Manfred Lucha und die Corona-Pandemie Minister im Viren-Wirbel

Gesundheitsminister Manfred Lucha schaut sorgenvoll in die Zukunft. Auch in eigener Sache? Foto: dpa/Marijan Murat

Gesundheitsminister Manfred Lucha von den Grünen ist kein Supermann. Schade eigentlich. Manche Vorwürfe gegen den Manager der Corona-Krise sind aber haltlos, kommentiert StZ-Autor Reiner Ruf.

Stuttgart - Ach, so ein Kerl wie Helmut Schmidt wäre gut. Einer, der anpackt und mit Schnodderschnauze ansagt, wo es langgeht, ohne sich in der Lektüre des Grundgesetzes zu verlieren, wie Schmidt im Rückblick auf seine Heldenrolle als Hamburger Innensenator während der Flutkatastrophe anmerkte. Fast sechzig Jahre ist das her. Ein Held! Seufz. So einen – gerne auch so eine – bräuchten wir, jetzt, in diesem widerlichen Viren-Wirbel.

 

Stattdessen sehen wir eine auf ihren Ruhestand hinwartende Kanzlerin, umgeben von entnervten Ministerpräsidenten, die einen Schweif von hohlwangigen Gestalten hinter sich herziehen, die mit flackerndem Blick ihre diversen Corona-Verordnungen studieren, von denen sie selbst nicht mehr wissen, was aktuell drinsteht. Das sind Leute wie Manfred Lucha. Der baden-württembergische Gesundheitsminister sieht sich dem Vorhalt ausgesetzt, dass er ein Papier erarbeiten ließ, in dem Szenarien für Lockerungen entwickelt werden. Dies ausgerechnet jetzt, wo die Inzidenzen steigen. Unglaublich!

Lucha hat nicht immer angemessen reagiert

Unglaublich? Der Vorwurf geht fehl. Das Papier entstand Ende März, da schrie das ganze Land nach Öffnungskonzepten, die Bürgermeister bettelten vor den Türen des Sozialministeriums darum, ihr jeweiliges Städtchen zur stolzen Modellstadt nach Tübinger Vorbild zu machen. Und war Lucha nicht immer vorgeworfen worden, dass er in der Pandemie zu sehr auf Vorsicht und zu wenig auf Chancen setze? Natürlich muss er sich auf den Tag X vorbereiten, wenn es wieder besser wird. Täte er es nicht, würde er erneut verrissen.

Der Gesundheitsminister hat seit Ausbruch der Krise sicher nicht immer angemessen reagiert. Anfangs, als aus Italien die ersten Corona-Infektionen gemeldet wurden, verkündete er großspurig, das sei alles kein Problem, jeder Fall, der hierzulande auftrete, werde identifiziert und isoliert. Auch nachfolgend war es so wie immer bei Lucha: einfach großartig. Nur dass seine weitschweifigen Einlassungen auf Pressekonferenzen immer mehr fragende Gesichter hinterließ: „Was hat er jetzt eigentlich gesagt?“ In der Sache hat sich Lucha zu lange dem großflächigen Einsatz des Testens verwehrt, allerdings auch zu Recht darauf hingewiesen, dass dazu ausreichend Testkits vorhanden sein müssen.

Lucha uíst kein Professor Sauerbruch

Die Mutter aller Probleme in der Pandemie ist der Mangel an Impfstoff. Immer noch, auch wenn sich das angeblich bald ändert. Jeder weiß um diesen Mangel. Aber weil man nicht jeden Tag den gleichen Fehler beklagen kann, jeder einzelne Tag in der Pandemie aber beklagenswert ist, wird jede Misshelligkeit dankbar aufgegriffen. Wohin der Blick auch fällt, er erkennt allerorten Versagen. Das führt zur Hysterie. Die Mutter aller Probleme bekommt plötzlich viele Kinder. Natürlich kann einem der Kamm schwellen, wenn man sieht, wie manche Behörde abtaucht. Die Angeberei mit der angeblich tollen Verwaltung in Deutschland können sich die Amtsträger vom Landrat bis zum Regierungschef künftig sparen. Aber es gibt auch viel Engagement, und die Republik als Failed State herunterzuschreiben, wie dies manche Medien tun, ist eine Form von geistiger Hyperventilation.

Und was Gesundheitsminister Lucha angeht: Er ist kein Professor Sauerbruch, er ist kein Verwaltungsdominator, und manchmal wirkt er überfordert. Damit steht er in der Coronakrise nicht allein. Seine bayerische Kollegin Melanie Huml musste gehen – vor allem, damit die Weste ihres Chefs Markus Söder weiß bleibe. Söder ist der neue Hoffnungsträger aller, die sich nach Helden sehnen. Aber zu einem Helmut Schmidt reicht es auch ihm nicht. Dazu bräuchte er die eine, vielleicht auch noch die andere Überzeugung. Und selbst Schmidt würde heute mit seiner Entschlussfreude bereits am Verwaltungsgericht Hamburg scheitern. Per Eilantrag.

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