schon, tanzen darf sonst keiner mit ihrem Partner. Aber sie muss vor allem ihr Betriebsgeheimnis wahren. Mit welchem Spruch hat sie einen simplen weißen Stuhl so verhext, dass er all ihren Bewegungen folgt, mit ihr über die Bühne tanzt und schwebt?
Seit Jahren lebt die Allgäuerin hier. Mit 17 zog sie her. Um auf der New York City Dance School Tanz zu studieren. Eigentlich wollte sie Balletttänzerin werden, doch ihr Lehrer sagte ihr, mit so großen Füßen würde das nichts werden. Eine niederschmetternde Aussage, ihr Traum war zerstoben. Wenn sie aber ganz sicher eine Zauberkraft besitzt, dann jene, nicht aufzugeben. Sie verlegte sich auf zeitgenössischen Tanz.
Ein Vorbild tut Not
Und arbeitete unter anderem für die Kleine Tierschau und schließlich für Thomas Fröschle alias Topas. „Als Tänzerin bei großen Illusionszaubereien.“ Doch sie war nicht nur nettes Beiwerk wie bei so vielen Magiern; wenig Klamotten, wenige Worte, hübsch sein und sich verzaubern lassen, das ist immer noch das Rollenbild für Frauen in der Zauberbranche. Topas Frau Petra mit dem Künstlernamen Roxanne ist hingegen eine der wenigen Zauberinnen – und eine der weltbesten Magiere. Ein Vorbild der anderen Art. Eine mit einem eigenen Stil, die nicht in ausgetretenen Pfaden wandelt. Die Mut macht. So liebäugelte Jaana Felicitas mit einer eigenen Nummer. Eine, die ihre Stärken, das Tanzen, den Ausdruck, das Rhythmusgefühl, mit Zauberei verbindet. Und sie kam auf die Idee, mit einem Stuhl zu tanzen. Sie erzählte Topas von der Idee. Der war begeistert: „Ohne seine Unterstützung hätte ich das nicht hinbekommen.“
Einladung nach Las Vegas
Sie tüftelten zwei Jahre an der Nummer und Felicitas trat 2018 schließlich in der Rosenau auf, um zu sehen: „Kann das überhaupt funktionieren?“ Es funktionierte. In Frankreich begeisterte sie die Juroren bei „France got Talent“, der dortigen Version der RTL-Show „Das Supertalent“, wurde 2022 Deutscher Meister. Und es gab den Ritterschlag. Sie wurde nach Las Vegas in die TV-Show „Penn and Teller: Fool Us“ eingeladen. Penn Jillette und sein Partner Teller sind im Zauberermekka ganz große Nummern, sie lassen sich Tricks vorführen und wollen sich überraschen lassen. Wie das mit dem Stuhl funktioniert, haben die Herren begriffen, schließlich ist Teller ein Meister des Bewegens von Objekten.
Doch Penn Jillette war voll des Lobes: „Das ist so gut, so frisch.“ Jaana Felicitas zeige, dass es nicht mehr immer der gleiche alte verstaubte Kram sein müsse, der immer noch allzu oft aus den Männerclubs der Magischen Zirkel komme. Deshalb durfte sie wiederkommen mit einer anderen Nummer. Da lässt sie aus ihren Händen Eiszapfen wachsen, sie schmelzen oder verdampfen. Und wieder gab es viel Lob.
Sie ist gefragt
Momentan ist sie gut im Geschäft. Sie hat sich etabliert, wird angefragt und gebucht. Doch in Stuttgart spielen zu dürfen, sei noch einmal etwas Besonderes, erzählt sie. Weil Freunde und Familie zuschauen können, weil sie zu Hause schlafen kann. Aber auch weil sie in einem Ensemble spielt. Mal keine Einzelkämpferin zu sein, das tut gut. Sie verstehen sich so gut, dass sie ihr Allerheiligstes in der gemeinsamen Garderobe lässt. Trotz aller Sorge. „Wenn meinem Bühnenpartner was passiert, sehe ich alt aus“, sagt sie. Deshalb ruht er gut verräumt auf dem Schrank. Bis Jaana Felicitas ihn zum Tanz bittet.
„Utopia“ im Friedrichsbau
Die Show „Utopia“
ist noch bis zum 6. November im Friedrichsbau Varieté, Siemensstraße 15, zu sehen. Die Vorstellungen sind jeweils donnerstags, freitags und samstags um 20 Uhr, sowie sonntags um 18 Uhr. Die Karten kosten je nach Spieltag zwischen 37 und 52 Euro. Für Gäste, die 27 Jahre sind und jünger, gibt es ein Youngster-Ticket für 21 Euro. Informationen und Karten über www.friedrichsbau.de. Oder unter der Telefonnummer 07 11 / 225 70 70.