Mannheim: Ensor-Schau Deutsche erklärten Ensor für verrückt
Er hatte nicht das beste Bild vom Menschen: James Ensor malte sie als Fratzen und Skelette. Das hatte einen profanen Grund, wie die Kunsthalle Mannheim nun verrät.
Er hatte nicht das beste Bild vom Menschen: James Ensor malte sie als Fratzen und Skelette. Das hatte einen profanen Grund, wie die Kunsthalle Mannheim nun verrät.
Mannheim - Man kann sich schon fragen, was für ein Charakter hinter einem Menschen steckt, der immer nur Masken, Fratzen und Totenschädel malt. Der Künstler James Ensor ist in die Kunstgeschichte eingegangen als einer, der die Menschen nicht im besten Licht sah – hinterhältig und hässlich. Wenn Ensor das Leben malte, winkte der Tod doch immer schon mit seiner Sense, und vieles schien die Ausgeburt einer wahnhaften Fantasie zu sein.
Man kennt James Ensor, in den Schulbüchern ist ihm ein Absätzchen gewidmet als belgischer Einzelgänger, der doch großen Einfluss auf den Expressionismus hatte. In den Museen hängen meist ein, zwei Werke von ihm – das war es aber auch schon. Die Kunsthalle Mannheim widmet Ensor nun eine große Einzelausstellung, bei der man schnell feststellt: Dieser 1860 geborene Belgier war weder verrückt noch todessüchtig, sondern eher ein Kauz mit viel Sinn für Humor. Zumindest sieht man ihn auf einer Fotografie, wie er auf dem Schornstein hockt und Flöte spielt.
Die Kuratorin Inge Herold hat eine umfassende, aber kurzweilige Ausstellung zusammengestellt, die einen schönen Einblick gibt in das vielseitige Werk, die aber auch diesen durchaus schrulligen Kerl plastisch macht, der Ensor zweifellos war. Zum Künstlermythos gehört es, in die Metropolen dieser Welt zu ziehen – Paris, London, Berlin. Ensor dagegen studierte ein paar Semester Kunst in Brüssel, um doch schnell wieder nach Ostende zurückzukehren zu den Eltern.
Er habe sich „heiteren Sinnes in seine Einsamkeit verbannt“, meinte er – und war dann doch beleidigt und gekränkt, dass die Welt ihn nicht sofort so wahrnahm und würdigte, wie er es für angemessen hielt. Ensor kultivierte ein Selbstbild als unverstandener Heilsbringer, weshalb er sich auch gern als Jesus dargestellt hat – und auf einer Kreuzigungsszene auf dem Kalvarienberg auf das Kreuz nicht INRI schrieb, sondern Ensor.
Der Erfolg stellte sich aber sehr wohl ein. Seine Werke wurden ausgestellt, er selbst wurde mit Orden behängt. Eine der ersten großen Ensor-Ausstellungen in Deutschland fand 1928 in Mannheim statt. Berühmt wurde Ensor vor allem mit seinen Masken-Bildern. Da umringen geifernde Weiber Gevatter Tod. Selbst wenn Ensor auch viele Stillleben gemalt hat oder sich als malendes Skelett zeigte, ging es ihm keineswegs nur um die Vergänglichkeit. Sein eigentliches Thema war die wurmstichige Gegenwart, die Scheinheiligkeit der Menschen, die viele Gesichter haben – und Masken tragen.
Wegen seiner grotesken und traumartigen Szenerien galt Ensor lange als psychisch krank. Gerade deutsche Kunsthistoriker stellten den Belgier gern als wahnsinnig und schizophren dar. Die Masken entsprangen aber keineswegs einer kranken Fantasie, sondern hatten einen absolut profanen Hintergrund: Ensors Eltern betrieben in Ostende einen Souvenirladen, in dem sie Masken für den Karneval verkauften.
Die Ausstellung zeigt auch viele Grafiken und Zeichnungen – oft winzige wie witzige Blätter, bei denen man „Schlittschuhläufer“ (1889) sieht, von denen, pardauz, gleich mehrere der Länge nach hingesegelt sind. Hier ein „Pisseur“ (1887), der auf einer Radierung an die Hauswand pinkelt. Dort das Strandbad Ostende, das schon 1899 eine Massenveranstaltung war, bei der man nicht mehr ausmachen kann, wo Wasser, wo Strand ist, es ist nur rappelvoll, überall Menschen, dicke Bäuche und Sonnenschirme.
Dann wieder entdeckt man James Ensor selbst in einer Art Selbstporträt, auf dem er sich als Insekt dargestellt hat. Er hatte Witz, aber wohl einen eher beißenden und zynischen Humor. So richtig sympathisch scheint der bärtige Mann, den man in einem Film durch Ostende spazieren sehen kann, nicht gewesen zu sein. Die Ausstellung aber zeigt eine interessante Künstlerpersönlichkeit, die ein bemerkenswert eigenständiges Werk hinterlassen hat. Ensor hatte zwar Kontakt zur aktuellen Kunstszene, er hing aber nie Stilen und Moden an. Deshalb gab er seinen Farben auch ganz eigene Namen: „rötlicher Makaken-Arsch“, „Blutwurstsaft“, „Papst-Pantoffel“ oder „theatralisches Gelb“. Und, eitel, wie er war, gab es selbstverständlich auch ein „Ensor-Azur“.
James Ensor: Kunsthalle Mannheim bis 3. Oktober, Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr
Der Kaiser als Aas
Pech
Eines der berühmtesten Gemälde Ensors ist „Der Tod und die Masken“ (1897). Die Kunsthalle Mannheim war eines ersten deutschen Museen, das den belgischen Maler entdeckte und das Bild 1927 ankaufte. Lang blieb es nicht dort, 1937 wurde es von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und verkauft. Nach mehr als achtzig Jahren ist es nun nach Mannheim zurückgekehrt – als Leihgabe des Musée des Beaux-Arts Lüttich.
Verhaftet
Ensors Vater endete als Säufer, seine Mutter, eine Flämin, betrieb in Ostende einen kleinen Laden. Ensor ging mit 15 Jahren, und auch das Kunststudium in Brüssel beendete er bald wieder. Er lebte lange mit der Schwester im Elternhaus und hatte eine langjährige Beziehung zu Augusta Bogaerts, die er auch mehrfach porträtierte. Ensor blieb zeitlebens in Ostende, auch während des Ersten Weltkriegs, wobei er kurzzeitig von den Deutschen inhaftiert wurde, weil er Kaiser Wilhelm II. in einer Karikatur als Aasgeier dargestellt hatte.
Irrtum
1942 vermeldete eine Zeitung den Tod von James Ensor – versehentlich. Der Maler starb erst sieben Jahre später, 1949, im stattlichen Alter von 89 Jahren in Ostende.