Herr Schretzmeier, Herr Hassler, 1968 wird als Jahr des Aufbruchs gefeiert. Wie gelangte dieser Aufbruch in die schwäbische Provinz, nach Schorndorf?
Schretzmeier Auch auf dem Land gab es schon ein paar Leute, die andere Ideen im Kopf hatten. Mit der Kabarettgruppe Die Widerständler sind wir in viele Studentenstädte gekommen, nach Freiburg, Ulm, Karlsruhe und so weiter. Das ganze Denken, das sich breitmachte, hat man mitbekommen. Im Laufe der Jahre hat man dann gesagt: Warum können wir das nicht auch in Schorndorf machen?
Der Club Alpha 60 in Schwäbisch Hall hat einem außerdem gezeigt, wie es ist, wenn die Jungen einen Raum haben, wo du die Türe aufmachst, du gehst rein und alles ist anders.
Hassler Die Manufaktur stand stellvertretend für die Aufbruchstimmung in der ganzen Bundesrepublik. Man wollte seine Freiräume finden und verteidigen. Das war nicht nur in München, Hamburg oder Westberlin so, sondern überall.
Schretzmeier Beim Erinnern an 1968 wird oft ausgeblendet, dass es nicht nur die Kommune I gab. Das Lebensgefühl war auch auf dem Land da, die Leute hatten Lust, sich zu verändern – auch physiognomisch. Man war sogar bereit, sich Spott und auch Gewalt auszusetzen. Wenn du mit so einer Matte durch Welzheim gelaufen bist, vielleicht noch ein paar Mädels dabei, bist du schon beobachtet worden. Und dann warst du ein Stück weit stigmatisiert.
Was war denn die Schorndorfer Entsprechung zur Kommune I?
Schretzmeier Es gab ja zum Beispiel den Sandwurm, das war eine berühmte WG in Schorndorf. Dort waren auch mal Udo Lindenberg, Rudi Dutschke oder Günter Wallraff, wenn es, sagen wir, nach 1 Uhr war. Im Sandwurm haben so fünf, sechs Leute gewohnt, aber es gab Platz für viel mehr. Und die Bewohner waren natürlich alle auch in der Manufaktur aktiv.
Die Manufaktur war für ihr Programm bald weit über Schorndorf hinaus bekannt. Wie kam es dazu?
Schretzmeier Es gab da keinen Masterplan, sondern man ist zusammengesessen und hat darüber geredet. Jeden Montag haben wir uns getroffen. Das waren große Runden und das ging von 20 Uhr abends bis 2 Uhr morgens. Wer nach sechs Stunden noch durchgehalten hat, konnte dann seine Programmpunkte platzieren – sogar Irish Folk, was dann übrigens ein Riesenerfolg wurde. So entstand die Vielfalt. Weil jeder mit seinen Punkten vorkommen konnte, hat der Haufen auch zusammengehalten.
Wie kamen Black Sabbath ins Remstal?
Schretzmeier Anfang 1969 habe ich den ersten Musikfilm gemacht mit der britischen Band Locomotive. Mein Kumpel Ole hat sich mit den Musikern angefreundet und ist wenig später zu denen nach Birmingham gebuckelt. Dort hat er Black Sabbath kennengelernt. Als die Band in Zürich war und merkte, dass sie nicht genug verdient hat, um den Sprit für die Rückreise zu bezahlen, hat sie Ole angerufen. Wir haben dann eine kleine Tour gebucht, neben Schorndorf waren sie in Schwäbisch Hall und Göppingen.
Kurz darauf wurde die Band weltweit bekannt – ein echter Erfolg für die Manufaktur. Das läuft aber nicht immer so, und an manchen Abenden kommen nur wenige Besucher. Kann man sich vom Quotenanspruch als Programmmacher komplett lösen?
Hassler Man muss die Gassenhauer haben, aber auch in die andere Richtung aktiv werden. Außerdem: Wenn nur zehn Besucher kommen, die aber wegen des Konzerts noch Tage später ein paar Zentimeter über dem Boden schweben, dann hast du als Veranstalter gewonnen.
Schretzmeier Wir lieben diesen Risikobereich. Warum? Weil er im Grunde genommen einen sehr vital behält, man muss offen und neugierig sein. Und ein bisschen ehrgeizig muss man auch sein. Du willst ja nicht, dass nur fünf Leute kommen.
Hassler Ich kenne diese Unterstellung nur von Journalisten. Völliger Unsinn, wir wollen den Saal immer voll haben.
Schretzmeier Der Mensch neigt ja zum Verklären, auch wenn damals nicht alles immer toll war. Aber ich sage ganz bestimmt: Was wir in der Manufaktur gemacht haben, war nachhaltig im besten Sinne. Schorndorf hätte ein ganz anderes Gemeinwesen, wenn es die Manufaktur nicht gäbe. Das strahlt einfach aus, und das macht was mit den Menschen.
Die Manufaktur ist längst nicht mehr nur eine Einrichtung von Schorndorfern für Schorndorfer.
Schretzmeier Die Eltern in der Region Stuttgart haben schon bald sagen müssen: Ja, meine Kinder gehen sonntags nach Schorndorf zu den Konzerten. Die sind fast verzweifelt, aber es war halt so, das war ihr Platz. Irgendwann konnte man einen nicht mehr aufhalten. Dann ist man an der B 29 gestanden mit dem Anhalterdaumen. Bei den Konzerten – Reinhard Mey, Hannes Wader, City Preachers – waren 200 Leute im Raum. Jeder hat einen auf die Schulter genommen. Das war fantastisch.
