Laut, sexy und sehr heutig: Die Musik von Malakoff Kowalski im Stuttgarter „Faust“ jagt einem Schauer über den Rücken. Eine Begegnung mit einem außergewöhnlichen Musiker.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Lieben Sie Brahms? Malakoff Kowalski würde diese Frage, die auch ein Romantitel von Françoise Sagan ist, wohl mit Ja beantworten. Er lese gerade eine Monografie über den Komponisten, dessen Lebensphilosophie auch die seine sei: „Einsam, aber frei.“

Malakoff Kowalski sitzt in der Lobby des Schlossgarten-Hotels und greift zu seiner Porzellantasse mit grünem Tee. Am Vormittag hat er den Flieger von Berlin genommen, am Abend steht er im Schauspielhaus auf der Bühne. Im „Faust“ ergänzt er das Darstellerquartett – der alte und der junge Faust, Gretchen, Mephisto – als Bühnenmusiker zum Quintett. Und so wie er das macht, jagt es einem Schauer über den Rücken, so mächtig, so rau und pur und melancholisch ist der Sound.

Wenn Kowalski Schlagzeug oder seine Gibson-Gitarre, von einem Vox-Amplifier verstärkt, spielt, wenn er dazu singt und sich auch mal ans Klavier setzt, dann kommt dieser  in  Stuttgart  mit  Elfriede-Jelinek-Texten kombinierte Klassiker ganz unvermittelt im Hier und Jetzt an; es wird „ein bisschen schmutzig, ein bisschen sexy“, wie Kowalski selbst sagt.

Schwarze Hose, weißes Hemd – und die Prinz-Heinrich-Mütze

Seine Musik zielt direkt in den Bauch – und in die unterkühlte, verkopfte Szenerie, von Stephan Kimmig ganz in Schwarz und Weiß gehalten ist, zieht Farbe ein. Und das, obwohl der 38-jährige Musiker auf der Bühne dasselbe wie im normalen Leben trägt: schmale schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Leder-Stiefeletten. Und diese Prinz-Heinrich-Mütze, die er auch hier in der Hotellobby auf dem Kopf hat. Es scheint, Kowalski gehört zu der raren Sorte Mensch, die Stilwillen, Geschmack und Konsequenz zusammenbringen.

Es ist nicht das erste Mal, dass er als Theatermusiker arbeitet. Er schrieb die Musik für mehrere in Köln und Hamburg aufgeführte Arbeiten der Regisseurin Angela Richter, etwa für das Whistleblower-Stück „Supernerds – Ein Überwachungsabend“, er komponierte für das Schauspiel Köln. Wieso nun Stuttgart? Stephan Kimmig habe er vorher gar nicht gekannt, erzählt er, der Kontakt sei über den künstlerischen Betriebsdirektor des Deutschen Theaters in Berlin zustande gekommen, der habe ihn vorgeschlagen.

Die Stücke seien im Zusammenspiel mit Kimmig entstanden; er selbst habe zunächst Stones-Songs oder Leonard Cohen als Basismaterial vorgeschlagen, der Regisseur wollte lieber zeitgenössischen elektronischen Pop haben.

Schlussendlich hat Kowalski so Gegensätzliches wie „My Wild Love“ von den Doors, Led Zeppelins „Rain Song“ sowie Musik von Fink und PJ Harvey „für Gitarre und Gesang umarrangiert“, und auch eigene Kompositionen beigesteuert. Um Fausts Drogenrausch akustisch zu potenzieren, schuf er etwa eine Sound-Collage, die sich aus einem knappen Dutzend klassischer Stücke von Bach, Mahler, Strawinsky, Mozart und Prokofjew zusammensetzt. „Ein Klang wie ein Stroboskoplicht“, beschreibt er das Ergebnis.

Einfachheit als künstlerisches Prinzip

Kowalski mit einem Label zu versehen, fällt schwer. Er ist Theater- und Filmmusiker, aber er bringt auch Alben heraus, tritt hier und da auf, arbeitet mit der Band Zweiraumwohnung zusammen. Seine Musikerkarriere begann in Hamburg. Dorthin waren seine iranischen, in die USA ausgewanderten Eltern gezogen, als der in Boston geborene Aram Pirmoradi, so sein richtiger Name, nicht einmal ein Jahr alt war. Das Hip-Hop-Soul-Rock-Duo Jansen & Kowalski brach schon nach einem Jahr und einem gemeinsamen Album wieder auseinander. „Ich wollte etwas Schroffes, Unangepasstes, Hartes machen und kein Popkünstler mehr sein“, sagt er im Rückblick.

Er ging nach Berlin, lernte Regisseure, Schriftsteller, Journalisten, Künstler kennen – „diese Disziplinen bringen mich dazu, Musik zu machen, die mich glücklich macht.“ Musik, die er allein produziert: „Ich hasse es, mich mit anderen abstimmen zu müssen.“ Einsam, aber frei – wie Brahms eben. Für die Herangehensweise an seine Musik, seine Auffassung, wie Kunst zu sein habe, hat er ein beredtes Bild parat: „Es ist Sommer, es ist heiß. Du hast Durst, du trinkst ein Glas Wasser – das ist die einfachste Lösung.“

Drei Solo-Alben gibt es von Malakoff Kowalski, das letzte, „I love you“, erschien 2015 und erregte in überregionalen Blättern Aufmerksamkeit. Seine „schöne, eingängige und melodiöse Musik“, schrieb etwa die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, klinge „wie eine Fahrt über einen amerikanischen Highway in der Sonne“, die „Süddeutsche Zeitung“ sprach von „elegischen Klavierkompositionen“ und „reizend luftigen Liebesliedern zu Gitarre“ – „Musik zu Angelegenheiten, wo es hip, aber auch ein bisschen gediegen zugehen soll“.

Platten, die wie Filmmusiken klingen

Malakoff Kowalski ist in der Berliner Künstler- und Hipster-Szene bestens vernetzt. Den Schriftsteller Maxim Biller nennt er seinen „besten Freund“, der, wie auch die Pop-Literatin Helene Hegemann, Booklet-Texte für seine Alben schrieb. Besonders eng ist er mit dem Filmregisseur Klaus Lemke verbunden, für dessen vier jüngsten Filme er die Musik schrieb, und auch das neueste Werk „Bad Girl Avenue“, das im April herauskommt, trägt musikalisch seine Handschrift.

„Meine Platten klingen wie Filmmusiken, meine Theaterstücke passen auch auf eine Soloplatte, das befruchtet sich alles sehr“, beschreibt er sein breit gefächertes Schaffen. Und so arbeitet er gerade, wenn er nicht im Schauspielhaus auf der Bühne steht, an seinem neuen Album, das im Frühjahr erscheinen soll; dann will er in Stuttgart, der Stadt, in der er anfing, Pfeife zu rauchen, wie er erzählt, auch ein Konzert geben. Bleibt noch die Frage nach seinem Namen und der Helmut-Schmidt-Gedächtnis-Kappe, die ihn, egal, wo er hinkommt, zu einem Typ macht, der auffällt. Ein Freund habe ihm die Mütze zum Abschied von Hamburg geschenkt. Kowalski nannten ihn seine Hamburger Freunde, ein polnischer Spitzname für den Sohn persischer Eltern, „das fanden sie wohl lustig.“ Und Malakoff ist ein Vorort von Paris. Beides habe ihm jedenfalls viel Glück gebracht, und das sei am Ende doch entscheidend für alles, sagt er noch, bevor er seinen schwarzen Wollmantel anzieht, schmal geschnitten, wie der ganze Mann, und in Richtung Schauspielhaus davon schreitet.