Mammutbäume in Baden-Württemberg Der Trost der Wälder

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Der Informatiker Lutz Krüger liebt Mammutbäume. Er hat ein einzigartiges Internetprojekt angestoßen und die kuriose Geschichte der Baumriesen in Baden-Württemberg beleuchtet. Begonnen hat sie 1864 in Stuttgart.

Lutz Krüger hat über Mammutbäume geforscht. Die Riesen hätten ihn berührt, sagt er. Er habe sie deshalb nicht vergessen können. Foto: Andreas  Reiner
Lutz Krüger hat über Mammutbäume geforscht. Die Riesen hätten ihn berührt, sagt er. Er habe sie deshalb nicht vergessen können. Foto: Andreas Reiner

Stuttgart - Als Lutz Krüger noch in Backnang lebte, hat er seine Freizeit oft im Wald verbracht. Im Naturpark bei Wüstenrot wachsen riesige Bäume. Der Informatiker fühlte sich wohl in ihrer Nähe. „Man braucht einen Ausgleich zum Schreibtischjob“, erklärt er. Vor zehn Jahren war Lutz Krüger dann auf einer Geschäftsreise in England. Sein Hotel stand im Grünen, umgeben von prachtvollen Bäumen. Er erinnert sich: „Die Riesen haben mich gerührt, ich konnte sie nicht mehr vergessen.“ Wieder zu Hause begann Krüger nachzuforschen. Die beeindruckenden Gewächse nennt man Mammutbäume, las er, sie können in Amerika 100 Meter hoch werden. Auch in Baden-Württemberg stehen etwa 7500 solcher Riesen, manche von ihnen sind 150 Jahre alt. Auch jene in Wüstenrot. Der Baumfreund Krüger fand heraus: Die Geschichte der Giganten ist eng mit den Geschicken in der Landeshauptstadt verbunden. Es war König Wilhelm, der 1864 in Kalifornien für 90 Dollar Samen des Baumes bestellte.

Lutz Krüger besuchte Archive, wühlte sich durch Originaldokumente. Dort erfuhr er: Es gab damals noch wenig Wald rund um Stuttgart. Wilhelm aber plante vorausschauend. Er ließ Bäume pflanzen, um den rasant steigenden Bedarf an Holz zu sichern. Darunter sollten auch die grünen Riesen aus Amerika sein. Man hatte gehört, sie würden schnell groß und dick, ihre Rinde sei unverwüstlich, anders als bei anderen Bäumen: Wenn man den rötlich-braunen Stamm des Mammutbaums anfasse, gebe die Rinde nach, sei weich und fasrig.

Um die Saatbestellung ranken sich Legenden

Veranlassten diese evolutionären Vorteile der Riesenpflanze König Wilhelm dazu, derart viele Baumsamen in Amerika zu bestellen, dass es für den Anbau von 10 000 Jung-Wellingtonien reichte?

Der Hobbybotaniker Lutz Krüger meint: „Genaues ist nicht überliefert, es gibt Legenden.“ Die bekannteste besage, die königliche Bau- und Gartendirektion habe gar nicht so viele Samen gewollt, sie habe nur ein Lot Samen bestellt. Das Württembergische Lot entsprach damals etwa einer Menge von 15 Gramm – deutlich weniger also als jenes Pfund, das letztlich in Stuttgart ankam und zur Anpflanzung von 10 000 Bäumen geeignet war. In Amerika habe man aber „a lot of“, also schlichtweg „eine große Menge“ verstanden. War es ein Sprachproblem, das Baden-Württemberg zu seinen exotischen Baumriesen verhalf?

Das zweifeln viele Forscher an, manche glauben eine andere Geschichte: Die Gärtner haben nicht bedacht, dass der größte Baum der Welt nur einen sehr kleinen Samen produziert – und bestellten daher viel mehr, als benötigt wurde. Lutz Krüger schüttelt über diese Theorie den Kopf. Haben sich die Botaniker damals wirklich so schlecht ausgekannt? Er glaubt es nicht.

5000 Jungpflanzen wurden aufgezogen

Fest steht, ein Stuttgarter Zuckerfabrikant hat wohl seine Verbindungen und Handelsbeziehungen nach Kalifornien spielen lassen – und so dem württembergischen König zu den Mammutbaumsamen verholfen. Im Kalthaus der Wilhelma wurden sie dann unter Glas ausgesät – hier liegt die Brutstätte von Tausenden baden-württembergischer Riesenbäume und ihren Nachkommen. Mit damaligem Kenntnisstand konnten Mitte des 19. Jahrhunderts wohl um die 5000 Jungpflanzen aufgezogen werden. „Im Mammutbaumhain der Wilhelma stehen noch 35 dieser alten Bäume“, beschreibt Lutz Krüger. 200 Exemplare aus der Wilhelma-Saat sind es insgesamt im Land: Wilhelm ließ sie in seinen Wäldern, in Parks und Gärten befreundeter Forstdirektionen anbauen.

Als er all das vor einigen Jahren erfahren hatte, war Lutz Krügers Begeisterung endgültig entfacht. Er stellte die ersten Ergebnisse seiner Recherchen ins Internet. Und plötzlich verselbstständigte sich das Ganze: Hunderte Menschen entdeckten seine Zusammenstellung von Mammutbäumen in Württemberg, fragten an, ob sie sich einbringen könnten, selbst neue Einträge hinzufügen – für ganz Deutschland und sogar für Europa. Die Bäume schienen nicht nur die Seele des Informatikers Lutz Krüger zu rühren – sondern auch die von Hunderten Menschen deutschlandweit.

Seit 2006 trifft sich die Mammutbaumgruppe

Auf der Internetseite entstand ein Forum, in der Community tauschte man sich rege aus. 2006 traf sich die Gruppe zum ersten Mal – in Wüstenrot. Hier ist der Mammutbaum-Standort Nummer eins. In einem online zugänglichen Register sind in ganz Europa rund 20 000 Exemplare eingetragen, alle durchnummeriert.

Ohne das Geschick von Lutz Krüger am Computer, die Affinität des promovierten Informatikers zu Statistiken und Zahlen, wären das Register und das Forum wohl nie entstanden. Lutz Krüger hat das minutiöse Verzeichnis begonnen, hat den Verein Projekt Mammutbaum im Jahr 2009 gegründet. Heute treffen sich die Baumfreunde aus ganz Deutschland zweimal im Jahr.

Auf der Internetseite kann man nach Standorten suchen, erhält Pflanz- und Pflegehinweise. Einzelne Mammutbäume in Wohngebieten kleiner Dörfer, aber auch größere systematische Anpflanzungen im waldbaulichen Stil sind auf der Seite verzeichnet. Man kann nachsehen, wo in Deutschland die höchsten, dicksten und ältesten Berg-, Küsten- und Urweltmammutbäume stehen. Und entdeckt: die meisten Rekordhalter gedeihen in jenem Bundesland, in dem König Wilhelm einst Samen pflanzte – in Baden-Württemberg.

Lutz Krüger hat ein E-Book geschrieben

Lutz Krüger, heute 52 Jahre alt, lebt mittlerweile in Ulm. Über die Giganten hat er ein E-Book geschrieben, auch um jenem rasant zu Beliebtheit gekommenen Forum gerecht zu werden: Im Internet hat es angefangen, hier soll es fortgeführt werden.

Hunderte Stadtmenschen, die wie Krüger in den Bäumen einen Ausgleich zum Schreibtischalltag suchen? Vielleicht, meint der. Erich Kästner schrieb: „Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um. Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm. Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.“

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