Manfred Maurenbrecher kommt nach Stuttgart „Ohne Fehler kommen wir nicht weiter“

Manfred Maurenbrecher Foto: PR/Christian Biadacz

Der Berliner Liedermacher Manfred Maurenbrecher spricht im Interview über Litfaßsäulen, den Verlust der Muße und warum er Bob Dylan zwar verehrt, ihm aber nicht begegnen möchte. Am 13. Mai kann man den 73-Jährigen und seine Musik im Laboratorium erleben.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Ja, es gibt ihn noch, den Mann am Klavier, mit der warmen Sprechstimme und den wohlgeformten Texten: Manfred Maurenbrecher. Der 73-Jährige spricht über den Wandel in der Musikszene und erklärt, warum sein neues Album „Menschen machen Fehler“ heißt.

 

Herr Maurenbrecher, wenn man Ihre neue CD anhört, drängt sich der Verdacht auf, hier war ein Menschenfreund am Werk. Stimmt der Eindruck?

Letztlich ja. Mich regt zwar immer viel auf. Aber bevor ich darüber Musik mache, muss alles erst mal abklingen. Was dann davon übrig bleibt, kann man vielleicht als Menschenfreundlichkeit bezeichnen.

Der CD-Titel „Menschen machen Fehler“ klingt banal, man hat aber das Gefühl, dass man in unserer Zeit daran erinnern muss.

Erstens wollte ich mal einen Titel haben, dem keiner widersprechen kann. Und zweitens geht es in dem Titellied ja darum, dass es notwendig ist, Fehler zu begehen, um weiterzukommen. Wenn wir ständig Angst vor dem Scheitern hätten, würden wir erstarren. Durch Cancel Culture und all so Zeug ist allerdings die Tendenz entstanden, Leuten Fehler vorzuhalten, die sie noch gar nicht gemacht haben.

Ist das typisch deutsch?

Ich fürchte, das hängt mehr damit zusammen, wie wir durch die elektronischen Medien gegeneinander getrieben werden und miteinander umgehen. In den USA ist dieselbe Entwicklung zu beobachten.

Würden Sie der Einschätzung zustimmen, dass wir Menschen ungeduldig im Umgang mit uns und unseren Problemen sind?

Ich denke, wir sind alle einer riesigen Überforderung ausgesetzt. Gerade wir in unserer westlich ausgerichteten Welt haben das Gefühl, dass wir mit unseren Problemen einfach nicht mehr klarkommen. Der Rest der Welt denkt, wir hätten Luxusprobleme. Was ja stimmt, aber wir hatten auch mal Muße und Leichtigkeit. Die gehen uns mehr und mehr verloren. Die Beobachtung mache ich auch im Freundeskreis. Das war vor 20 bis 30 Jahren anders. Die Sorglosigkeit des Augenblicks ist weg.

Für Muße sind letztlich auch Songpoeten wie Sie zuständig – die Themen benennen, ohne Handlungsanweisungen zu geben.

Zu Handlungsanweisungen wäre ich gar nicht in der Lage. Ich bin froh, wenn ich über Dinge nachdenken und sie auf mich wirken lassen kann. Kürzlich habe ich „Lessons“ von Ian McEwan gelesen. Ein tolles Buch, ich habe oft zurückgeblättert und dabei Querverbindungen entdeckt, die zwar nicht ausgesprochen werden, aber dennoch da sind. Das hat mir großes Vergnügen bereitet – und ich hoffe, dass das den Hörerinnen und Hörern bei meinen Liedern so ähnlich ergeht. Auch wenn mir klar ist, dass viele Leute die Zeit dafür gar nicht aufbringen wollen.

Ein Song trägt den Titel „Musik“. Was hat sich in der Musikszene verändert?

Für mich so wahnsinnig viel nicht, weil mein Publikum mit mir älter geworden ist und sich nach wie vor an CDs orientiert. Allerdings bin ich nie so richtig in den Popmarkt eingedrungen, denn der hat sich radikal verändert. Der Verkauf von Musik auf Tonträgern läuft ab einer gewissen Generation gar nicht mehr. CD-Player sterben aus. Und LPs aus Vinyl herzustellen ist unter einer hohen Auflage zu teuer, eine Art Liebhaberei. Ich sehe die Gefahr, dass Musik als Kunstform regelrecht verarmt – der Werkcharakter wird verloren gehen. Man macht und konsumiert Einzelstücke, Rhythmen, und die sie herstellen, tun das als Hobby.

Früher gingen Künstler auf Tour, um für ihre Platte zu trommeln.

