Mangel an Sargträgern Vielerorts fehlt es an Begleitern auf dem letzten Weg

Wird es in Zukunft keine Sargträger mehr geben? Manche Aspekte deuten darauf hin – aber keineswegs alle. Foto: dpa/Federico Gambarini

Weil Erdbestattungen immer seltener werden, machen sich auch Sargträger rar. Wenn ihre Dienste dann doch gefragt sind, herrscht oftmals Personalmangel – auch im Kreis Esslingen. Es gibt aber Kommunen, die das Problem gelöst haben.

Die Not muss groß gewesen sein in Baltmanssweiler, sodass sich die Gemeinde im Jahr 2019 zu einem ungewöhnlichen Schritt entschloss: „Stellen Sie sich vor, es soll eine Beerdigung stattfinden und keiner ist da, der den Sarg trägt. So weit wollen wir es nicht kommen lassen.“ Mit diesen dramatischen Worten rief die Verwaltung via Smartphone-App dazu auf, sich für das ehrenvolle Amt des Sargträgers zu melden – traditionell eine Aufgabe für meist ältere Herren, die sich damit als kleinen Nebeneffekt einen sehr kleinen Nebenerwerb zur Rente sichern: grob gepeilt zwischen 25 und 80 Euro pro Bestattung, je nach Gemeinde. Auf stolze Summen kommt man damit nicht, zumal die Zahl der Erdbestattungen in den vergangenen Jahrzehnten drastisch abgenommen hat.

 

Früher die Regel, werden heute vor allem in Städten und Ballungsgebieten nur noch weniger als 20 Prozent der Verstorbenen im Sarg ins Grab gelegt. Die schwindende Nachfrage hat die paradoxe Folge, dass es immer weniger Sargträger gibt, es aber gerade deshalb an ihnen mangelt, wenn sie doch gebraucht werden. Und das werden sie wohl bis in alle Zukunft, denn es wird immer Menschen geben, die aus religiösen oder persönlichen Gründen auf einer Erdbestattung bestehen. Nur macht die sinkende Frequenz das Sargträger-Amt nicht attraktiver: Für weniger Einkommen wird mehr zeitliche Flexibilität gefordert.

Markus Maichle, der Vizepräsident des Bundesverbands deutscher Bestatter, möchte unter diesen Vorzeichen nicht von einem Mangel an Sargträgern sprechen. Eher sieht er sie als aussterbend an. Und „dass Familien, Vereine oder die Freiwillige Feuerwehr ihre Toten selbst zu Grabe tragen, wie dies früher in ländlichen Gegenden die Regel war, kommt auch dort heute nur noch selten vor“, sagt Maichle. Wenn es vorkommt, berge es ein ernst zu nehmendes Unfallrisiko: „Den Sarg mit einer 100-Kilo-Leiche ins Grab abzulassen ist keine leichte Aufgabe.“ Daher setzten viele Bestatter mittlerweile einen sogenannten Versenkungsapparat ein, während beim Trauerzug „die wichtige symbolische Geste des Sargtragens“ beibehalten werde. Die professionellen Träger seien versichert und oft bei Kommunen oder Bestattungsunternehmen als Minijobber angestellt, auch um den Nebenerwerb rechtlich und steuerlich auf eine sichere Basis zu stellen, sagt Maichle. Da viele kleinere Kommunen ihre Friedhöfe privatisiert hätten, bleibe die Organisation des Sargtragens letztlich an den Bestattern hängen.

Und genau darin liegt für Maichles Esslinger Kollegen Manuel Dorn das Problem: „Die meisten Kommunen scheuen den Aufwand und schanzen die Aufgabe den Bestattern zu, die von den Angehörigen beauftragt wurden“, erklärt er. Für die Unternehmen sei es schwierig, kurzfristig vier Mitarbeiter zum Sargtragen abzustellen. Kleinere Bestatter kämen dabei schnell an ihre Grenzen, aber auch die größeren hätten oftmals Personalprobleme, wenn sich Termine überschneiden oder eine Beisetzung auswärts stattfindet: „Dann muss man sich mit Bestattern vor Ort absprechen, was die Sache überaus kompliziert macht.“

Lob für Aichwald und Esslingen

Doch bei aller Kritik zollt Dorn einigen Kommunen ausdrückliches Lob, an erster Stelle Aichwald. Dort nimmt sich die Verwaltung des Sargträgerwesens an und hat eine stattliche Truppe von zehn bis zwölf Minijobbern parat. Sogar eine Frau ist darunter, auch Männer jüngerer Jahrgänge, insgesamt gebe es freilich „eine leichte Dominanz von Rentnern, weil Beerdigungen nun mal während der üblichen Arbeitszeiten stattfinden“, sagt Ansgar Voorwold, der Leiter des auch für die Friedhöfe zuständigen Bau- und Umweltamtes. Die Gemeinde zahlt den Sargträgern und der Sargträgerin ein Entgelt und stellt ihnen Uniformen. Eingelernt werden sie von dem fest angestellten Friedhofsordner der Gemeinde, erklärt Voorwold. Ihm ist sowohl die korrekte Einübung als auch die korrekte Erscheinung der Träger-Crew ein Anliegen, denn: „Wir in Aichwald halten dieses Amt für sehr wichtig.“

Nicht nur für die Menschen auf dem Schurwald dürfte ein würdevoller letzter Weg einen hohen Stellenwert haben. Auch in Esslingen ist dafür, wie in den meisten größeren Städten, von kommunaler Seite gesorgt, auch hier findet Bestatter Dorn lobende Worte: „Das sind ebenso verlässliche Lösungen wie in Aichwald.“ Die Lösungen bestehen schlichtweg darin, dass „die Aufgabe der Sargträger durch städtische Mitarbeitende übernommen wird“, wie der Stadtsprecher Marcel Meier für Esslingen sagt. Ehrenamtliche Sargträger braucht es nicht mehr.

Kein Personalmangel mehr in Baltmannsweiler

In kleineren Kommunen indes – siehe Baltmannsweiler – sind sie nach wie vor dringend gesucht. Wobei Baltmannsweiler selbst in den vergangenen vier Jahren das Problem offenbar gelöst hat: „Derzeit gibt es keinen Personalmangel“, teilt der stellvertretende Hauptamtsleiter Sebastian Bauer dazu mit. „Wir haben einen festen Kern von vier Personen, die ehrenamtlich tätig werden und eine Aufwandsentschädigung erhalten.“ Eine aussterbende Spezies? Totgesagte leben länger. Zumindest auf dem Schurwald.

Wege für die letzte Reise

Rechtslage
 In Deutschland sind nur Erdbestattung und Feuerbestattung zulässig. Und es herrscht Friedhofspflicht. Das heißt: Sterbliche Überreste dürfen beispielsweise nicht in Privatgärten oder der freien Landschaft beigesetzt werden.

Erdbestattung
 Im Christentum, Judentum und Islam ist die Erdbestattung traditionell vorgeschrieben. Die Kirchen haben ihre Position mittlerweile gelockert. Die einst dominierende Beisetzungsform ist stark auf dem Rückzug: Deutschlandweit werden noch rund 25 Prozent der Verstorbenen erdbestattet, im Kreis Esslingen unter 30 Prozent – mit weiter abnehmender Tendenz.

Feuerbestattung
 Entsprechend nimmt die Zahl der Feuerbestattungen zu.

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