Management Warum Körpersprache für Chefs so wichtig ist

Jede Führungsperson sollte auf ihre Körpersprache achten, denn aus sie transportiert Informationen. Foto: AdobeStock/64926136

Führungskräfte zeigen oft zu wenig und wenn, dann nicht die richtige Körpersprache. Dabei ist die nonverbale Kommunikation meist viel wirkungsvoller als die Worte.

Stuttgart - Führungskräfte neigen dazu, eine Ressource ihrer Persönlichkeit zu vernachlässigen: ihre Körpersprache. Die nonverbale Kommunikation zieht in Deutschland rund 80 Prozent der Aufmerksamkeit an sich. 55  Prozent gehen dabei auf das Konto von Gestik und Mimik, 26 Prozent auf die Stimme. Bleiben gerade mal 19 Prozent für das Gesagte. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Allensbach-Instituts.

 

„Ich beschäftige mich intensiv mit der Körpersprache, sage jedoch nicht, sie sei wichtiger als der Inhalt des Gesagten, denn das hieße Äpfel mit Birnen zu vergleichen“, widerspricht Stefan Verra solchen prozentualen Erhebungen. Der Experte für Körpersprache aus München nennt die Körpersprache „eine Kommunikationsform, die etwas anderes als Inhalte transportiert“. Verra beobachtet, dass gerade Manager oder generell Personen mit Führungsverantwortung die enorme Bedeutung der Körpersprache vernachlässigen.

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Körpersprache funktioniert nicht nach dem Baukastenprinzip

Wer indes meint, er könne mit Ratgeberliteratur zu einer überzeugenden Führungskraft mutieren, wird von Verra desillusioniert. Zwar gebe es ein paar Grundfunktionen, „aber Körpersprache ist kein Automat, auf dem ich nur ein paar Knöpfe drücken muss, um immer die gleiche Wirkung zu erzielen“. Lachend ergänzt er: „Dann hätten wir lauter Politiker, die unglaublich gut wirken.“ Tatsache ist aber, dass manche Menschen das gleiche Signal einsetzen wie andere und trotzdem unsympathisch wirken. Warum ist das so?

Körpersprache besteht nicht aus einzelnen Signalen, die man baukastenartig zusammenbastelt. Wie etwas wirkt, hängt vom körpersprachlichen Charakter ab. Zum Beispiel Frequenz (Tempo) und Amplituden (Umfang) von Gesten sind entscheidend. „Bei einer Angela Merkel wirkt eine Geste immer anders als die gleiche Geste bei Emmanuel Macron“, betont Verra. Wenn ein Konzernchef, der eigentlich ein Papiertiger sei, aufgrund der Struktur seiner Persönlichkeit die Dinge lieber aus dem Hintergrund steuert, anstatt Tausende Menschen anzufeuern, aus sich einen Barack Obama machen wolle, werde er immer unauthentisch sein. Auch wenn er die Gesten vom Amerikaner kopiert.“

Die Sympathie-Entscheidung trifft das Stammhirn

Mit seinem naturwissenschaftlichen Ansatz auf der Grundlage empirisch nachgewiesener Wirkungen setzt sich der 45-Jährige entschieden ab von der „Psychologisierung einzelner Signale“. Damit habe er „nichts am Hut“, weil das häufig zu falschen Schlüssen führe. Der gebürtige Österreicher konzentriert sich stattdessen auf Erkenntnisse, „die seit Menschengedenken gelten“. Bei der Körpersprache seien zwei Grundausprägungen wichtig, sagt der lebhafte Mann. Einerseits gehe es um Sympathie, Enthusiasmus, Begeisterungsfähigkeit und Offenheit, andererseits könne die nonverbale Kommunikation eingesetzt werden, um Kompetenz, Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Verra nennt es die asymmetrische und die symmetrische Körpersprache, die jeweils eine andere Körperhaltung verlange.

Die allermeisten konzentrieren sich zunächst auf die Kompetenz, um zu zeigen, wer der Chef ist im Ring. Warum das falsch ist, belegt Verra mit dem Gehirn des Menschen, in dem zuerst sein Stamm- und danach sein Mittelhirn aktiv werden. Mit seinem Stammhirn entscheidet der Mensch blitzschnell, ob der andere näher mit ihm in Kontakt treten oder ihn schnellstmöglich loswerden will. Erst danach tritt das Mittelhirn in Aktion. Es entscheidet hierarchisch, ob der andere über- oder unterzuordnen ist. „Diese Fähigkeit des Sich-Unterordnens haben erst Mittelhirntiere wie der Hund und der Mensch, die Eidechse kann das nicht. Mittelhirntiere sind Rudeltiere“, erklärt Verra.

Manager müssen an ihrem ersten Eindruck feilen

Das Fazit: Wir als Menschen können uns hierarchisch einordnen, sonst könnte eine Firma auch nicht funktionieren. Der große Irrtum in der Kommunikation liege genau in der Verdrehung der Reihenfolge. Denn die meisten Chefs, so die Diagnose des Experten, adressierten zuerst das Mittelhirn, weil sie sich dem andern gegenüber hierarchisch überlegen oder kompetenter darstellen wollen. „Aber eine Körpersprache, die sich über andere stellt, ist keine Körpersprache, die Sympathie für die Erstentscheidung auslöst.“ Die Folge: Viele kommen arrogant rüber, die in Wahrheit einfach unsicher sind und deshalb um ihren Status kämpfen.

