Mann aus Leinfelden-Echterdingen Er ist HIV-positiv und trotzdem positiv

Torsten Krischke mit seiner Foxi: Die Spitz-Dame ist für ihn ein Lebenselixir, sagt der Mann aus Oberaichen. Foto: Caroline Holowiecki

Drei Herzinfarkte, ein Unfall, der ihn zum Frührentner machte, und dann der Schock: HIV. Der 49-jährige Torsten Krischke aus Leinfelden-Echterdingen bietet dem Schicksal täglich die Stirn. Ein Gespräch mit einem Löwen, der nicht aufgibt.

Oberaichen - Wer, wann und wo es war? Torsten Krischke weiß es nicht. Der Mann mit dem grau melierten Haar, dem weißen gepflegten Bart und dem Holzfällerhemd kommt bei anderen Männern an. Und er hat es in der Vergangenheit krachen lassen. „Ich war ein schlimmer Finger“, sagt er unumwunden. Eine seiner Bekanntschaften hat ihn mit HIV infiziert. Erfahren hat Torsten Krischke das erst Jahre später. Im Krankenhaus, als er 2015 seinen zweiten von mittlerweile drei Herzinfarkten hatte. HIV, ich? „Das war Universen von mir weg“, sagt er.

 

Er ist Frührentner – mit 49 Jahren

Man sagt, jeder habe sein Päckchen zu tragen. Torsten Krischke zieht einen ganzen Paketwagen. Zu den drei Herzinfarkten, die sich auf das Virus zurückführen lassen, hatte er 2016 einen schweren Unfall. Ein Lastwagen rauschte auf der Autobahn in seinen Wagen. Hirnblutung. Seinen Job als Abteilungsleiter in einem Elektromarkt musste er aufgeben. Der 49-Jährige ist Frührentner. Neben Koordinationsschwierigkeiten plagen ihn Gedächtnislücken. Überall in der Wohnung in Oberaichen erinnern ihn Zettel daran, dieses und jenes zu tun. Alexa, die virtuelle Assistentin, mahnt zur richtigen Tageszeit, die Medikamente zu nehmen. Nach dem Unfall habe er das allzu oft vergessen, das HI-Virus habe in der Zeit seinen Verdauungstrakt stark angegriffen. Torsten Krischke ist schlank, hat eingefallene Wangen, aber „in meiner schlimmsten Zeit hatte ich 45 Kilo“.

Heute sei er durch Medikamente gut eingestellt. Die Zahl der HI-Viren im Blut liege momentan unter der Nachweisgrenze, somit gelte er als nicht infektiös. Dennoch sagt er: „Es ist so, dass Krankheiten mein Leben bestimmen.“ Physio- und Ergotherapie, Termine beim Neuropsychologen takten die Tage. Bei der Narrenzunft in Plattenhardt, wo er einst Hästräger und Schriftführer war, ist er nur noch passives Mitglied. Früher habe er auf Tischen getanzt, heute ermüde er schnell. Abwechslung bringt Foxi, die kleine Spitz-Dame mit dem großen Selbstbewusstsein. Torsten Krischke spricht von seinem Lebenselixier. „Wenn ich die nicht hätte, wüsste ich nicht, was wäre.“

Immer mehr Menschen lassen sich auf HIV testen

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts waren Ende 2018 knapp 88 000 Menschen in Deutschland HIV-positiv – darunter mehr als 70 000 Männer –, etwa 10 600 davon, ohne es zu wissen. Die Experten gehen zudem davon aus, dass 2018 440 Menschen am Virus gestorben sind und sich 2400 bundesweit neu infiziert haben. Tatsächlich ist die Zahl der Neuinfektionen rückläufig, sagt Franz Kibler, der Geschäftsführer der Aids-Hilfe Stuttgart. Er führt das zum einen darauf zurück, dass sich mehr Menschen testen lassen, zum anderen auf gute Medikamente, die Infektionen vorbeugen. Dennoch sei eine Ansteckung heute immer noch ein Stigma. Torsten Krischke hat Glück. Er werde nicht diskriminiert. Einmal nur habe ihm eine Krankenschwester eine Behandlung verweigern wollen und sich dann zwei Handschuhpaare übereinander angezogen.

Torsten Krischke will ein Leben ohne Scham, ohne Geheimnisse führen. Im Alter von 20 hat er sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt, selbst wenn ihn das seinen Freundeskreis gekostet habe. Am Welt-Aids-Tag 2017 hat er sich abermals Luft gemacht und sich als HIV-Infizierter geoutet. In sozialen Netzwerken veröffentlichte er ein langes Statement, „vielleicht helfe ich damit dem einen oder anderen, den Mut aufzubringen, sich testen zu lassen oder es mir gleichzutun und es einfach endlich zu sagen, damit die Last von einem fällt“, schrieb er. Rückblickend sagt er: „Ich dachte mir, entweder sie bleiben, oder sie gehen.“ Kein Einziger sei von ihm abgerückt. „Meine Mutter fragte: Musst du jetzt sterben? Ich sagte nein. Dann war das Thema erledigt.“

HIV-positiv bedeutet nicht gleich Aids

Wird HIV nicht behandelt, ist das Immunsystem irgendwann derart geschwächt, dass lebensgefährliche Erkrankungen auftreten; erst dann spricht man von Aids. Durch moderne Therapien jedoch kommt heute eine Infektion keinesfalls mehr einem Todesurteil gleich. Mit den richtigen Medikamenten kann man mit HIV lange und gut leben und Aids verhindern.

Es gibt dunkle Tage, da überwiegen die Fragen. „Wieso ich? Wieso so vieles?“ Antworten erhält er nicht, aber Hilfe von einer Psychologin. Und dann zieht er sich am eigenen Kragen wieder aus dem Sumpf. „Ich bin ein lebensfroher Mensch“, sagt Torsten Krischke. Er engagiert sich für die Aids-Hilfe, klärt an Informationsständen oder beim Christopher-Street-Day auf.

Und er hat Träume. Er will sich zum Beispiel wieder verlieben und an den Bodensee reisen. Er will mehr basteln, sagt er und zeigt filigrane Holz- und Flechtarbeiten. Torsten Krischke nestelt an seinem Hemd, holt einen Löwenkopf an einer Silberkette hervor. Dasselbe Motiv habe er sich auf den Arm tätowieren lassen. „Weil ich ein Löwe bin“, sagt er. Nicht aufgeben, das sei sein Motto. „Ein Löwe gibt auch nie auf.“

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