Maja Heidenreich, Kulturamt Fellbach „Das Publikum ist sehr kulturaffin“

Maja Heidenreich Foto: Peter Hartung

Im Rems-Murr-Kreis könne man von einer herrlichen Landschaft profitieren, ohne auf Kultur verzichten zu müssen, sagt Maja Heidenreich. Ein Anliegen ist der Fellbacher Amtsleiterin, Begeisterung für Kultur an die nächste Generation weiterzugeben.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Maja Heidenreich leitet seit fünf Jahren das Kulturamt der Stadt Fellbach.

 

Frau Heidenreich, das Fellbacher Kulturangebot hat etwa mit dem Mörike-Preis oder der Triennale Kleinplastik nicht nur Hochkaräter zu bieten, es kommt offenbar auch bei einem breiten Publikum an. Worauf führen Sie das zurück?

Die Stadt ist seit Langem von einer sehr ehrgeizigen Kulturpolitik geprägt, und das Kulturamt legt Wert darauf, für möglichst viele verschiedene Zielgruppen ein Angebot zu machen. Aber die Kultur in Fellbach wird ja nicht nur vom Kulturamt gestaltet: Auch die Zivilgesellschaft mit den vielen kulturtreibenden Vereinen und andere Akteure bereichern die Stadt auf unterschiedliche Weise. Das führt dazu, dass ein sehr breites Spektrum an Veranstaltungen gibt. Dass die Bürgerinnen und Bürger damit zufrieden sind, freut mich und mein Team natürlich sehr.

Wo liegen die Fellbacher Schwerpunkte in Sachen Kultur und Freizeit, wo die Stärken der Stadt?

Jedes Jahr gibt es im dreijährigen Turnus wiederkehrend einen Schwerpunkt im Kulturprogramm der Stadt: Musik im Europäischen Kultursommer, Kunst im Triennale-Jahr und Literatur rund um die Verleihung des Mörike-Preises. Außerdem gibt es das Theaterprogramm in der Schwabenlandhalle, Musikreihen wie beispielsweise die Rathauskonzerte oder die Weltmusikreihe, die einen Flair von Interkulturalität versprüht, das Programm für Familien, Jazz, Kleinkunst und vieles mehr. Wir versuchen verstärkt, junge Menschen zur Kultur zu locken und niederschwellige Angebote zu machen, die nichts oder wenig kosten. Das gelingt nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Jugendlichen sehr gut, denn wir haben tolle Partner in der Stadt: Schulen, Kulturvereine, das Jugendhaus und andere. Um vielleicht nur ein Beispiel zu nennen: Unser „Dunkelbunt Festival“ mit neuen, jungen Bands war ein großer Erfolg. Eine herausragende Stärke Fellbachs ist wie erwähnt die äußerst aktive Zivilgesellschaft. Es gibt mindestens sieben Chöre, viele Blaskapellen, Orchester, zwei Kunstvereine und die Kulturgemeinschaft mit einem anspruchsvollen Programm. Das Publikum in Fellbach ist einfach sehr kulturaffin und begeisterungsfähig.

Beim Engagement bekannter Künstler stehen Sie in unmittelbarer Konkurrenz mit der Landeshauptstadt. Wie gelingt es trotzdem, ein konkurrenzfähiges Konzept auf die Beine zu stellen?

Das stimmt, die Konkurrenz ist in der Tat groß. Aber wir stellen fest, dass beispielsweise unsere Rathauskonzerte auch sehr viel Publikum aus Stuttgart anlocken. Mir scheint, dass oft die intime Atmosphäre, die Nähe zu den Künstlerinnen und Künstlern, aber auch zu den Autorinnen und Autoren viele Menschen zu unseren Veranstaltungen lockt. Auch unser Kultursommer oder unser Open-Air-Kino hat einfach einen besonderen Charme.

Auch zwei kleinere Kommunen, Urbach und Winterbach, können im Ranking mit den Großen mithalten. Wie ist das möglich?

Ganz ehrlich: Ich kann den Kolleginnen und Kollegen dort nur gratulieren, aber ich weiß zu wenig, um Ihre Frage sinnvoll zu beantworten.

Wie würden Sie den Rems-Murr-Kreis in seiner Gesamtheit als Kultur- und Freizeitstätte bewerten?

Deutschland ist ja ein föderales Land. Anders als in Frankreich gibt es hier keine wirkliche „Provinz“, sondern Kultur in der Breite. Im Rems-Murr-Kreis kann man sehr gut sehen, dass man von einer herrlichen Landschaft profitieren kann, ohne auf Kultur verzichten zu müssen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es andere Regionen mit einer solchen Lebensqualität gibt.

Was würden Sie sich hier noch wünschen?

Ganz wichtig scheint es mir, die junge Generation für Kultur zu begeistern, darin sehe ich auch eine ganz wichtige Herausforderung in meiner Arbeit: Wir wollen ja eine Jugend haben, die nicht nur in sozialen Medien unterwegs ist, sondern die ins Theater, ins Kino, zu Konzerten und Lesungen geht. Wenn ich mir etwas wünsche, dann dieses: Dass es uns gelingt, die Begeisterung für Kultur an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Kulturszene lag in der Corona-Zeit ziemlich brach. Ist davon noch etwas zurückgeblieben?

Nein, die Nachfrage ist riesig, glücklicherweise. Die Menschen haben wieder Spaß und Freude an Kultur. Und das motiviert mich und mein Team natürlich sehr.

Maja Heidenreich

Person
Die gebürtige Münchnerin ist mit drei Schwestern in Heiligenberg am Bodensee aufgewachsen und lebt heute mit ihren drei Kindern und Mann in Stuttgart. In wenigen Tagen kann sie ihren 50. Geburtstag feiern.

Beruf
Maja Heidenreich hat Osteuropäische Geschichte, Slawistik und Romanistik in Grenoble (Frankreich), Heidelberg und Berlin studiert. Gearbeitet hat sie unter anderem als Projektleiterin am Institut für Auslandsbeziehungen und nebenberuflich als Dozentin am Institut für Kulturmanagement der PH Ludwigsburg. Lange Jahre war sie als Koordinatorin des Interkulturellen Mentorings der Universität Stuttgart tätig, das sie auch gegründet hat. Seit September 2018 ist sie die Kulturamtsleiterin der Stadt Fellbach.

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