Maik Machulla, SG Flensburg-Handewitt „Alle internationalen Turniere sollten verlegt werden“

Maik Machulla feierte mit der SG Flensburg 2018 und 2019 den Gewinn der Deutschen Handball-Meisterschaft. Foto: dpa/Axel Heimken

Maik Machulla, der Trainer von Handball-Bundesligist SG Flensburg-Handewitt, schlägt vor dem Duell mit dem TVB Stuttgart eine Verschiebung aller internationalen Großveranstaltungen um ein Jahr vor.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Der TVB Stuttgart hat sich in der Bundesliga Respekt erarbeitet. Das zeigen vor dem Spiel an diesem Sonntag (13.30 Uhr) bei der SG Flensburg-Handewitt die Aussagen von SG-Coach Maik Machulla.

 

Herr Machulla, schön, dass ein viel beschäftigter Coach eines Champions-League-Clubs vor dem Bundesliga-Spitzenspiel Zeit findet. Oder ist es das nicht?

Doch, natürlich ist es ein Spitzenspiel. Wir spielen gegen den Tabellendritten.

Hätten Sie das vor der Saison für möglich gehalten?

Nein, das hätte keiner für möglich gehalten. Aber der TVB steht völlig zu Recht dort oben. Das Team spielt einen tollen Handball. Wenn man in Magdeburg gewinnt und Leipzig und Hannover keine Chance lässt, dann hat das auch nichts mehr mit Zufall zu tun.

Sondern?

Dann ist das ein Produkt guter Arbeit, die Jürgen Schweikardt leistet. In diesem Team ist voller Leidenschaft jeder für den anderen da. Dieser glänzende Start gibt zudem viel Rückenwind und Selbstvertrauen.

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Haben Teams, die nicht international gefordert sind, in dieser von der Pandemie geprägten Saison mehr Chancen zu überraschen?

Nein, nicht zwingend. Wir sind die Belastung durch die Champions League seit Jahren gewohnt und wollen auch in diesem Rhythmus spielen. Der TVB konnte sich schon in den vergangenen Jahren immer komplett auf die Liga konzentrieren. Mir scheint vielmehr der fehlende Heimvorteil eine Chance für die Kleinen zu sein. Nehmen Sie den SC Magdeburg: Der hätte mit einer vollen Halle doch noch keine drei Heimniederlagen auf dem Konto.

Aber die Auslandsreisen sind doch für Sie in Corona-Zeiten beschwerlicher.

Natürlich haben wir eine sehr hohe körperliche und vor allem mentale Belastung. Egal, ob wir in Paris, Skopje oder Porto spielen: Um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten, sind die Spiele jetzt immer Ein-Tages-Trips. Rein in die Chartermaschine, in die Halle, spielen – und wieder heim. Der Vorteil: Die Spieler sind dabei immer im Verantwortungsbereich unseres Vereins.

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In ihren Nationalmannschaften waren die Spieler das nicht. Prompt hat das Konzept nicht mehr funktioniert. Macht es dann auch unter dem Hintergrund dieser Erfahrungen Sinn, im Januar eine WM zu spielen?

Ich habe immer gesagt, man braucht gar nicht viel über die WM zu sprechen, die Zeit wird das Problem lösen.

Die Stimmen der Spieler werden lauter, dass eine WM und die Infektionslage aus gesundheitlicher Sicht nur schwer zusammenpassen.

Und ich bleibe dabei, dass die Aussagen der Spieler zeigen, dass sie intelligent sind. Sie sind eben nicht nur Handballer, sondern haben auch Verantwortung für sich und ihre Familien.

Wie ist Ihre Meinung?

Zunächst einmal wird die Bundesliga ihrer Gesamtverantwortung gerecht. Es wird ohne Zuschauer gespielt. Die Hygienekonzepte der Vereine gehen bisher komplett auf. Wenn wir aber die Spieler aus unserem Verantwortungsbereich geben, wird es schwierig. In jedem Land herrscht ein anderes Hygieneverständnis. Am Ende werden die Bundesliga-Clubs die Leidtragenden sein. Es muss also entschieden werden, ob man bereit ist, dieses Risiko einzugehen.

Sie persönlich . . .

Ich finde mit der Aussicht, Weihnachten nur im engsten Familienkreis feiern zu können, aber kurz darauf eine WM mit 32 Ländern in Ägypten auszutragen, ist die Frage nach der Vertretbarkeit angebracht. Meine Meinung ist zudem, dass wir ganz deutlich darüber nachdenken müssen, alle internationalen Großveranstaltungen um ein Jahr nach hinten zu verschieben. Warum sollte die WM in Ägypten nicht erst 2022 s

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Die Antwort wissen Sie selbst.

Natürlich geht es immer ums Geld. Aber wirtschaftlichen Zwängen unterliegen wir alle. Es geht auch darum, Kompromisse einzugehen. Und in diesem Zusammenhang bin ich dafür, dass eine WM und EM wie im Fußball jeweils nur alle vier Jahre stattfindet.

Sie haben den Gewinn der ersten deutschen Meisterschaft 2018 als Trainer der SG als Ihre persönliche Mount-Everest-Besteigung bezeichnet. Gibt es eine Steigerung?

Wenn wir es schaffen, alle Vereine durch diese Pandemie zu bringen, und wir wieder in vollen Hallen spielen können, dann würde ich das mit einer weiteren Mount-Everest-Besteigung gleichsetzen. Es geht in dieser Saison wirklich um viel, viel mehr als Platz eins, zwei oder drei. Es geht darum, dass die Sportart, die wir so lieben, am Leben bleibt.

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