Das Dilemma für Manager: Eigentlich müssten sie viel mehr trainieren, wie sie bei ihren Mitarbeitern im ersten Moment positiv ankommen. „Barack Obama hat das zum Beispiel geschafft. Er hat bei uns Sympathien ausgelöst und erst danach haben wir seinen Inhalten zugehört“, meint Verra. Vergleichbar der Liebe auf den ersten Blick ist es für eine Führungskraft fundamental wichtig, welche Signale sie von Anbeginn aussendet.

Im Idealfall bilden Körper und gesprochenes Wort ein stimmiges Ganzes. „Die Körpersprache kann Dinge, die Worte nicht können, aber umgekehrt können die Worte Dinge, die die Körpersprache nicht kann“, sagt Verra. Am Ende eines Quartals beispielsweise berichtet der Firmen- oder Finanzchef von einem Wachstum von 4,7 Prozent. „Diese präzise Zahl kann man nur mit Worten ausdrücken. Allerdings – ob der Chef zufrieden oder der Meinung ist: ‚Da müssen wir uns jetzt anstrengen, weil wir mindestens sechs Prozent erreichen müssen‘, das können die Mitarbeiter nur an seiner Körpersprache erkennen.“

Führungspersonen müssen Empathie und Enthusiasmus ausstrahlen

Kaum etwas ist schlimmer, als wenn Worte, Stimmlage und Körpersprache sich widersprechen. Genau das passiert Führungskräften leider regelmäßig. Typische Situation, die derzeit wieder Hochkonjunktur hat: Der Chef spricht auf der betrieblichen Weihnachtsfeier. Nicht selten stehen die Führungskräfte stocksteif am Rednerpult und lesen den vorgefertigten Text vom Blatt. Unweigerlich kommt die Passage des Danks an die Mitarbeiter, häufig mit einer Körpersprache, „die sie genauso beim Begräbnis verwenden könnten“, beobachtet Verra und diagnostiziert: „Und sie glauben, sie haben es gesagt, angekommen bei der Belegschaft ist es aber nicht.“

Das Bild vom trockenen Schreibtischtäter geht um und damit die Fixiertheit auf Worte. Doch sobald jemand eine Führungsaufgabe bekleidet, muss sein Ziel sein, die Mitarbeiter dahin zu bringen, das Beste aus sich herauszuholen. Das funktioniert nur mit Enthusiasmus und Empathie. Grundsätzlich fordert Verra einen schwungvolleren Gang. „Durch die Firma nicht so getragen gehen, weil das dokumentiert: Ich bin hier der Chef, ich kenne mich hier aus. Nein, schwungvoll, als gehe man in die Kneipe.“ Den Kopf im Zwiegespräch ab und an ein wenig zur Seite legen, denn das signalisiere, dass man sich körpersprachlich nicht über die anderen stellt. Im Dialog nicht das Kinn anheben. Wer das tut, wirkt überheblich, schließt die anderen emotional aus. Generell werde zu wenig gelächelt in Unternehmen. Nicht zu vergessen die Augenbrauen: „Wenn der Mitarbeiter enthusiastisch vor seinen Chef tritt, um ihm freudig etwas zu berichten – wenn Sie dann die Augenbrauen heben und mit interessierter Stimme nachfragen, dann hat der Mitarbeiter das Gefühl: Mein Chef interessiert sich wirklich.“

Hintergrund zu Stefan Verra

Berufung Der Beruf, den er seit über 20 Jahren ausübt, war ihm quasi in die Wiege gelegt. Trotzdem glaubte Stefan Verra lange Zeit, sich mit Körpersprache zu beschäftigen, sei doch eigentlich kein Beruf, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Herkunft Der Österreicher mit Wohnort München kommt aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater war Bildhauer. Körperlichkeit und Körpersprache waren daher in der Familie immer ein Thema. Verra kann sich gut an viele Diskussionen erinnern, „wenn der Papa beispielsweise einen Akt aus einem Baumstamm machen wollte“. Die Familie besprach dann, wie denn die Handhaltung sein müsse. „Da war mir schon intuitiv bewusst, dass die Wirkung – ob eine Hand beispielsweise am Gesicht oder leicht seitlich von ihm ist, enorm groß ist.“ Der Unterschied in der Darstellung sei tatsächlich oft so klein, dass man ihn mit Worten gar nicht ausreichend beschreiben könne.

Schwerpunkt Als Verra zum ersten Mal im kleinen Kreis seine Gedanken zur Körpersprache mitteilte, kam das so gut an, dass er immer häufiger angefragt wurde. Der Österreicher hat einen wissenschaftlichen Anspruch, beschäftigt sich mit evidenzbasierter Körpersprache.

Autor Sein neues Buch „Leithammel sind auch nur Menschen“ beschäftigt sich mit der Körpersprache der Macht und erscheint im März 2019. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Am 27. März gastiert er im Theaterhaus in Stuttgart.

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