Reisetrend „Coolcation“ Kühl statt schwül - lieber Nordkap als Mallorca

, aktualisiert am 02.07.2025 - 12:27 Uhr
Heiß ersehnte Abkühlung: Schwimmen in Schweden Foto:  

Warm, aber nicht zu heiß, grün, aber ohne Regen, belebt, aber bitte nicht voll: Der ideale Urlaubsort muss erst noch erfunden werden. Auch auf Reisemessen kann man sich über den neuen Trend „Coolcation“ informieren.

Sommer, das ist Sonne, Strand, Meer. Und das gibt es im Süden. Verlässlich jedes Jahr von Mai bis September, von morgens bis abends - allerdings zu ganz unterschiedlichen Bedingungen und Preisen. Diese Binsenweisheiten gelten hierzulande seit Jahrzehnten. Doch seitdem die Sommer im Süden Europas immer heißer werden, von Hitzerekorden und Wetterextremen wie Starkregen, Erdrutschen und Waldbränden begleitet sind, kommen viele Touristen ins Grübeln, ob das noch erholsam ist oder ob man nicht einmal in die andere Himmelsrichtung aufbrechen sollte. Liegt das Urlaubsglück, bedingt durch das rasante Fortschreiten des Klimawandels, künftig im kühlen Norden?

 

Offenbar ja. Und wie jeder neue Trend braucht auch dieser einen neuen Namen: was man früher betulich Sommerfrische nannte, heißt heute schick Coolcation.

Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern „cool“ (kühl) und „vacation“ (Urlaub) zusammen. Der typische Coolcation-Tourist ist einer, der sich schon im europäischen Süden nicht damit zufrieden gegeben hat, nur am Strand zu liegen, braun zu werden und dabei ein paar Cocktails zu schlürfen. Reisende, die nördliche Breitengrade ansteuern, wollen dort die Dinge tun, die man wegen der hohen Temperaturen auf Kreta oder Sizilien nicht mehr ohne Schwitzanfälle machen kann: Wandern, Städte ansehen, Fahrrad fahren. Es sind oft auch diejenigen, die Wert legen auf nachhaltigen Tourismus und die einsame Landschaften dem Instagram-Hotspot vorziehen. Den sprichwörtlichen Ballermann-Touristen stören hingegen weder die paar Grad mehr am Meer noch der geringe Abstand zur nächsten Strandliege.

Dass sich Reiseziele mit kühlerem Klima und weniger Menschenströmen wachsender Beliebtheit erfreuen, merkt man bei Visit Sweden deutlich. „Die Suchanfragen nach Last-Minute-Urlaub Schweden stiegen im Sommer 2024 um 350 Prozent“, berichtet Sabine Klautzsch von Schwedens offizieller Tourismus-Vertretung in Deutschland.

In Schweden sei Coolcation eng verbunden mit aktiven Urlauben in der Natur, sei es Wandern, Rad- oder Kajakfahren. Dafür findet man in Schwedens weiten Landschaften mit Wäldern und rund 100 000 Seen beste Bedingungen, im Sommer punktet das Land zudem mit langen Tagen.


Dänische Riviera statt Mallorca

„Golfspielen unter der Mitternachtssonne ist hier problemlos möglich“, so Sabine Klautzsch. Wer es zwar kühler mag, auf Strand und Meer wie auf Mallorca jedoch nicht verzichten will, den schickt Visit Sweden an die „schwedische Riviera“ oder in die Schären vor Stockholm und Göteborg.

Auch in Dänemark nimmt man Anleihe an Sonne versprechenden Gefilden und bewirbt etwa den Norden der Insel Seeland als „dänische Riviera“. „Hier haben viele Kopenhagener ihre Sommerhäuschen, und es ist etwas mondäner als in anderen Regionen“, berichtet Lea Weber von Visit Denmark in Deutschland. Auch kulturell sei viel geboten und optisch sowieso durch die fotogenen bunten Badehäuschen am Strand.

Beliebtes Fotomotiv: die bunten Häuschen Foto: Daniel Overbeck/Visit Nordsjælland

Dass die dänische Alternative ein eher „erfrischendes Pendant“ zur südlichen Riviera ist, verschweigen die Dänen nicht. Auch „Cold Hawaii“, der Surfer-Hotspot an der dänischen Nordseeküste, trägt die Information schon im Namen. Wind und Wellen in und um Klitmøller kommen nah ans Südsee-Original heran. Für eine durchschnittliche Wassertemperatur von 16 Grad Celsius im Sommer sind an der Nordwestküste Jütlands aber eher Neoprenoveralls als Badeshorts angesagt.

„In Dänemark ist man es gewohnt, Aktivitäten bei jedem Wetter durchzuführen und das mögen auch die, die zu uns kommen“, sagt Lea Weber. Nicht nur, aber sicher auch auf den Coolcation-Trend führt sie die seit Jahren stetig wachsenden Übernachtungszahlen deutscher Gäste zurück. Die stiegen 2022 um 16,3 Prozent in Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019, für 2024 rechnet man mit plus 4 Prozent.

