Mammutwanderung 50 Kilometer mit Suchtpotenzial

Jede Menge schöner Ausblicke auf das Remstal entschädigen die Wanderer für die schmerzenden Beine. Foto: Claudia Bell/Bell

Unsere Autorin hat an der Rundtour quer durch den Rems-Murr-Kreis teilgenommen – und dabei ganz neue Erkenntnisse gewonnen.

Weinstadt - Meine größte Sorge galt meiner schmerzenden Achillessehne am linken Fuß. Aber deshalb nicht bei meiner ersten 12-Stunden-Wanderung über 50 Kilometer mitzumachen? Niemals! Coronabedingt war die Tour von Remstal Tourismus Verein, Schwäbischem Albverein und der Volksbank Stuttgart als Rundwanderung ohne Massenstart an einem einzigen Startpunkt angelegt. Also marschierten die 425 Teilnehmer an sechs Stationen los. Ich hatte mich für den Startpunkt 8 Uhr in Schorndorf-Haubersbronn entschieden.

 

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Schon beim Start im Morgennebel wird mir klar: Hier hast du es mit Profis zu tun. Auch Kerstin und Stefan laufen regelmäßig bei solchen Events mit, auch 100 Kilometer in 24 Stunden. Innerlich schüttle ich den Kopf und frage nach der Durchhaltestrategie. „Einen Schritt nach dem anderen machen“, sagt Kerstin und lacht.

Technikfreaks lassen sich auch durch Sabotage nicht aus der Ruhe bringen

Ich lache nicht, sondern denke missmutig an die Blase an meiner rechten Ferse, die sich leise drohend ankündigt. Nach einer Stunde muss ich anhalten, den Schuh ausziehen, Blasenpflaster drauf kleben, den Schuh wieder anziehen – und dann den Anschluss an die Gruppe wieder kriegen. Denn, auch das lerne ich kurz nach dem Start, wer sich die Strecke samt den GPX-Daten aufs Smartphone heruntergeladen hat, ist fein raus. Schon nach wenigen Hundert Metern zeigt nämlich ein Schild in die falsche Richtung – offenbar haben sich ein paar Witzbolde einen schlechten Scherz erlaubt und den Wegweiser verdreht. Die Technikfreaks unter uns lässt das kalt – sie checken das Handy, drehen das Schild in die richtige Richtung und nehmen den passenden Abzweig.

Nach zwei Stunden und elf Kilometern durch Streuobstwiesen und über die Sträßchen in Rohrbronn ist die erste Station in Remshalden-Geradstetten erreicht. Das WC-Schild schaut mich herausfordernd an, aber außer mir scheint das niemanden zu interessieren. Also weiter ohne Pause. Auch gegessen und getrunken wird während so einer Tour nicht so viel, stelle ich fest, während ich verschämt in meine Karotten beiße.

Die Suche nach Ruhe

Man erfährt so manches auf solch einer Tour. Der Wanderwegewart Bernd etwa erklärt, welche Eigenschaften ein zertifizierter Wanderweg haben muss und wie Touren entstehen. Oder wie viel Euro ein Wanderweg-Kilometer kostet, ehe er begehbar ist. Solche Gespräche sind spannend, aber eigentlich mache ich das hier auch, um zur Ruhe zu kommen. Nachzudenken, machbare Lösungen für Probleme zu finden. Den Geräuschen der Natur zu lauschen, die frische Luft zu genießen.

Zwischen meinem ersten Stopp in Schorndorf-Oberberken und Lorch-Waldhausen stellt sich die Ruhe ein. Der Weg führt leicht ansteigend durch den Wald, niemand ist zu sehen. Meiner Achillessehne geht’s einigermaßen gut, dafür tut der Spann am rechten Fuß höllisch weh. „Viel Glück“ hatten mir Freunde gewünscht. Und es ist Glück, was man auf solch einer Tour braucht; etwa das Glück mit dem Wetter oder den richtigen Abzweig nicht zu verpassen. Tatsächlich aber braucht es vor allem den Willen durchzuhalten.

Ab der Hüfte abwärts tut alles weh

Jener Wille muss auch beim Anstieg von Waldhausen nach Plüderhausen herhalten, als ich mich nicht zum ersten Mal an diesem Tag frage, was ich hier tue. Noch immer finde ich zwar alles toll, aber ab der Hüfte abwärts tut mir seit vier Stunden alles weh, Oberschenkel und Waden brennen, und ab Kilometer 47 in Urbach besinne ich mich leicht benebelt auf Kerstins Worte: einen Schritt nach dem anderen machen. Meine Pulsuhr sagt mir, dass ich pro Kilometer nun satte 15,3 Minuten brauche – da hatte ich an dem Tag schon einen ganz anderen Schnitt.

Doch nach zehneinhalb Stunden laufe ich im Ziel ein. Jemand hängt mir eine Medaille um den Hals und drückt mir die Urkunde in die Hand, stolz blicke ich beim Siegerfoto in die Kamera. Und als am nächsten Morgen die schlimmsten Schmerzen verklungen sind, bin ich mir ganz sicher, dass ich es definitiv halten werde wie Stefan, der mir erzählt hat, wie er sich am Abend seiner ersten 50-Kilometer-Wanderung geschworen habe, so etwas nun wirklich nie wieder zu machen. Lachend fügt er hinzu: „Aber schon drei Tage später habe ich mich zur nächsten Tour angemeldet.“

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