Mammutprojekt in Freiberg am Neckar Die kleine Stadt und ihr großer Wurf

Von Susanne Mathes 

Für seine Schüler will das Städtchen Freiberg nicht kleckern, sondern klotzen – und leistet sich einen der teuersten Schulneubauten in Baden-Württemberg. Trotz der Kosten kennt die Begeisterung fast keine Grenzen.

Kein abgesperrter Schulhof: Schulgelände und öffentlicher Raum sollen in Freiberg ineinander übergehen. Foto: mvm+starke architekten
Kein abgesperrter Schulhof: Schulgelände und öffentlicher Raum sollen in Freiberg ineinander übergehen. Foto: mvm+starke architekten

Freiberg - Von 39 Millionen Euro war in Freiberg ganz zu Beginn die Rede gewesen. Das Projekt, für das der Gemeinderat jetzt seinen Segen gegeben hat, hat eine neue Dimension: Mit 81 Millionen Euro veranschlagt Freiberg den Neubau der Oscar-Paret-Schule. Als der Bürgermeister Dirk Schaible am Donnerstag zu seinen Räten sagte: „Die Chance, so eine Entscheidung zu treffen, hat man in der Kommunalpolitik nicht oft“, lag ein Hauch von Feierlichkeit in seiner Stimme.

Die Schule – sie vereint Gemeinschaftsschule, Realschule und Gymnasium unter einem Dach – spielt für das Freiberger Stadtgeschehen eine Schlüsselrolle, denn sie spült Leben in die Mitte. Sie liegt im künstlich geschaffenen Zentrum einer Stadt, die nicht organisch wuchs, sondern 1972 durch eine Gemeindefusion entstand. Aus dieser Zeit stammt auch die Schule.

Die Schule als Pulsgeber für das Zentrum

Für die Stadtmitte ist diese Lage ein Glücksfall. „Wir kennen so viele Stadtkerne, die tot sind. In Freiberg ist es anders, da bringt die Schule Leben rein“, sagt Michael Müller vom Architekturbüro mvm+starke architekten. Rund 1500 Schüler und 160 Lehrer bevölkern die Bildungsstätte und mithin den Stadtkern. Diesen will Freiberg ebenfalls umgestalten, mit Wohnungen und Geschäftsflächen aufwerten und mit einem neuen Busbahnhof ausstatten.

Der Neubau sucht mit seinen Freiflächen bewusst die Durchlässigkeit zum öffentlichen Raum hin, die Übergänge sind fließend. „Diese Verknüpfung ist im positiven Sinne ungewöhnlich“, sagt Architekt Müller. „Einen Schulhof, der abends abgeschlossen wird, wird es nicht geben.“ Der Gedanke der Transparenz soll sich auch im Inneren widerspiegeln: Die drei Schularten, die schon jetzt eng kooperieren, sollen nicht auseinanderdividiert werden, sondern das Haus gemeinsam nutzen, etwa in Jahrgangsgeschossen. „Da steckt viel Wissen drin“, sagt der Planer. Es mache sich bezahlt, dass die Lehrerschaft intensiv involviert gewesen sei. „Das haben wir als vorbildlich empfunden und so noch nie erlebt.

Zwei Stadträten ist das Risiko zu groß

Ist die Lage fürs Stadtzentrum Segen, so ist sie in Sachen Lärm- und Luftschutz auch Fluch: Im Westen grenzt die Autobahn in Sichtnähe an; die künftigen Spielwiesen, Sitzstufen und begehbaren Dachgärten liegen in direkter Nachbarschaft zur – freilich durch einen Wall abgetrennten – Fahrbahn. Die Stadt träumt von einer Überdeckelung der A 81, doch mehr als wohltönende Zukunftsmusik ist das derzeit nicht. An den neuralgischsten Punkten des Schulneubaus ist deshalb die Fensterzahl reduziert. „Das gesamte Gebäude wird aber sowieso mechanisch belüftet“, erklärt Architekt Müller. Dazu müsse man heutzutage keine Fenster mehr öffnen.

Ein Grund für die Stadt, den Neubau zu wagen, ist die Zuschusslage: Für eine Sanierung der Bestandsschule hätte es keine Fördergelder gegeben, erklärte Bürgermeister Schaible, der für die Freien Wähler im Kreistag sitzt. Für den Neubau hingegen zahlt das Land 22,4 Millionen Euro. 20 Millionen hat die Stadt selbst auf der hohen Kante, 38 Millionen Euro sollen über Kredite finanziert werden. „Etwas tun mussten wir auf jeden Fall“, sagt Schaible. Die jetzige Schule sei dringend sanierungsbedürftig, allein unter brandschutzrechtlichen Gesichtspunkten. Mit dem Neubau vermeide man jahrelanges Unterrichten in einer Dauerbaustelle und in Containern. So kann nun in der alten Schule unterrichtet werden, bis die neue fertig ist. Eine Schule soll es sein, „die nicht ein Gebäudestatement setzen, sondern eine Welt schaffen will, in der man Entwicklungsmöglichkeiten für die Schüler sieht“, sagt Architekt Müller.

Der Rückhalt für das Mammutprojekt ist groß: 17 Stadträte befürworteten das Vorhaben, zwei enthielten sich. Zwei befürchten allerdings ein finanzielles Desaster und stimmten mit „Nein“.