Mitte des Jahres 2024 veröffentlichte die Europäische Kommission eine Studie mit dem Titel „Regionale Auswirkungen des Klimawandels auf die europäische Tourismusnachfrage“. Die Studie kommt zum Ergebnis, „dass sich ein klares Nord-Süd-Muster bei den Veränderungen der Tourismusnachfrage feststellen lässt.“ Weiter heißt es: „Die nördlichen Regionen profitieren vom Klimawandel, während die südlichen Regionen mit Rückgängen der Tourismusnachfrage konfrontiert sind.“ Die größten Verluste seien in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal zu erwarten, der höchste Zuwachs in Dänemark, Finnland, Irland, Schweden und Norwegen. Die European Travel Commission kommt zu ähnlichen Ergebnissen: die große Hitze im Süden Europas wirke abschreckend. 74 Prozent der Befragten habe angegeben, sich der Klimakrise anzupassen, indem Urlaubsziele mit erwartbar extremen Temperaturen vermieden und kühlere Urlaubsziele ins Auge gefasst würden.

Island ist das ganze Jahr ein cooles Ziel und daher prädestiniert für Coolcation“, sagt Oddný Arnarsdóttir, der Chef von Visit Iceland. Auch auf der Vulkaninsel im Nordatlantik sind eher aktive Urlauber unterwegs. Mehr als 90 Prozent hatten laut einer Umfrage des Icelandic Tourist Board Island wegen seiner Natur gewählt. Diese Insel ist in der Tat spektakulär mit riesigen Gletschern und aktiven Vulkanen, mit Seen, Wasserfällen und heißen Quellen. An den Küsten mit fotogen zerklüfteten Klippen und tief eingeschnittenen Fjorden gibt’s statt Badevergnügen Wale, Robben oder Papageientaucher zu beobachten. Zu warm wird es einem bei sommerlichen Durchschnittstemperaturen von rund 13 Grad und etwa zehn Regentagen im Monat kaum.

Die Sache mit dem „schlechten“ Wetter ist die größte Umstellung für neue Coolcation-Fans. Denn dass man bei 25 Grad Celsius entspannter am Pool oder Strand liegt als bei 45 Grad, ist klar. Auch jegliche Aktivität im Freien kann man sich bei den Hitzerekorden der vergangenen Sommer abschminken. Kaltwasser-Baden, Gegenwind-Radeln oder Kinder bespaßen bei Regen sind aber auch gewöhnungsbedürftig. Das Optimum – unberührte Natur mit gemäßigten Temperaturen und Gutwetter-Garantie – bleibt ein Wunschtraum.

Was es gibt, ist ein Mix aus perfekten und herausfordernden Tagen. Zum Beispiel auf der Schwäbischen Alb, wo es bekanntlich schon immer „einen Kittel kälter“ war als in den Niederungen der Städte an Neckar oder Donau. „Auch wenn es bisher keinen Namen für dieses Phänomen gab: Coolcation ist schon lange Alb-Standard“, sagt Julia Metzmann, Referentin beim Schwäbische Alb Tourismus. Das laue Lüftchen auf der Hochfläche und die verlässliche Abkühlung in den Nächten wissen immer mehr Gäste zu schätzen: Ihre Zahl steigt stetig auf zuletzt mehr als 4,6 Millionen Übernachtungen 2024.

Mallorca kommt trotzdem nicht aus der Mode

Wanderungsbewegungen in kühlere Gefilde finden nicht nur innerhalb Europas, sondern auch in den Urlaubsländern statt. „Der Norden Spaniens erlebt einen deutlichen Anstieg der Besucherzahlen“, konstatiert Beatrice-Mihaela Soltuz vom Spanischen Fremdenverkehrsamt. Allerdings verliere der Strandtourismus an Bedeutung, während Stadtbesichtigungen und kulturelle Aktivitäten die Nachfrage dominierten.

Noch gehören Spanien mit Mallorca, Italien, Griechenland, Kroatien und die Türkei zu den beliebtesten Zielen der Deutschen. Es reisen nach Angaben der European Travel Commission 800 Millionen Menschen nach Südeuropa und nur 80 Millionen nach Nordeuropa. Der Süden kommt nicht aus der Mode. Eventuell aber die Saison. Immer mehr Destinationen und Agenturen machen Werbung mit dem milden Winter zum Beispiel am Gardasee oder dem warmen Wasser des Mittelmeeres bis in den Herbst hinein. So könnte der Urlaub in Zukunft auch aussehen: im Winter in den Süden, im Sommer in den Norden.

Dieser Artikel erschien erstmals im Januar 2025 zur Reisemesse CMT und wurde am 1. Juli 2025 aktualisiert.

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