Hassler Wir wissen aus Umfragen unter unseren Gästen, dass das Publikum von überall herkommt – vom Land, also Aalen und Schwäbisch Gmünd, aus Stuttgart und natürlich auch aus Schorndorf. Unsere Werbung machen wir selbstverständlich auch in Stuttgart, wir zählen uns sogar ein bisschen zu Stuttgart. Unsere Besucher haben alle eines gemeinsam: Sie sind offen und wollen was Neues erleben.
Die Manufaktur wird schon sehr lange mit öffentlichen Geldern subventioniert. Wie passt das mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit zusammen?
Schretzmeier Wir haben völlig unabhängig angefangen. Aber das Geld hat oft nicht gereicht. Ich habe als Industriekaufmann gearbeitet und konnte öfters was dazulegen. Oder da war Peter Friz, der hatte eine kleine Firma. Der kam gerne, der fand toll, was wir gemacht haben. Und wenn ein Künstler 400 Mark gekostet hat, wir aber nur 200 Mark eingenommen haben, dann hat er den Rest hingelegt. Das mit den Subventionen kam so: Wir waren ein Verein und hatten folglich regelmäßig Mitgliederversammlungen. Da kam dann auch mal ein Stadtrat. Und da kam die Frage, warum der Kleintierzüchterverein tausend Mark im Jahr bekommt und wir nicht. Und so hast du die Diskussion, die du vielleicht gar nicht selbst angestoßen hast. Und es hat sich auch schnell herausgestellt, dass man kommunale Aufgaben übernommen hat.
Hassler Es gibt in Schorndorf kein Kulturamt, da wird viel delegiert an uns und an das Kulturforum. Wir haben hier im Haus zum Beispiel ein Programmkino. Das ist eigentlich eine kommunale Aufgabe. Deswegen müssen wir nicht groß begründen, warum wir einen Zuschuss von der Stadt kriegen. Heimlich ist man in Schorndorf auch stolz, die Manufaktur zu haben. Es gibt ja diese Tourplakate, wo vier Stationen draufstehen: Berlin, Hamburg, Köln, Schorndorf.
Wie kriegen Sie das hin? Das große Stuttgart ist ja nicht weit.
Hassler Das ist ein ganz langes Dranbleiben, ein ganz langes Dabeisein, ein Sich-immer-wieder-Interessieren. Wenn du früher nachfragst als andere, dann sagt die amerikanische Agentur ihrem europäischen Agenten, dass da jemand aus Schorndorf angefragt hat. Und irgendwann merken sie, da fragt immer jemand aus der gleichen kleinen Stadt.
Schretzmeier Du brauchst einen musikalischen Trüffelsucher. Weil da ist dieser Ehrgeiz, ein Alleinstellungsmerkmal zu haben. Das treibt uns an. Und beim Werner ist es so, dass er da eine Begabung entwickelt hat, die die Manufaktur über die Jahre zu einem Ereignis macht.
Auch das Land schießt Geld zu.
Hassler Es gibt das Versprechen, dass die Landesregierung auf jeden Euro, den wir von der Stadt bekommen, 50 Cent aufschlägt. Auf dem Papier gibt es diese Regelung schon lange, umgesetzt hat es erst Grün-Rot. Seitdem leben wir einigermaßen in trockeneren Tüchern. Leider schraubt Grün-Schwarz schon wieder dran rum.
Die Manufaktur ist jetzt genauso alt wie Sie, Herr Hassler. Auch die anderen Ehrenamtlichen sind oft nicht jünger. Wie lange kann man glaubhaft popmusikalischen Trends hinterherspüren?
Hassler Ich habe da eine sehr amerikanische Einstellung. So einen Job wie meinen macht man, bis man mit den Füßen vorwärts rausgeschoben wird. Ich bin neugierig bis zum Schluss. Und wir haben einen sehr lebhaften Verein. Es ist, das will ich betonen, keine One-Man-Show. Man darf trotzdem nicht verschweigen, dass die soziokulturellen Zentren ein bisschen ein Nachwuchsproblem haben. Wir haben gerade immerhin einen 18-Jährigen in unserem Beirat, was leider die Ausnahme ist. Aber wir sind offen, und ich kann die Gelegenheit auch nutzen zu sagen: Leute, beteiligt euch, mischt euch ein!
Wie beurteilen Sie die Entwicklung Ihres „Babys“, Herr Schretzmeier?
Schretzmeier Die Fußspuren waren sehr groß. Damals war alles viel leichter. Alles, was du gemacht hast, war neu. Dadurch entstand für alle, die an diesem Prozess beteiligt waren, direkt oder indirekt, so etwas wie eine Identität.
Hassler Ich bin immer wieder erstaunt, wie emotional die Bindung von Leuten in dieser Stadt zu diesem Laden ist. Das ist unglaublich. Als wäre es ihr Wohnzimmer. Und damit muss man auch erst einmal umgehen können. Das ist auch nicht einfach.
Schretzmeier Ich blicke mit einem enorm guten Gefühl auf die Manufaktur. Das hat mit der hohen Qualität, mit der Zuverlässigkeit der Arbeit zu tun. So ein Haus musst du beleben, das ist Werner und der Geschäftsführerin Andrea Kostka gelungen. Ich bin alter Sportler, und ich verliere ungern. Und wenn das Ding irgendwann mal in die Knie gegangen wäre, würde ich mich nicht so gut fühlen wie im Moment hier in der Manufaktur bei den Menschen, die diesen Erfolg weiterentwickelt haben.