Mannheim will „Blue City“ werden Mannheim will die Elektromobilität voranbringen

Das Benjamin-Franklin-Village in Mannheim soll künftig ein  Stadtteil werden, der allen Bewohnern die Nutzung von Elektromobilität ermöglicht. Foto: Fotoagentur KUNZ
Das Benjamin-Franklin-Village in Mannheim soll künftig ein Stadtteil werden, der allen Bewohnern die Nutzung von Elektromobilität ermöglicht. Foto: Fotoagentur KUNZ

Nach dem Abzug der US-Truppen plant Mannheim auf der frei werdenden Flächen die Stadt der Zukunft. Als „Blue City“ will sie Impulse zur Energiewende geben. Doch Wirtschaft und Politik reagieren verhalten.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Mannheim - Noch fahren tagtäglich unzählige dieselbetriebene große und kleine Lastwagen in die Mannheimer City und in die vielen Gewerbegebiete der Stadt; sie liefern Material für Industriebetriebe, Nachschub für Möbelhäuser, Pakete für Privathaushalte – und produzieren dabei Lärm und Abgase. Das müsste nicht sein, findet Konrad Hummel, der Konversionsbeauftragte der Stadt Mannheim „Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht“, sagt er. Die Voraussetzungen dafür bieten gut 500 Hektar Fläche, die mit dem Abzug der US-Truppen gerade frei werden.

Einen großen Teil des Areals möchte die Stadt nutzen, um technologische und ökologische Entwicklungen voranzubringen; beispielsweise durch mehr Elektromobilität, den Aufbau intelligenter Stromnetze in Wohnquartieren, die Ansiedlung neuer Technologiefirmen oder mit einem neuen Gewerbegebiet, das zugleich Lade- und Umladestation für Lieferanten sein soll, die die Innenstadt mit Elektrofahrzeugen ansteuern wollen. „Wir wollen einen Impuls geben für die Energiewende“, erklärt Hummel. „Wir wollen damit die Stadt als Ganzes beeinflussen, die Konversionsflächen sollen einen Einstieg dafür bieten“, erläutert er. Das neue Zauberwort heißt „Blue City“ – blaue Stadt. Die Farbe steht im Marketing seit einiger Zeit für ökologische und technologische Innovationen, für saubere Technik, sauberen Strom. „Wir haben den Begriff nicht erfunden“, sagt Hummel. „Aber wir brauchen ihn als Marke“.

Drei Projekte sind bereits angelaufen

Es soll auch nicht gleich die ganze Stadt blau werden. Drei Projekte sind es vor allem, die bereits angelaufen sind: Seit März nutzt die Firma Bombardier einen Teil der Flächen der ehemaligen Taylor-Kaserne zur Erforschung und Erprobung für die kabellose Ladung von Elektrobussen und Lastwagen. Im kommenden Jahr soll eine erste reguläre Buslinie der Stadt elektrisch betrieben werden.

Ein weitaus größeres und komplexeres Vorhaben ist der Umbau der bisherigen US-Wohnsiedlung Benjamin Franklin zur „Blue Village“. „Hier sollen die Planungen Voraussetzungen schaffen, die allen künftigen Bewohnern, die Möglichkeit gibt, Elektromobilität zu nutzen - ob mit dem Bus, mit dem Privatauto oder dem Fahrrad“, erläutert Hummel. „Der Idealfall wäre, wenn man an jeder Ecke sein Fahrzeug laden könnte – und zwar mit Strom aus ökologischen Quellen“. Zudem sollen in dem neuen Stadtteil intelligente Netze, die sogenannten „Smart grids“ zum Einsatz kommen, die steuernd eingreifen können, um etwaige Spitzen im Verbrauch auszubalancieren.

Analog dazu soll das Taylor- Gelände zum „blauen“ Gewerbegebiet werden. Hier haben nach Angaben von Hummel bereits einige Unternehmen, darunter der Paketzusteller DHL, Interesse an Flächen signalisiert, auf denen die Möglichkeit geschaffen werden soll, Strom zu laden und Lieferungen für die Stadt von konventionellen auf Elektrofahrzeuge umzuladen.

Der Beauftragte beklagt das zähe Vorankommen

In vielen anderen Bereichen geht es allerdings längst nicht so voran, wie man das in Mannheim erwartet hat. „Wir bieten hier eine Infrastruktur für neue Entwicklung. Wir dachten, da sagen alle: Super!“, erklärt er. „Aber es ist zäh. Wir verhandeln noch über sehr kleine Brötchen“, gesteht er. „Der Elektrobus den wir testen, kommt aus der Schweiz. Ich bedauere es sehr, dass Daimler nicht als starker Partner einsteigt. Auch für Taxis gibt es hier kein Angebot“, berichtet er.

„Wenn wir sie in ein bis zwei Jahren bekommen, dann von Renault oder Nissan“, prophezeit der Konversionsbeauftragte.

„Wir brauchen weitere Partner, wir senden einen Hilferuf an die Hersteller. Es fehlen nicht nur Taxis und Kleintransporter, wir brauchen auch eine bessere Steuerung- und Messtechnik beim Laden oder eine bessere Software zum Abrechnen. Vieles ist schon da – aber noch nicht als Massenprodukt oder noch zu teuer“, stellt Hummel fest.

Auch von der Stuttgarter Landesregierung, „die so auf Innovationen setzt“, erwartet Mannheim noch mehr Unterstützung. Der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat zwar jüngst bei einem Besuch das Bombardier-Projekt „als interessante Perspektive“ gelobt und sich überrascht gezeigt, wie weit die Technologie schon ist. Insgesamt aber sei er ernüchtert, gesteht Hummel. „Ich stelle zwar eine große Neugier fest, wir stoßen nicht auf Ablehnung, eher auf Ratlosigkeit - und alle zögern, angefangen bei Finanzminister Nils Schmidt (SPD)“, bilanziert er. „Wenn wir hier das Thema nicht anpacken, wer dann?“, meint Hummel.

Unsere Empfehlung für Sie