Manöver in Taiwan Krieg mit China wird zur realen Gefahr
Taiwan plant seine bisher größte Militärübung. Der Inselstaat sieht eine Invasion durch China als immer wahrscheinlicher an und analysiert auch andere Kriege.
Taiwan plant seine bisher größte Militärübung. Der Inselstaat sieht eine Invasion durch China als immer wahrscheinlicher an und analysiert auch andere Kriege.
Diesmal ist auch die zivile Welt eingebunden: Eine Supermarktkette probt, wie sie im Fall eines Angriffs auf Taiwan humanitäre Hilfsgüter verteilen würde. Die Bevölkerung soll außerdem lernen, sich bei Luftangriffen in Sicherheit zu bringen. All dies wird geschehen, während das Militär mit erstmals 22 000 Reservisten die Verteidigung der Insel übt, unter anderem mit Abwehrsystemen gegen Angriffe aus der Luft, von der See und auf dem Boden. Taiwan stellt sich auf den Ernstfall ein.
Ab Mittwoch, 9. Juli, herrscht auf dem Inselstaat, der nur 120 Kilometer vom chinesischen Festland entfernt ist, ein simulierter Ausnahmezustand. Solche Militärübungen werden zwar jährlich abgehalten, diesmal sind sie aber größer als je zuvor: Mehr Personal, mehr Gerät, stärkere Einbindung von Zivilisten, längere Dauer. Ganze zehn Tage und neun Nächte werden die Han Kuang-Übungen dieses Jahr dauern – doppelt so lang wie bei bisherigen Manövern.
Warum das alles? Das Risiko, dass der von Peking aus regierte Ein-Parteienstaat – offiziell Volksrepublik China genannt – in naher Zukunft die demokratisch regierte Insel Taiwan – offizieller Name: Republik China – angreift, sei zuletzt weiter gestiegen, heißt es. Wie man sich in so einem Fall zu verhalten hat, soll nun auch dadurch gelernt werden, dass Offizielle aus Taiwan Wissen anwenden, das sie jüngst aus der Beobachtung weiterer Konflikte gewonnen haben, die sich derzeit anderswo in der Welt abspielen.
Durch die Analyse der Kriege in der Ukraine sowie im Nahen Osten will Taiwans Militär die Überlebenschancen in einem Abnutzungskrieg testen, zu dem ein Angriff durch China wohl führen würde. Sollte ein Krieg ausbrechen, so die Prognose, würde er lange Zeit andauern. Gerade deshalb sei es von zentraler Bedeutung, erklärten zuletzt Offizielle des Militärs gegenüber der taiwanischen Nachrichtenagentur CNA, dass der zivile und der militärische Sektor eng kooperieren.
Seit Jahren nehmen jedenfalls Häufigkeit und Lautstärke der Drohungen aus Peking zu, man werde sich Taiwan notfalls per Invasion einverleiben. Dieser Konflikt, häufig Taiwan-Konflikt genannt, reicht bis ins Jahr 1949 zurück, also in die Zeit des chinesischen Bürgerkriegs. Die unterlegenen Nationalisten setzten sich damals vom Festland auf die Insel Taiwan ab, um dort den Kampf um eine Republik China fortzuführen. Auf dem Festland bildeten die Kommunisten die Volksrepublik China.
Beide Staaten beanspruchen für sich nicht nur, das wahre, sondern auch das einzige China zu sein. Während man sich in Taiwan allmählich vom Anspruch einer Rückeroberung verabschiedet hat, erhebt das von Peking aus regierte Festlandchina weiter Anspruch auf Taiwan. Gerade in den vergangenen Jahren, als das Wirtschaftswachstum nachließ, hat sich die Konzentration Pekings auf territoriale Expansion verstärkt. Mit einer Kontrolle Taiwans hätte man auch einen besseren Zugang zum Pazifischen Ozean.
Da dies insbesondere die USA und Japan – die im Pazifikraum ihren Einfluss bewahren wollen – zu vermeiden versuchen, hat wiederum deren Unterstützung Taiwans zugenommen. Die USA liefern schon lange Militärgerät auf die Insel. Aber auch in Japan wird betont, dass Taiwan bei der eigenen Sicherheitsstrategie eine zentrale Rolle spiele. So sagt Narushige Michishita, einst Offizier bei Japans Selbstverteidigungskräften und heute Professor am Tokioter Graduate Institute for Policy Studies: „Wenn sich der US-Präsident verpflichtet fühlt, Taiwan zu verteidigen, dann tun wir dies auch.“
Ohnehin ist die Gefahr eines Kriegs mit China längst auch in die Populärkultur eingedrungen. Ein Comic mit dem Titel „Der Westpazifische Krieg“ ist in Taiwan sehr weit verbreitet. Die Hauptcharaktere erinnern auffallend deutlich an reale Personen wie Donald Trump oder Chinas Präsident Xi Jinping.
Trump ist für die Regierung in Taipeh ohnehin ein großer Unbekannter. Die in diesem Jahr ausgeweiteten Militärübungen Taiwans erklären sich nicht zuletzt dadurch, dass man auch in Taipeh nicht sicher ist, wie sich Donald Trump im Fall eines chinesischen Angriffs verhalten würde. Der US-Präsident hat auf mehreren Feldern die bisherige Linie der US-Außenpolitik verlassen. Auf dem von Taiwans diplomatischer Vertretung in Deutschland mitveranstalteten Deutsch-Taiwanischen Symposium in Berlin betonte Angela Stanzel von der Stiftung Wissenschaft und Politik kürzlich, niemand wisse genau, was Donald Trump denke. Aus Vorsicht heraus rüstet Taiwan deshalb weiter auf.
Solche Kriegs-Simulationen finden allerdings nicht nur auf der Insel statt. Bereits im April simulierte die chinesische Armee im zentralen und südlichen Teil der Taiwanstraße präzise Angriffe auf wichtige Ziele Taiwans sowie Blockaden der Meeresenge. Shi Yi, Oberst des chinesischen Ostkommandos, erklärte in einer Mitteilung: „Die Übungen konzentrieren sich auf Identifizierung, Überprüfung, Warnung und Vertreibung sowie auf das Abfangen und Festhalten.“
In den Ohren der Bewohner Taiwans klang hörte es sich an wie die Planung der ersten Stufe einer Invasion.