Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi Malala kann nicht in ihre Heimat zurückkehren

Die heute 17-jährige Malala ist nicht nur ein Beispiel für den Mut, mit dem junge Frauen sich in der konservativen pakistanischen Gesellschaft gegen die unheimliche Mischung aus Aberglauben und fehlgeleitetem religiösem Starrsinn wehren. Mädchen wie Malala träumen von der Flucht aus traditionellen Verhältnissen. Dazu brauchen sie Bildung. Malala kämpft für dieses Recht und verschreckt dabei nicht nur Talibankämpfer. Schließlich sind Frauen heutzutage von Pakistan bis nach Japan die energiegeladenen und dynamischen Triebfedern der Gesellschaft. Die Männer neigen dagegen fast auf dem kompletten Kontinent dank althergebrachter Verhaltensmuster und Privilegien zur Bequemlichkeit.

Seit dem Attentat tourt die junge Frau um die Welt – wenn die Schule es zulässt. Foto: dpa

Malala, die schon 2013 als heimliche Favoritin auf den Friedensnobelpreis galt, profitierte bei der Auszeichnung auch von der gewitzten Werbekampagne, die ihr Vater geschickt mit der BBC plante. Das Mädchen trat sogar vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen auf. Pakistans Medien feierten die Preisverleihung. Doch in ihre Heimat kann sie nicht zurückkehren. Das Risiko ist zu groß.

Es mag ein weiter Weg von Malalas alter Heimat im Swat-Tal bis zu der in der Hitze flimmernden staubigen Ebene vor den Toren der heiligsten hinduistischen Stadt Varanasi am Ufer des Ganges sein. Kailash Satyarthi muss auch nicht die Vergeltung der Talibanmilizen fürchten. Aber ein gern gesehener Gast ist der Mann, der sich auf seiner eigenen Webseite „Sucher der Wahrheit“ bezeichnet, in der Umgebung bei den Teppichherstellern von Varanasi nicht.

Satyarthi: Friedensnobelpreis ist ein „Preis für die Kinder“

„Er hat nie mit Vorwürfen an die Adresse der Arbeitgeber gezögert“, erinnert sich Dieter Kebschull gegenüber dieser Zeitung an die gemeinsamen Tage Anfang der 90er Jahre bei der Gründung von Rugmark. In der Organisation, deren Zertifikate und Arbeit bis heute als Vorbild für ähnliche Versuche in anderen Industrien gelten, arbeiten Teppichhersteller, Grabsteinproduzenten, Exporteure und Menschenrechtsgruppen zusammen, um Kinderarbeit zu verhindern.

Der Aufbau war eine mühselige Angelegenheit und Satyarthi, ganz der Aktivist einer Nicht-Regierungsorgansiation, zeigte dabei weniger Einsatzwillen als in seiner Rolle als Mahner und Ankläger. Termine mussten mit ihm schon damals vier bis sechs Wochen vorher abgesprochen werden. Den Arbeitgebern war er nicht geheuer. Am Freitag beschreibt Satyarthi den Friedensnobelpreis, den er sich mit Malala teilt, als „Preis für die Kinder“. Mit Eigenlob spart Satyarthi nicht. Seit den 80er Jahren, so heißt es vollmundig auf seiner eigenen Webseite, gehört er weltweit zur vordersten Front der Kämpfer gegen Kinderarbeit. 80 000 Kinder, so heißt es in manchen Veröffentlichungen, hat der Mann mit dem sympathischen Lächeln während seines Aktivistenlebens befreit.

Die Zahl erscheint angesichts des übervölkerten Indien als Tropfen auf den heißen Stein. Aber das Wort von der Befreiung könnte nicht besser gewählt sein. Denn viele Kinder, die in Asien unter teilweise menschenunwürdigen Verhältnissen schuften müssen, haben keine Wahl. Sie sind halb Sklaven, halb Zwangsarbeiter. Sie müssen an Webstühlen Teppiche knüpfen, in Ziegeleien und Steinbrüchen Steine schleppen oder in dunklen Werkstätten Kleider fertigen. Ihr Schicksal machte der frischgebackene Friedensnobelpreisträger zu seinem Lebensthema. Das Haus, in dem er in Delhi mit seiner Frau, der Tochter, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter lebt, teilt er sich mit Kindern, die er aus dem Joch der Zwangsarbeit befreit hat.




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