Genau, und heute müssen sie auf Tour gehen, um Geld zu verdienen. Dann kam auch noch Corona hinzu, und das Publikum blieb weg. Aber das hat sich Gott sei Dank ja wieder etwas gebessert.

Lassen Sie uns über Erfreuliches reden. Wie kommt man dazu, der Litfaßsäule eine Hymne zu widmen?

Weil sie mir, wie ich singe, viel bedeutet hat. Und weil ich mit vier Kollegen hier in Berlin seit einer Ewigkeit einen Jahresrückblick mache. Wir nehmen uns Ereignisse aus dem Berliner Lokalleben vor, und da stand vor ein paar Jahren die Litfaßsäule im Mittelpunkt, als der Senat beschloss, die meisten Exemplare davon abreißen zu lassen. Also habe ich ein Lied über sie geschrieben.

Ihre Lieder auf CD sind ausgeklügelt arrangiert. Bei Auftritten sitzen Sie meist allein am Klavier. Hätten Sie nicht mal Lust, auf eine Maurenbrecher-Revue mit Orchester?

Das wäre musikalisch interessant, ich würde mich darauf einlassen. Dann würde ich die Songs der vergangenen Jahrzehnte Revue passieren lassen. Leonard Cohen hat das gemacht mit einer richtig opulenten Band. Aber für so etwas bräuchte man einen Sponsor. Inzwischen habe ich mich an die Soloauftritte gewöhnt, die den Vorteil haben, dass ich spontan auf das Publikum und auf mich selbst reagieren und etwa Strophen weglassen oder hinzufügen kann. Genau genommen sind meine Lieder ja auch solo entstanden.

Ich vermute, zuerst ist der Text da.

Wenn ich erst schreibe, dann schon. Aber ich spiele ja auch viel Klavier. Und da kann es vorkommen, dass eine Musik sich festsetzt, weil sie mich fesselt. Dann werde ich sehr vorsichtig, weil ich fürchte, dass falsche, grobe, zu laute Worte das Schöne daran beschädigen könnten. Das werden dann manchmal die besten Stücke.

In einem Song nehmen sie die Work-Life-Balance auf die Schippe. Erreichen Sie die jüngere Zielgruppe, auf die das Lied ja wohl gemünzt ist?

Na ja, vom Thema her schon. Aber dazu muss das Lied auch im Radio laufen, was ein Glücksfall wäre.

Auf Ihrer Homepage las ich, dass zu viel Resonanz des Publikums Ihnen verdächtig erschiene. Haben Sie Angst, zu populär zu werden?

Das Zitat stammt aus einer weit zurückliegenden Zeit, damals war ich so Mitte, Ende zwanzig und mit der Gruppe Trotz und Träume unterwegs. Wir gastierten auch zweimal in Stuttgart, im Theater der Altstadt. In der Phase war ich tatsächlich viel misstrauischer als heute. Ich dachte, wenn Leute, die auf Schlager und griffige Parolen abfahren, von mir etwas toll finden, dann stimmt was nicht. So war ich damals drauf. Ich war ein schüchterner, aber radikaler Mensch. Mit mir heute hat das wenig zu tun.

Sie sind Dylan-Fan. Sind Sie dem Meister schon mal begegnet?

Nein, das würde ich auch nicht wollen. Leonard Cohen habe ich mal hinter der Bühne besuchen dürfen, das ist unvergesslich. Cohen war ein den Anderen zugewandter, freundlicher Mensch. Ich glaube, Bob Dylan muss man anders beschreiben. Distanz tut gut.

Was fasziniert Sie an ihm?

Die Unberechenbarkeit. Die Weite des Blicks. Es ist ein bisschen wie bei Picasso oder bei Goethe. Solche Genies sind zu allem Möglichen fähig. Mich fasziniert der unglaubliche Spieltrieb dieses Menschen.

Zur Person

Germanist
Manfred Maurenbrecher wird 1950 in Berlin geboren. Germanistikstudium an der FU-Berlin, das er sich als Bus-Reiseleiter finanziert. Nach seiner Promotion wird er Mitgründer der Musikgruppe Trotz & Träume.

Dichter
Im Lauf seiner Musikerkarriere nimmt er mehr als 20 Solo-Platten auf. Zudem schreibt Maurenbrecher Texte für Spliff, Herman van Veen, Renan Demirkan, Veronika Fischer, Ulla Meinecke und Katja Ebstein. Manfred Maurenbrecher ist seit 1989 verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Berlin (in der Künstlerkolonie Wilmersdorf) wie auch in einem Dorf nahe der Oder.

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